dmexco 2016 13.09.2016, 09:30 Uhr

Felix Thönnessen: "Einige Start-ups werden viel zu hoch bewertet"

Die Start-up-Szene hat einen Tag vor der dmexco auf dem Start-up Forum ihren großen Tag. Wir haben mit "Höhle der Löwen"-Coach und Keynote-Speaker Felix Thönnessen und Gründerin Frederike Voss über aktuelle Trends in der Szene gesprochen.
Felix Thönnessen, Investor, "Höhle der Löwen"-Coach und Keynote Speaker beim Start-up Forum
(Quelle: BVDW )
Einen Tag vor der dmexco veranstaltet der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) sein Start-up Forum. Die Keynote hält Coach und Investor Felix Thönnessen, der auch die Start-ups bei der "Höhle der Löwen" berät. Wir haben mit ihm und Frederike Voss von der Start-up Initiative im BVDW und selbst Gründerin des AdTech-Start-ups orbyd über den Ruf der Start-up-Szene, zu hohe Bewertungen und Erwartungen und die Fähigkeit, gute Ratschläge anzunehmen gesprochen.
Quelle: BVDW
Vor der dmexco spricht die Branche immer über die großen Trendthemen auf der Messe. Gibt es denn überhaupt Themen, die in der Start-up-Welt und somit auch auf dem Start-up-Forum im Moment ganz heiß diskutiert werden oder dreht sich alles um die "typischen" Themen?

Felix Thönnessen: Eigentlich dreht sich immer alles um die zwei Kernfragen: Woher kommt das Geld und woher kommen die Kunden? Und das sind auch die Themen, die gerade diskutiert werden. Auf dem Start-up-Forum geht es natürlich auch viel darum, dass sich die Start-ups untereinander vernetzen.
Frederike Voss: Ich merke das auch in der BVDW-Start-up-Initiative. Da geht es primär um die Themen Finanzierung, Recruiting des passenden Personals und darum, wie man Learnings innerhalb der Szene teilen kann. Einen Fehler, den ein Gründer schon gemacht hat, muss ein anderer nicht unbedingt wiederholen. Die Szene ist da sehr offen und sowohl die Initiative im BVDW als auch das Forum vor der dmexco bieten da einen guten Rahmen zum Austausch.
Herr Thönnessen, Sie werden die Keynote auf dem Start-up-Forum halten. Können Sie schon ein bisschen verraten, um was es da gehen wird?
Thönnessen: Es geht viel um Disruption. Darum, dass Start-ups Innovationen in der Gesellschaft platzieren und damit auch die großen alteingesessenen Konzerne aufwecken und wie die damit umgehen. Und darüber, wie man als Gründer Märkte finden kann, die sich aufbrechen lassen, also für Disruption geeignet sind.
Fake-Profile und Millionen-Betrug bei Lovoo, Millionen-Schulden und illegal gekaufte E-Mail-Adressen bei Unister - in letzter Zeit gab es ja mehrfach Negativschlagzeilen über junge Internet-Unternehmen. Ist das dem Start-up-Gen geschuldet?
Thönnessen: Zu einem gewissen Teil muss ich sagen: ja. Vor zehn Jahren haben die Leute einen Laden eröffnet, heute sind Gründungen zu 80 Prozent digitale Lösungen. Da wachsen Dinge häufig schneller, als sie hätten wachsen sollen. Aber der ein oder andere erwacht heute auch ein Stück weit. Man muss sich auf dieses Wachstum vorbereiten.
Ich habe auch gerade das Gefühl, dass ähnlich wie bei Ablösesummen für Fußballspieler, die Bewertungen von Start-ups durch die Decke gehen. Und das auch oft bei Unternehmen, die noch nicht mal genau wissen, wie sie sich finanzieren sollen. Manche denken da offenbar nach dem Motto "Erstmal viele User, dann bekomme ich über Werbung schon mein Geld". Und trotzdem werden Millionen in sie investiert…
Voss: Ich sehe da kein Problem spezifisch in Bezug auf Start-ups. Man kann das natürlich nicht generalisieren, aber ein erfolgreiches Investment ist immer eine Kombination aus einer guten Idee und daraus, wie weit das Geschäftsmodell schon entwickelt ist und ob es bereits ähnliche Modelle am Markt gibt. Darüber hinaus wird auch bedacht, wie viel noch in die Entwicklung eines Produkts gesteckt werden muss. Aber sehr oft ist es auch eine Investition in das Gründerteam. Die Investoren setzen auf die Personen und geben so ein finanzielles Back up. So ein Vertrauen in die Fähigkeiten des Gründerteams ist natürlich sehr schwer quantitativ zu bemessen.
Thönnessen: Mittlerweile ist ja aufgrund der klassischen Zinspolitik mit vielen kleinen Privatinvestoren, die auf Risikokapital setzen, der Kampf um die wirklich guten Start-ups entstanden. Das macht es natürlich auch für die Unternehmen leichter, eine so hohe Bewertung zu bekommen. Manchmal hat man, da muss ich Ihnen recht geben, schon das Gefühl, dass man nur noch eine App entwickeln muss, zehn Downloads braucht und schon ist das Ding zwei Millionen wert. Da fehlt an der ein oder anderen Stelle schon die absolute Substanz. Deshalb wird ja auch schon diskutiert, ob die nächste Blase auf uns zukommt. Einfach weil einige Start-ups in der Grundbewertung schon viel zu hoch sind, das muss man schon sagen.
Mir haben vor einiger Zeit - als das Rocket Internet-Modell noch so hoch gehypet wurde - mehrere Gründer und Investoren erzählt, ein Start-up müsse ganz schnell so viel wie möglich wachsen. Da sei es auch egal, wenn man rote Zahlen schreibt. Hat sich die Einstellung mittlerweile geändert?
Voss: Das kommt auf die Branche an. Und viel darauf, wie der Produktlebenszyklus ist. Häufig müssen gerade im B2B-Bereich die Produkte noch weiterentwickelt werden, da ist so ein schnelles Wachstum gar nicht möglich. Bei B2C-Produkten kann das anders sein. Wenn man direkt in den Markt reingehen kann und den direkten Revenue Impact, also den unmittelbaren Umsatz, sehen kann. Das ist aber immer vom Geschäftsmodell abhängig.
Thönnessen: Seit einigen Jahren spielt da auch sicher der Bootstrapping-Trend eine Rolle. Viele wollen gar nicht mehr den Weg der Fremdkapitalbeschaffung gehen. Wenn mir aber kein Investor mein Unternehmen für zwei bis drei Jahre sichert, dann führt das natürlich dazu, dass die klassische Regel von den ersten Jahren, in denen man ruhig rote Zahlen schreiben kann, nicht mehr gilt. Dann muss man Geld verdienen. Heute gehen die meisten Start-ups auf eine ganz frühe Finanzierungsrunde oder versuchen, ab Tag zwei profitabel zu sein.

