Gastkommentar 11.07.2018, 11:09 Uhr

Adobe kauft Magento: Und was passiert jetzt?

Am 19. Juni 2018 gaben Adobe und Magento Commerce bekannt, dass der Software-Konzern für 1,68 Milliarden US-Dollar den Shop-Anbieter übernimmt. Mit dem Wechsel gehen auch viele Zweifel der Community einher.
Jaromir Fojcik, Gründer und Geschäftsführer der creativestyle GmbH
(Quelle: creativestyle)
Von Jaromir Fojcik, Gründer und Geschäftsführer der creativestyle GmbH
Jochen Krisch nennt es auf seinem Blog "Das Ende einer Odyssee nach zehn Jahren": Am 19. Juni 2018 gaben Adobe und Magento Commerce bekannt, dass der Software-Konzern für 1,68 Milliarden US-Dollar den Shop-Anbieter übernimmt. Auch wenn sich diese Übernahme bereits abgezeichnet hat, war ich überrascht. Mit dem Wechsel gehen auch viele Zweifel der Community einher. Ändert sich nur der Name? Oder gar der komplette Kern des Produktes? Ich habe mich auf der Meet Magento in Leipzig zu dem Thema umgehört. 

Magento gehört zur Riege der Leader

Am Anfang noch frisch und mit neuen Ideen am Markt, geriet Magento nach dem Wachstum der ersten Jahre durch die eBay-Übernahme ins Stocken. Der neue Eigentümer konnte das Potential des Systems und seines Open-Source-Ansatzes unter dem Namen "eBay Commerce" nicht nutzen. Magento war zu diesem Zeitpunkt mehr mit sich selbst und interner Politik beschäftigt als mit ihren Produkten, wodurch Konkurrenten wie Shopware (zumindest hierzulande) einige Lücken schließen konnten. 
Durch die erneute Übernahme durch Permira Capital 2016 und das Hillhouse-Investment aus China 2017 hat Magento inzwischen aber wieder zu seiner alten Stärke zurückgefunden und bietet aktuell das umfassendste Produktportfolio im E-Commerce an, insbesondere für mittelständische Kunden. Bereits zum zweiten Mal in Folge wurde Magento daher zurecht 2018 von Gartner im Magic Quadrant for Digital Commerce als Leader eingestuft, aufgrund der umfassenden Funktionalitäten und Schnittstellen. Damit rangiert der Anbieter in einer Liga mit Mitbewerbern wie SAP Hybris, Salesforce, Oracle oder auch IBM. Auch Forrester zeichnete Magento 2017 als B2B Leader aus.
Magento hat damit einiges an Reputation innerhalb dieser letzten zwei Jahre gewonnen und ist erwachsen geworden. Kein Wunder, dass das Shopsystem mit diesem steilen Aufstieg einen Softwareriesen wie Adobe von sich überzeugen konnte.

Die Pechsträhne von Adobe hat ein Ende

Bereits in den vergangenen Jahren hat Adobe das Angebot um eine eigene E-Commerce-Lösung zu ergänzen versucht, musste hier jedoch zwei Mal gegen große Konkurrenten den Kürzeren ziehen. 2013 war Adobe an einer Übernahme von Hybris interessiert, hatte aber gegenüber SAP für rund eine Milliarde US-Dollar das Nachsehen. Drei Jahre später übernahm Salesforce das Shopsystem Demandware für 2,8 Milliarden US-Dollar, an dem Adobe ebenfalls interessiert war.
Seitdem nahmen die Vergleiche zwischen den Konkurrenten nicht ab, eher im Gegenteil. Fakt ist: Mit der Übernahme von Magento hat Adobe viel Boden gut gemacht. Schon 2016 gaben die beiden Konzerne eine technische Kooperation bekannt, durch die es Magento Kunden möglich wurde, direkt auf die Funktionen des Adobe Experience Managers zuzugreifen und damit Kunden mit hoch personalisierten Marketingbotschafen über alle Kanäle anzusprechen. Die Komplettübernahme ist daher wenig überraschend – der Zeitpunkt dagegen schon. 

