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Sonstiges 17.11.2015
Sonstiges 17.11.2015

Gastkommentar "Anonymität macht das Internet zu einem unpersönlichen, sterilen Ort"

Olaf Brandt, Geschäftsführer von etracker

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Olaf Brandt, Geschäftsführer von etracker

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Das neue Firefox-Update "Tracking-Protection" blockt auch Werbeanzeigen. Aus Sicht der Macher eine große Errungenschaft in puncto Privatsphäre. Anonymität im Netz kann für den User jedoch nicht erstrebenswert sein.

Der Schutz der Privatsphäre im Internet ist wichtig, aber bitte, bitte nicht missverstehen: 100-prozentige Anonymität im Web ist nicht erstrebenswert. Warum?

Wenn wir in unserem Stammlokal persönlich willkommen geheißen werden, unser Weinhändler um die Ecke uns persönliche Empfehlungen gibt, unser Friseur fragt, ob er uns das Haar "wie immer" schneiden soll, die Boutique-Verkäuferin auf unsere Vorlieben eingeht, dann ist dies keine Verletzung unserer Privatsphäre, sondern Service.

Diese Art des Services ist nur möglich, dank der Fähigkeit, Menschen wiederzuerkennen und Erinnerungen an vergangene Interaktionen abzurufen. Der Unterschied zwischen der Offline- und der Online-Welt besteht einzig und allein darin, dass nicht Menschen die Wiedererkennung und Erinnerung leisten, sondern Maschinen.

Daten und Algorithmen für menschlicheres Gesicht

Wollen wir als Kunden und Verbraucher in der Online-Welt mehr als rein standardisierte, transaktionsorientierte Interaktionen ohne wirkliche persönliche Bindung und Ansprache erleben, so geht dies nur mit der Preisgabe bestimmter Daten durch den Besucher sowie deren Speicherung und Abruf in Echtzeit. Das scheinbare Paradox besteht darin, dass Daten und Algorithmen erforderlich sind, um dem Online-Erlebnis ein emotionaleres und menschlicheres Gesicht zu verleihen. Persönlicher Service und 100-prozentige Anonymität kann man nicht in Einklang bringen.

Was ist hingegen nicht als Service, sondern als Verletzung der Privatsphäre zu verstehen? Auch hier hilft uns der Vergleich mit der Offline-Welt. Eine Verletzung der Privatsphäre würde dann vorliegen, wenn im Stammlokal Kameras installiert und die Aufnahmen im Internet gestreamt würden, der Friseur den Inhalt des Smalltalks in den sozialen Medien verbreiten würde oder wenn der Weinhändler Zugang zu den Krankenakten bekäme. Unglücklicherweise wird die Datennutzung zu Servicezwecken einzelner Online-Anbieter gerne in einen Topf mit der Datensammelwut von Geheimdiensten, Werbenetzwerken sowie Anbietern wie Facebook, Google und Co geworfen.

Tracking ist nicht gleich Tracking

Was ich an dem Vorstoß von Mozilla bedauere, ist, dass diese Differenzierung nicht stattfindet, sondern jede Art des Trackings in einen Topf geworfen wird. Tracking ist aber nicht gleich Tracking. Den Unterschied erkennt man nicht am in der Website integrierten Code oder sieht es den Cookies an.

Um serviceorientiertes Tracking von einem die Privatsphäre verletzendem Tracking zu differenzieren, ist ein unabhängiges Prüf- und Zertifizierungsverfahren notwendig. Mozilla macht vielleicht das Internet ein wenig sicherer, aber leider nicht menschlicher - eher unpersönlicher und steriler. Und Entscheidungen in Unternehmen zu den Website-Inhalten und Usability werden wohl zukünftig wieder aus dem Bauch heraus getroffen werden statt auf Basis von Webanalyse-Daten. Das heißt dann wohl zurück in die 90er Jahre in Sachen datengetriebenes Marketing.

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