Fabian Göbel, The Nunatak Group 10.05.2018, 11:51 Uhr

"Die Blockchain geht über einen reinen Hype-Status deutlich hinaus"

Dass die Blockchain nicht nur aufgrund des Bitcoins spannend ist, haben inzwischen viele Branchenteilnehmer bemerkt. In welchen Feldern die Technologie noch zum Einsatz kommt, erklärt Fabian Göbel, Principal bei The Nunatak Group.
Fabian Göbel, Principal bei The Nunatak Group
(Quelle: The Nunatak Group )
Was macht die Blockchain im Moment abseits vom Bitcoin-Hype so spannend?
Fabian Göbel:
Die Technologie bietet vielfältige Anwendungsmöglichkeiten, von denen wir heute möglicherweise noch nicht alle kennen. Fast alle unserer Kunden befassen sich branchenübergreifend derzeit mit dem Thema und geeigneten Use Cases. Das unterstreicht die Relevanz und zeigt, dass Blockchain über einen reinen "Hype-Status" deutlich hinausgeht. Gerade im digitalen Werbegeschäft kann die Technologie einen Lösungsansatz für offenkundige Probleme liefern - Stichwort Adfraud. 
Grundsätzlich kann Blockchain immer dort zur Anwendung kommen, wo zwei Parteien in eine Interaktion treten, und dies über einen Intermediär tun, also zum Beispiel Banken oder Trading Desks im digitalen Werbekontext. Neben den offensichtlichen Finanztransaktionen kann eine Blockchain aber auch andere Transaktionen abbilden und bietet dadurch neue Lösungen zu zahlreichen komplexen Geschäftsproblemen. Hier kann sie als neutrale Autorität auftreten und sicher sowie völlig transparent die Interaktion regeln. Nicht umsonst hat der Economist die Technologie als "The Trust Machine" betitelt.  
 
Glauben Sie, dass die neue EU-DSGVO die Blockchain in Bedrängnis bringt? Denn das Problem ist ja, dass die DSGVO Nutzern das Recht auf Löschung und Berichtigung der eigenen Daten einräumt. Die Blockchain funktioniert aber doch genau dadurch, dass eben keine Daten gelöscht oder verändert werden können.
Göbel: Der Gesetzestext der EU-DSGVO liefert in seinen Formulierungen jede Menge Interpretationsspielraum. Hier müssen wir abwarten, wie die Rechtsprechung die ersten Fälle interpretiert, und somit Präzedenzfälle schafft. Gleichwohl kann es aber nicht Sinn einer EU-Verordnung sein, eine vielfältig anwendbare Technologie von Beginn an in ihren Entfaltungsmöglichkeiten zu beschneiden. Wir erwarten hier eine sukzessive Anpassung und Optimierung der Rechtslage.
 
Die Blockchain-Technologie verspricht auch mehr Sicherheit beim Datenaustausch. Das könnte auch für den geschützten Austausch von Daten an Behörden gelten. Wie sehr ist bei dem Thema daher der Gesetzgeber in der Pflicht?
Göbel: Eine Anwendung im Public Sector ist ein hoch interessantes Anwendungsfeld, hier können bei geeignetem Einsatz der Technologie signifikante Effizienzpotenziale realisiert werden. Das wiederum kann einen Ansatzpunkt zur Entlastung der öffentlichen Etats schaffen. Den Gesetzgeber sehen wir dahingehend in der Pflicht, die Potenziale für sich zu evaluieren und geeignete gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen. 
 
Ein schönes Beispiel für den Einsatz der Blockchain ist die New York Interactive Advertising Exchange. Die weltweit erste Handelsplattform für ­Anzeigenverträge will Transparenz ins Trading bringen, dort werden künftige Werbeplatzierungen gehandelt. Sie läuft komplett in der Cloud und macht sich die Blockchain-Technologie zunutze, die für mehr Transparenz sorgen und einen permanenten Nachweis garantieren und die Sicherheit erhöhen soll. Wie schätzen Sie das Potenzial solcher auf der Blockchain basierenden Werbemodelle ein?
Göbel: NYIAX ist eine Blockchain-basierte automatisierte Handelsplattform für künftige Werbeplatzierungen. Der Ansatz der NYIAX ist aus unserer Sicht sehr interessant, da die Technologie hier ein virulentes Problem der gesamten Industrie lösen kann: Intransparenz und daraus resultierende Probleme wie Adfraud. Eine Alltagstauglichkeit ist auch nicht mehr allzu ferne Realität. Wir beobachten sowohl bei Advertisern als auch bei Publishern den Aufbau eigener Adtech stacks - was die technologische Voraussetzung für eine breite Akzeptanz der Idee ist. Es wird sich zeigen, ob sich das oftmals regional geprägte Anzeigengeschäft in einem globalen, zentralisierten Austausch abbilden lassen wird- wir verfolgen die Entwicklungen dieses ambitionierten Projekts sehr genau. 
 
Ihre Prognose: Wann ist die Blockchain fester ­Bestandteil in der Systemlandschaft, den niemand mehr infrage stellt?
Göbel: Das hängt von zahlreichen Faktoren ab, unter anderem von den richtigen Anwendungsfällen und regulatorischen Entwicklungen und ist somit zum jetzigen Zeitpunkt schwer zu beantworten. Wir schätzen das Potenzial der Technologie jedoch als so groß sein, dass sie mittelfristig im Zeitraum von drei bis fünf Jahren den nächsten Schritt genommen hat und in einer Vielzahl von Industrien etabliert ist.



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