Leistungsportfolio oder doch das liebe Geld?

Das Investment kostete den Software-Hersteller stolze 1,68 Milliarden US-Dollar. Zukünftig soll Magento nun in der Adobe Experience Cloud verfügbar sein. Das Umsatzpotenzial schätzt Adobe auf rund 13 Milliarden US-Dollar ein. Doch was war der tatsächliche Grund für diesen Kauf? Adobe argumentiert damit, seinen Kunden nun ein Fullservice-Portfolio anbieten zu können. In erster Linie profitieren davon große gemeinsame Kunden der beiden Anbieter wie Coca-Cola, Nestle und Cathay Pacific. Sie können nun Shopsoftware und Business Tools aus einer Hand genießen.
Intern gibt es jedoch eher die Vermutung, dass die Aktionäre die treibende Kraft im Hintergrund waren. Es könnte sein, dass auf ihr Drängen Adobe endlich die Marktlücke zu den Konkurrenten von SAP, IBM und Oracle schließt. Dabei kam Adobe wesentlich günstiger mit Magento davon, als beispielsweise mit Shopify, die derzeit mit 15 Milliarden US-Dollar an der Börse bewertet werden. 

Die Zukunft von Magento 

Aber ist günstiger auch gleich schlechter? Auf den ersten Blick haben die beiden Systeme nicht viel gemeinsam. Magento ist auf PHP-Basis programmiert, Adobe greift dagegen auf Java zurück. Bislang ist Adobe auch nicht unbedingt für Open-Source-Projekte bekannt. Technisch muss also einiges an Überbrückungsarbeit geleistet werden. Trotzdem profitieren beide Systeme voneinander. Magento hatte sich bereits im letzten Jahr verstärkt auf seine B2B-Features und die Cloud-Einbindung konzentriert, um die Shopsoftware im Enterprise-Segment interessanter zu gestalten. Durch den Zusammenschluss mit Adobe wird die Ausrichtung auf den Enterprise-Aspekt noch verstärkt.  
So können sie ihr Angebot nun um angebundene Tools beispielsweise für KI, Social Media und Tracking erweitern. Zusätzlich werden benötigte Investments für Neuentwicklungen einfacher zugänglich - Adobe ist bekannt für ihren Innovationsdrang. Der Software-Hersteller dagegen profitiert von der nun angebundenen Shoplösung, die es Kunden zusätzlich erleichtert mit ihnen zu arbeiten. Das Angebot, die schon bestehende Shopsoftware zu wechseln und nun alles bei Adobe zu verwalten, wird so attraktiver. Zusätzlich erhält Adobe einen einfacheren Zugang zu mittelständischen Händlern. 
Der Tenor in Bezug auf die Zukunft ist eindeutig: Bis jetzt gibt es keinen festen Plan für die Zeit nach dem dritten Quartal, wenn der "Übergang" komplettiert sein soll - weder offiziell noch inoffiziell. Ich für meinen Teil glaube nicht, dass in kurzer bis mittelfristiger Zeit einschneidende Veränderungen eintreten werden. Alleine aufgrund der technischen Level, die aneinander angepasst werden müssen. 
Den Namen wird Magento allerdings vermutlich nicht in dieser Form erhalten können. Wahrscheinlich ist eine Mischform, wie etwa bei SAP Hybris der Fall. Zum Beispiel Adobe Magento. Komplette Inklusionen der Namen sind eher weniger erfolgreich, wie das Beispiel Demandware und Salesforce gezeigt hat. Zudem kann ich mir nicht vorstellen, dass Magento nun komplett verschwinden wird. So sagt Adobe auf ihrem Blog, dass Magento die individuellen Merkmale erhalten wird. 



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