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Sonstiges 02.03.2010
Gerrit Heinemann
Sonstiges 02.03.2010

Handel verschläft E-Commerce

"Top-Handelsmanager sind Internetanalphabeten"

Gerrit Heinemann will den Handel wachrütteln

Gerrit Heinemann will den Handel wachrütteln

Der Internethandel boomt, doch die großen Handelsfilialisten verschlafen den E-Commerce-Boom. Das moniert Gerrit Heinemann, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Niederrhein.

Rund zehn Prozent des gesamten Konsums ohne Wohnungsausgaben werden in Deutschland inzwischen über das Internet abgewickelt. Zu diesem Ergebnis kommt Gerrit Heinemann, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Niederrhein. Damit beläuft sich das gesamte Handelsvolumen im E-Commerce auf rund 100 Milliarden Euro. Eingerechnet werden dabei neben dem reinen Webhandel auch Onlinereisen, Ausgaben für DSL-Verträge, Kfz- und Gebrauchtwagengeschäfte via Internet, Media-Contents und Downloads, Onlinebanking sowie sonstige E-Vermittlungen wie Onlineapotheken oder Datingdienste.

Und es soll noch besser werden: "Der große Tsunami der Digital Natives kommt erst noch", prognostiziert Heinemann. Die Generation, die mit Facebook aufwuchs, werde in spätestens fünf bis acht Jahren voll geschäftsfähig und nutze das Web dann nicht mehr nur zum Kommunizieren, sondern auch zum Konsumieren. Doch anstatt sich auf den E-Commerce-Boom gezielt vorzubereiten, bewegen sich die meisten Handelsfilialisten nicht. "60 Prozent der größten filialisierten Handelskonzerne haben keinen Onlineshop und das einzige Unternehmen, das derzeit ernsthaft aufrüstet, ist Otto", konstatiert der E-Commerce-Profi. Stattdessen würde das Topmanagement in Flagship Stores auf teuren Flaniermeilen investieren. "Der Flagship Store gehört ins Netz", ist Heinemann überzeugt. Doch nicht wenige Entscheidungsträger im angestammten Handel seien bislang offensichtlich noch Internetanalphabeten.

Handel hat Probleme mit der schlipslosen Duzkultur

Sein Ratschlag an die Filialisten: "Entweder selbst Kompetenz aufbauen oder Kompetenz einkaufen." Aber auch hier sieht Heinemann Probleme: "Die schlipslose Duzkultur der E-Commerce-Profis mit Moonlighting Events passt nicht zu den konservativen Vorstellungen vieler Traditionshändler, die noch Wert auf gebügelte Hosen legen", erläutert der BWL-Professor. Diese unterschiedlichen Kulturen zu integrieren, sei eine große Herausforderung. Und auch die Gehaltsvorstellungen vieler Web-Spezialisten lägen oft über dem, was Handelsunternehmen bereit seien zu zahlen.

Aber: Noch ist es nicht zu spät für die Filialisten, glaubt Heinemann: "Der angestammte Handel hat immer noch viele Kunden und die erwarten, zwischen den Vertriebskanälen springen und je nach Lust und Laune offline oder online einkaufen zu können", erläutert er. Der Handel müsse nur endlich begreifen, dass es letztlich egal ist, über welchen Kanal ein Kunde einkauft, Hauptsache, er kauft im eigenen Unternehmen. Und das Investitionsrisiko für einen eigenen Shop tendiere gegen null, wenn man die gesamte Infrastruktur auslagert.

Heinemanns Fazit: "Der ideale Zeitpunkt zum E-Commerce-Einstieg ist jetzt. Die Lehrjahre sind bezahlt. Und die Pfründe sind noch nicht verteilt."

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