Bootstrapping, Exits, Gründungsmotivation

Wie haben Sie das mit orbyd gemacht, Frau Voss?
Voss: Wir sind gebootstrapped. Und ich muss sagen, dass es ein großer Unterschied ist, ob man mit einem Investor aus der Branche arbeitet oder einem Banker. Es wird deutlich schwieriger, komplexer und zeitintensiver wenn dem Geldgeber das Geschäftsfeld an sich fremd ist. Insbesondere im Digital-Bereich.
Hängt man mehr an einem Unternehmen, wenn man es von Anfang an komplett selbst finanziert? Und entsteht so auch eine nachhaltigere Unternehmenskultur, die vielleicht nicht auf den schnellen Exit zielt?
Thönnessen: Der Trend geht da schon ein Stück weit hin, ja. Besonders durch das Bootstrappen. In Deutschland ist der Weg, Geld zu bekommen - gerade über eine Bank - noch so kompliziert. Das dauert oft so lang, bis die Bank entschieden hat, ist das Geschäftsmodell schon wieder veraltet, gerade im Digitalisierungs-Zeitalter. Und wenn ich da selber mein ganzes Geld reinstecke, bin ich tiefer involviert in das, was ich da tue, als beim klassischen Fremdkapitalweg.
Aber für viele Gründer ist der schnelle, möglichst hohe Exit doch weiter das Ziel und die Motivation für eine Gründung, oder?
Voss: Ja, klar. Und es gab ja auch einige Erfolgsstorys in letzter Zeit, also signifikante Exits am deutschen Markt, die diese Bewegung triggern und die die Gründer entsprechend motivieren. Das wird auch in der Öffentlichkeit bekannt und führt dann im Endeffekt auch dazu, dass mehr gegründet wird.
Thönnessen: Wer hat denn nicht den Traum, sich selber was aufzubauen und damit auch reich zu werden? Aber man muss das auch realistisch sehen. Wie viele Start-ups wurden gegründet und wie viele haben davon einen nennenswerten Exit hingelegt? Da reden wir von einer Quote, die extrem gering ist. Da ist bei vielen immer noch der Wunsch der Vater des Gedanken.
Liegen aktuell irgendwelche Branchen im Trend bei den Gründern?
Voss: Also meine persönliche Einschätzung ist, dass gerade im Food- und im Service-Bereich, also alles was das Leben für den Endnutzer leichter macht, viel entsteht.
Thönnessen: Ich glaube es wird weiterhin viel im klassischen E-Commerce gegründet. Und viele Unternehmen, die die Digitalisierung sämtlicher Dienstleistungen vorantreiben, zum Beispiel Legal Tech oder Prop Tech. Die Branchen gab es zwar früher schon, aber heute werden sie digitalisiert.
Sind da auch Multichannel-Unternehmen dabei oder bleiben das reine Online-Player?
Thönnessen: Uns ist aufgefallen, dass klassische Offline-Unternehmen online eher als Add on nehmen als andersrum. Wenn ein Fashion-Label zum Beispiel einen Online-Shop neben dem Ladengeschäft startet. Und bei Geschäftsmodellen, die es erst online gab und die dann Ladengeschäfte eröffnen, frag ich mich schon oft ob sich der Laden überhaupt selber trägt oder ob es nur darum geht, mehr Awareness in the City zu bekommen, also die Marke in der Stadt bekannt zu machen. Oft ist das Ziel gar nicht, eigene Umsätze zu generieren.
Zum Schluss noch eine Frage aus persönlichem Interesse: Herr Thönnessen, wie weit geht Ihre Beratung der Start-ups bei der Höhle der Löwen?
Thönnessen: Unsere Beratung ist relativ umfassend. Wir sichten die Konzepte und geben Feedback, wo die Schwierigkeiten liegen, auch im Geschäftsmodell. Wir bereiten die Start-ups darauf vor, einen möglichst guten Job zu machen und somit möglichst hohe Chancen auf einen Deal haben.
Und, funktioniert das?
Thönnessen: Naja, manchmal funktioniert das sehr gut, manchmal weniger. Aber manche Menschen nehmen Tipps und Beratung eben gut an, und manche eher weniger gut.



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