Felix Thönnessen: "Einige Start-ups werden viel zu hoch bewertet"

Bootstrapping, Exits, Gründungsmotivation

Wie haben Sie das mit orbyd gemacht, Frau Voss?
Voss: Wir sind gebootstrapped. Und ich muss sagen, dass es ein großer Unterschied ist, ob man mit einem Investor aus der Branche arbeitet oder einem Banker. Es wird deutlich schwieriger, komplexer und zeitintensiver wenn dem Geldgeber das Geschäftsfeld an sich fremd ist. Insbesondere im Digital-Bereich.
Hängt man mehr an einem Unternehmen, wenn man es von Anfang an komplett selbst finanziert? Und entsteht so auch eine nachhaltigere Unternehmenskultur, die vielleicht nicht auf den schnellen Exit zielt?
Thönnessen: Der Trend geht da schon ein Stück weit hin, ja. Besonders durch das Bootstrappen. In Deutschland ist der Weg, Geld zu bekommen - gerade über eine Bank - noch so kompliziert. Das dauert oft so lang, bis die Bank entschieden hat, ist das Geschäftsmodell schon wieder veraltet, gerade im Digitalisierungs-Zeitalter. Und wenn ich da selber mein ganzes Geld reinstecke, bin ich tiefer involviert in das, was ich da tue, als beim klassischen Fremdkapitalweg.
Aber für viele Gründer ist der schnelle, möglichst hohe Exit doch weiter das Ziel und die Motivation für eine Gründung, oder?
Voss: Ja, klar. Und es gab ja auch einige Erfolgsstorys in letzter Zeit, also signifikante Exits am deutschen Markt, die diese Bewegung triggern und die die Gründer entsprechend motivieren. Das wird auch in der Öffentlichkeit bekannt und führt dann im Endeffekt auch dazu, dass mehr gegründet wird.
Thönnessen: Wer hat denn nicht den Traum, sich selber was aufzubauen und damit auch reich zu werden? Aber man muss das auch realistisch sehen. Wie viele Start-ups wurden gegründet und wie viele haben davon einen nennenswerten Exit hingelegt? Da reden wir von einer Quote, die extrem gering ist. Da ist bei vielen immer noch der Wunsch der Vater des Gedanken.
Liegen aktuell irgendwelche Branchen im Trend bei den Gründern?
Voss: Also meine persönliche Einschätzung ist, dass gerade im Food- und im Service-Bereich, also alles was das Leben für den Endnutzer leichter macht, viel entsteht.
Thönnessen: Ich glaube es wird weiterhin viel im klassischen E-Commerce gegründet. Und viele Unternehmen, die die Digitalisierung sämtlicher Dienstleistungen vorantreiben, zum Beispiel Legal Tech oder Prop Tech. Die Branchen gab es zwar früher schon, aber heute werden sie digitalisiert.
Sind da auch Multichannel-Unternehmen dabei oder bleiben das reine Online-Player?
Thönnessen: Uns ist aufgefallen, dass klassische Offline-Unternehmen online eher als Add on nehmen als andersrum. Wenn ein Fashion-Label zum Beispiel einen Online-Shop neben dem Ladengeschäft startet. Und bei Geschäftsmodellen, die es erst online gab und die dann Ladengeschäfte eröffnen, frag ich mich schon oft ob sich der Laden überhaupt selber trägt oder ob es nur darum geht, mehr Awareness in the City zu bekommen, also die Marke in der Stadt bekannt zu machen. Oft ist das Ziel gar nicht, eigene Umsätze zu generieren.
Zum Schluss noch eine Frage aus persönlichem Interesse: Herr Thönnessen, wie weit geht Ihre Beratung der Start-ups bei der Höhle der Löwen?
Thönnessen: Unsere Beratung ist relativ umfassend. Wir sichten die Konzepte und geben Feedback, wo die Schwierigkeiten liegen, auch im Geschäftsmodell. Wir bereiten die Start-ups darauf vor, einen möglichst guten Job zu machen und somit möglichst hohe Chancen auf einen Deal haben.
Und, funktioniert das?
Thönnessen: Naja, manchmal funktioniert das sehr gut, manchmal weniger. Aber manche Menschen nehmen Tipps und Beratung eben gut an, und manche eher weniger gut.



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