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Florian Gaeng
Sonstiges 21.03.2017
Sonstiges 21.03.2017

Gastkommentar Meine 3 Trends von der SXSW in Austin

Florian Gäng, Director Strategy und Analysis, SapientRazorfish Kontinentaleuropa

SapientRazorfish

Florian Gäng, Director Strategy und Analysis, SapientRazorfish Kontinentaleuropa

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Auf der SXSW in Austin gab es dieses Jahr mehr Trends und Innovationen, als ein Einzelner überhaupt aufnehmen und mitnehmen kann. Florian Gäng von SapientRazorfish nennt seine drei wichtigsten Learnings.

Von Florian Gäng, Director Strategy und Analysis, SapientRazorfish Kontinentaleuropa

Die SXSW in Austin ist weiterhin eine der innovativsten Veranstaltungen der Digital-, Film- und Musikbranche. Dabei stehen nicht nur neue Technologien, Trends und Praxisbeispiele im Zentrum des Interesses. Zum Kern des Konzeptes gehören alle Aspekte der Inspiration.
 
Inhaltlich standen dieses Jahr - im Vergleich zu 2016 - allerdings weniger neue Visionen und Trends im Vordergrund. Das liegt daran, dass die großen Themen der vergangenen Jahre - Virtual und Augmented Reality, Chatbots und Conversational Interfaces sowie Artificial Intelligence - gereift und bereits in vielen Branchen im Einsatz sind. Die Teilnehmer konnten sich also dieses Jahr über viele Erfahrungsberichte und Best Practices freuen, die vor wenigen Jahren noch fern jeglichen Praxisbezugs waren. Diese wurden vermehrt in praxisnahen Sessions abseits des eigentlichen Programms präsentiert - unter anderem auf Events wie den "Fireside Chats" von Dieter Zetsche oder Mark Cuban im German Haus, den Präsentationen im Capital One House oder dem SapientRazorfish Innovation Day.
 
Dennoch zeichneten sich über alle Veranstaltungen hinweg drei deutliche Trends ab, die insbesondere für den europäischen und deutschen Markt größte Relevanz haben:

1. Konnektivität

Besonders eindrucksvoll präsentierten sich zwei Ansätze in diesem Themenfeld: Bloomberg etwa setzt Satellitenbilder zur Einschätzung der Binnenwirtschaft in China ein. Und Here, der Kartendienst des Konsortiums von Daimler, BMW und Audi, geht sogar noch einen Schritt weiter und will die Schlüsselkomponente für autonomes Fahren liefern: Die Datenspezialisten arbeiten nicht nur an in Echtzeit aktualisierenden 3D-Straßenkarten, sondern sie bieten künftig prognostische 4D-Karten für autonom fahrende Autos, um den Straßenverkehr sicherer zu machen. Dabei geht es immer um die Fähigkeit, komplexe Daten aus den verschiedensten Quellen in Echtzeit zu orchestrieren und die sogenannte Sensor Fusion zu meistern - so Dieter Zetsche von Daimler im Talk über die Zukunft des autonomen Fahrens.
 
Experten und Firmen, die in diesem Markt mitspielen wollen, müssen sich dringend aus ihrem marketingzentrierten Denken und dem damit verbundenen Fokus auf Kommunikationstechnologien lösen. Um die Fragestellungen rund um Potenziale und Risiken dieser neuen "Hyper-Konnektivität" zu lösen, benötigen Unternehmen künftig nicht nur neue technische Kenntnisse, sondern auch ein tiefes Verständnis des Menschen in seiner soziologischen und infrastrukturellen Umwelt.

2. Maturität

In vielen Talks erzählten Experten offenherzig, mit welchen Methoden und Erfahrungen sie bessere Produkte für die digitale Welt bauen. Agile Herangehensweisen wie Lean Service Design, eine strenge Nutzerzentrierung mit dem unbedingten Willen zur Nutzerforschung sowie stringente Testzyklen sind in vielen Unternehmen längst etabliert. Selbst zu neueren Technologien wie Virtual Reality und Conversational Interfaces war ein breiter Erfahrungsschatz auf der SXSW erlebbar.
 
Das Ingenieur-geprägte Deutschland hinkt dabei in Sachen digitaler Innovation deutlich hinterher. Abseits von Mercedes und Smart gaben sich kaum DAX-Unternehmen oder auch nur einer der vielen deutschen Weltmarktführer auf der Konferenz die Ehre. Es ist bewundernswert, wie schnell, innovativ und mutig viele amerikanische Unternehmen sich nutzerzentrierte Herangehensweisen, Geschwindigkeit und vor allem einen jungen, top-ausgebildeten und motivierten Mitarbeiterstamm angeeignet haben - auch in Traditionsbranchen. Hier muss sich für viele deutsche Unternehmen die dringende Frage nach Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft stellen. Auch bleibt es eine der zentralen Herausforderungen für die deutsche Beratungs- und Agenturlandschaft, dafür der richtige Partner zu sein.

3. Die Zukunft der Gesellschaft

Die SXSW ist traditionell eine business- und technologiefreundliche Veranstaltung, die ihre Themen und Errungenschaften von jeher ins positive Licht gesellschaftlicher Mehrwerte zu rücken wusste. Dennoch sind in diesem Jahr vereinzelte, aber deutliche Apelle und Warnungen an die Branche zu hören, die sie dazu mahnen, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden - insbesondere in den USA der Trump-Administration.
 
So beleuchtete Kate Crawford in ihrem Talk "DARK DAYS: AI and the Rise of Fascism" die missbräuchlichen Möglichkeiten, die durch die Kombination von Daten, maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz entstehen können.

Und Will Anderson und Karwei Ng verwiesen in ihrem Vortrag "Digital Copycats: Escaping Plato's Cave" darauf, dass wahre Erkenntnis immer in der Innovation und neuen Gedanken liegt, diese aber durch das massenhafte Kopieren erfolgreicher Geschäftsmodelle nicht nur verhindert, sondern so auch ein Heer von "Niedriglöhnern" geschaffen wird.
 
Die Gesellschaft nicht weiter zu spalten, sondern vielmehr Technologien dazu einzusetzen, Lebenswirklichkeiten zu verbessern und Gesellschaften als solche sicherer, robuster und humaner zu gestalten - auch das ist ein Trend der SXSW 2017. In einem der ergreifendsten Events der Konferenz diskutierte ein Panel aus Hospizmitarbeitern, Palliativmedizinern, Krankenhausmanagern und Designexperten über ihre Vision, Sterbende und ihre Familien besser zu begleiten. Auch in diesem Teil des Lebens zeigen sich Möglichkeiten der Digitalisierung und das Bemühen, diese sinnstiftend für Menschen zu nutzen. Im lauten Trubel der SXSW ein kleines und leises Ausrufezeichen für die wirklich wichtigen Dinge.

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