Gastkommentar 27.11.2019, 10:43 Uhr

Gaia X - oder das peinliche Unverständnis des Cloud-Marktes

Der Cloud-Experte Stefan Ried kommentiert das Konzept Gaia-X für eine europäische Dateninfrastruktur. Gaia-X sollte eine Multi-Cloud mit den Hyperscalern Amazon, Microsoft und Google und keine Alternative gegen sie sein, argumentiert er.
Stefan Ried, Principal Analyst und Practice Lead bei Crisp Research
(Quelle: Crisp Research)
Von Stefan Ried, Principal Analyst & Practice Lead bei Crisp Research, einem Research- und Consultingunternehmen der Cloudflight-Unternehmensgruppe
Eigentlich hört sich die Idee einer nationalen Datensouveränität, wie sie das Projekt Gaia-X vorsieht, erst einmal gut an. Ein Ökosystem zur souveränen Implementierung einer Data-Economy aufzubauen ist die Grundlage für Künstliche Intelligenz. Das Projekt droht jedoch ein Flop zu werden. Denn die drei Hyperscaler Amazon Web Services, Google, Microsoft haben in Bezug auf Skaleneffekte heute schon so einen weiten Vorsprung, dass man mit ihnen nicht mehr sinnvoll konkurrieren kann. Gaia-X sollte eine Multi-Cloud mit den Hyperscalern und keine Alternative gegen sie sein.
Zwei Ziele sind aus den aktuellen, eher groben Dokumenten zu Gaia-X heute erkennbar:
a) Gaia-X soll eine souveräne europäische Dateninfrastruktur schaffen.
b) Gaia-X soll eine Architektur aufbauen, in der Daten zum Beispiel für maschinelles Lernen anonymisiert und ausgetauscht werden können.
Stefan Ried, Principal Analyst und Practice Lead bei Crisp Research
Quelle: Crisp Research
Das Ziel, eine autonome, souveräne Infrastruktur zu entwickeln, wird schiefgehen. Heute sind Infrastrukturen, die extreme Privatsphäre benötigen, Hybride. Einige Teile davon liegen bei sicheren, und andere Teile bei Providern außerhalb der nationalen Souveränität. Gaia-X spricht jedoch heute nicht von hybriden Konzepten beziehungsweise Multi-Cloud Architekturen.
Zweifel bestehen auch, ob das zweite Ziel erreicht wird. Denn dazu müsste Gaia-X einen Software-Stack oder einen Plattform-as-a-Service-Stack aufbauen, der auch Mittelständlern ermöglicht, mit wenig Programmmieraufwand zum Erfolg zu kommen.
Eigentlich müssten die Unternehmen SAP und Deutsche Telekom, die beide am Konzept für Gaia-X mitgearbeitet haben, Bundesminister Peter Altmaier die Skaleneffekte der Cloud erklären können. Als Cloud-Provider ruderte SAP nach anfänglicher Euphorie wieder mächtig zurück. Inzwischen bevorzugt SAP für die meisten Kunden den Betrieb seines Hana-Stacks auf der Infrastruktur von einem der hyper-wachsenden amerikanischen Provider (Amazon Web Services, Microsoft Azure, Google).

PaaS-Dienste spannend für Entwickler

Die Deutsche Telekom hat früh erkannt, dass neben dem reinen Infrastruktur-Angebot besonders die modernen Platform-as-a-Service-Dienste (PaaS) für Entwickler attraktiv sind. Dabei handelt es sich um ein internationales Software-Innovationsbusiness, nicht um ein Netz- und Infrastruktur-Business.
Die Deutsche Telekom hatte deshalb mit Microsoft eine lokales Azure-Rechenzentrum unter ihrer Treuhänderschaft aufgebaut, Personen, Rechtsraum und natürlich die Datenhaltung waren in Deutschland. Nur der Technologie-Stack kam von Microsofts Azure. Das ganze Projekt ist 2018 mit Pauken und Trompeten gegen die Wand gefahren. Nur wenige Kunden wollte einen zehn bis 15 Prozent Aufpreis für die Deutsche Datensouveränität zahlen.
In der Zukunft teilen Unternehmen ihre Daten auf modernen Cloud-Stacks in zwei Teile. Möglichst wenige sensible Daten werden vollständig verschlüsselt und gegebenenfalls in der "deutschen Daten-Souveränität" angelegt. Der volumenmäßig viel größere Teil lässt sich aber meist so weit anonymisieren, dass er problemlos am günstigsten Ort, sprich im günstigsten Rechenzentrum, liegen kann.
Das Gaia-X-Konzept hat also noch eine Chance, wenn die Macher zusammen mit den Hyperscalern an einem Software-Stack arbeiten, der diese Multi-Cloud-Datenhaltung mit hochwertigen Plattform-Diensten ermöglicht. Mit den vier Amerikanern und den Chinesen (Alicloud) wird was aus Gaia-X! Ohne oder gar gegen 85 Prozent des Plattform-as-a-Service-Marktes wird es eher ein peinlicher Mega-Flop.



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