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Sonstiges 07.05.2014
Sonstiges 07.05.2014

Runder Tisch "E-Commerce" "Der Handel muss für neue Ideen offen sein"

In Nordrhein-Westfalen diskutieren seit gestern Politik und Wirtschaft am Runden Tisch über das Thema E-Commerce. Internet World Business sprach mit Garrelt Duin (SPD), Wirtschaftsminister von NRW.

Herr Duin, Sie haben in Nordrhein-Westfalen den Runden Tisch "E-Commerce" gestartet. Was erwarten Sie sich von dem Gremium?

Garrelt Duin: Der Handel ist der zweitgrößte Arbeitgeber und eine entscheidende wirtschaftliche Größe in Nordrhein-Westfalen. Mit der zunehmenden Digitalisierung und dem veränderten Nutzungs- und Kaufverhalten erlebt er derzeit einen tiefgreifenden Strukturwandel. Der anhaltende Boom von E-Commerce und Mobile Commerce erhöht den Druck insbesondere auf den innerstädtischen Einzelhandel, sich mit Innovationen auf die veränderte Situation einzustellen. Hierdurch eröffnen sich Chancen, aber auch Herausforderungen für Händler und Dienstleister.


Gemeinsam mit Unternehmen, Wissenschaft und Verbänden wollen wir uns beim „Runden Tisch zum Online-Handel“ ein genaueres Bild davon machen, wie sich der E-Commerce auf Verbraucher, Dienstleister und Händler auswirkt. Ich erhoffe mir daraus einen Erkenntnisgewinn, wie sich die vielfältigen Ideen und Potenziale, die in der Branche vorhanden sind, im boomenden E-Commerce noch effektiver für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit des Handels in Nordrhein-Westfalen nutzen lassen. Darüber hinaus ist es unser Ziel, zusammen mit Wirtschaft, Verbänden, Kommunen und Politik Ideen zu entwickeln, wie wir unsere Städte und Gemeinden lebendig erhalten können.


Einen ähnlichen Runden Tisch beruft bald die Bundesregierung ein. Warum brauchen Sie Ihren eigenen? Ist der Online-Handel ein regionales oder gar lokales "Problem"?

Duin: Genau wie der stationäre Einzelhandel hat der E-Commerce natürlich sowohl eine lokal-regionale wie eine gesamtwirtschaftliche Komponente. Deshalb freue ich mich, dass auch die Bundesregierung sich um dieses Thema kümmert. Mein Haus ist dazu mit dem Bundeswirtschaftsministerium im Gespräch, wir wollen uns keine Konkurrenz machen. Fakt ist: Der Internethandel ist eine der ganz großen Zukunftsbranchen. Für die Einzelhändler vor Ort stellt dieser rasante Wandel eine große Herausforderung dar. Er bietet aber auch enorme Chancen! Allerdings erfüllt das Einkaufen ja nicht nur eine Versorgungsfunktion im Sinne der Nahversorgung. Läden, Geschäfte sind auch Orte der Begegnung, und das sollen sie bleiben. Nur im Schulterschluss mit Einzelhändlern, Kommunen, Stadtentwicklern, Verbänden und Bürgern kann die Politik Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass unsere vitalen und vielfältigen Innenstädte erhalten bleiben und der stationäre Handel in unserem Land auch in Zukunft eine Chance hat.

Wie bedeutsam ist der Online-Handel (und die davon extrem profitierende Logistik-Branche) für NRW heute? Wie viele Arbeitsplätze wurden durch den E-Commerce in Ihrem Bundesland geschaffen, wie viele werden davon bedroht?

Duin: Über 700.000 Beschäftigte im nordrhein-westfälischen Einzelhandel erwirtschaften einen Jahresumsatz von rund 100 Milliarden Euro. Wie viele Arbeitsplätze durch den zunehmenden Onlinehandel in allen Branchen neu entstehen, lässt sich nicht beziffern. Klar ist aber: Für die Wettbewerbsfähigkeit unseres Standorts ist die Digitale Wirtschaft von herausragender Bedeutung. Die etwa 23.600 IKT-Unternehmen beschäftigten im Jahr 2011 knapp 200.000 Menschen und erwirtschafteten einen Umsatz von fast 93 Milliarden Euro. Das entspricht immerhin circa 17 Prozent des nordrhein-westfälischen Bruttoinlandsprodukts.

Eine ganz wesentliche Wachstumsbranche in NRW ist die Logistik. Hier sind 284.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig; zählt man die mit Logistikaufgaben betrauten Beschäftigten in Industrie und Handel hinzu, kommt man auf eine Gesamtzahl von 615.000 Beschäftigten. In den vergangenen Jahren konnten wir eine ganze Reihe bedeutender Investitionsvorhaben von Logistik- und Handelsunternehmen verzeichnen: Etwa die neuen Logistikzentren von Amazon in Rheinberg und Zalando in Mönchengladbach oder die Anfang April erfolgte Absichtserklärung über eine Investition von Deutsche Post DHL in ein neues Mega-Verteilzentrum auf dem bisherigen Opel-Areal in Bochum. Jedes einzelne dieser Logistikvorhaben schafft rund 500 bis 600 neue Arbeitsplätze – saisonal (insbesondere im Weihnachtsgeschäft) können es noch viel mehr sein.

"Websites am Sonntag sperren? Nicht durchführbar!"

Ist es Ihrer Meinung nach sinnvoll, den E-Commerce oder die ausführenden Logistiker durch Reglementierungen einzuschränken, um den Wettbewerb zum stationären Handel "fairer" zu gestalten? Kann der stationäre Handel so geschützt werden?

Duin: Ein klares Nein auf beide Fragen. Die Entwicklungen im Handel sind marktgetrieben und wir würden uns dem Vorwurf aussetzen, den Wettbewerb zu verzerren, wenn wir solche Reglementierungen ins Auge fassen würden. Der stationäre Handel, aber auch Immobilieneigentümer und Stadtplaner müssen sich den neuen Herausforderungen stellen und offen für neue Ideen sein.

Welchen Forderungen aus der Wirtschaft sieht sich die Politik gegenüber, wenn es um den Online-Handel geht?

Duin: Natürlich erreichen mich zuweilen Forderungen und Klagen, zum Beispiel darüber, dass das Ladenöffnungsgesetz mit den entsprechenden Sonntagsverkaufsverboten nicht für den Online-Handel gilt. Doch wie will man das durchsetzen – soll eine Website sonntags gesperrt werden? Die Verbraucherinnen und Verbraucher möchten sich in ihrem Kaufverhalten nicht einschränken lassen. Sie möchten Angebote, die eine gute Qualität haben und die ihren Preis wert sind, sie wünschen ausreichenden Information, eine gute Beratung und eine einfache und reibungslose Abwicklung ihres Einkaufs, sowohl beim stationären Handel als auch Online.

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