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Schweizer Flagge vor Bergen
Sonstiges 28.01.2015
Sonstiges 28.01.2015

Verkaufen in die Schweiz Web-Händler reagieren kaum auf starken Franken

Shutterstock.com/Natali Glado
Shutterstock.com/Natali Glado

Seit die Schweizer Nationalbank vor zwei Wochen den Mindestkurs des Franken fallen ließ, könnte die Schweiz ein Eldorado für deutsche Online-Händler sein. Aber die halten sich noch zurück.

Diese Nachricht hatte kaum jemand aus der Finanz- und Handelswelt erwartet: Wie aus dem Nichts heraus gab die Schweizer Nationalbank vor zwei Wochen bekannt, dass der Mindestkurs des Schweizer Franken nicht mehr künstlich gegenüber dem Euro gestützt werden solle. Auf den anfänglichen Schock der Branche folgte das große Rätselraten: Was kommt jetzt? Die Frage beantworteten die Schweizer Verbraucher: Die kommen nämlich seither in Scharen über die Grenze und kaufen ein - zu dank der Stärke ihrer Währung konkurrenzlos günstigen Preisen.

Umgekehrt müsste eigentlich ein lukrativer Schuh für deutsche Händler, die in die Schweiz exportieren, daraus werden. "Wer in der Schweiz schon über einen eigenen .ch-Shop verkauft, verdient auf einmal, ohne irgendetwas zu tun, 20 Prozent mehr", fasst der Schweizer E-Commerce-Experte Thomas Lang von Carpathia Consulting die Lage zusammen. Auf die Frage, wie deutsche Online-Händler mit Schweizer Dependance am besten von der Situation profitieren könnten, hat er eine Antwort parat: "Ich würde jedem deutschen Online-Händler raten, die Preise in seinem Schweizer Shop jetzt um 20 Prozent zu senken. Dann verdienen sie immer noch soviel wie vorher, werden aber ungleich attraktiver für Schweizer Kunden." Auch gezielte Werbekampagnen in der Schweiz, die die Preisvorteile deutlich kommunizieren, kämen jetzt zum rechten Zeitpunkt, so Lang.

Das klingt absolut einleuchtend; umso erstaunlicher, dass noch kaum ein deutscher Online-Händler auf diese Weise reagiert. Der Bio-Textilienfakrikant Hess Natur mit Sitz im hessischen Butzbach hat angekündigt, die Preise in der Schweiz um 18 Prozent zu senken. Und Esprit gibt den Währungsvorteil vollumfänglich an die Kunden weiter: Seit Anfang der Woche kosten Produkte in den Schweizer Filialen und im Schweizer Online-Shop 20 Prozent weniger. Sonst hat Thomas Lang weder im stationären noch im Online-Handel vergleichbare Reaktionen deutscher Verkäufer auf die neue Situation gesehen. "Wir warten noch ab", heißt es beispielsweise bei Zalando, dessen Schweizer Ableger immerhin der viertgrößte Online-Shop im Eidgenossen-Staat ist.

Offene Panik statt Abwarten und Teetrinken

Während also die deutschen Kollegen noch abwarten, wie sich die Situation weiter entwickelt, ist die anfängliche offene Panik unter Schweizer Händlern bereits in Aktionismus umgeschlagen. Elf Milliarden Franken könnten dem Schweizer Einzelhandel durch Einkaufstourismus in EU-Nachbarstaaten verloren gehen, schätzte kürzlich die Credit Suisse. Dagegen versuchen die Händler so gut es geht vorzugehen. "Auf der Hochpreisinsel Schweiz geraten die Preise ins Rutschen", beschreibt die Neue Züricher Zeitung die Situation. Schweizer Lebensmittel-Grossisten haben diese Woche Abschläge von bis zu 30 Prozent vorgenommen, importierte Produkte könnten in Zukunft aufgrund der verbesserten Einkaufspreise noch günstiger werden. Auch die Autobranche hat schon reagiert und bietet Neuwagen für mehrere tausend Franken weniger an als zuvor.

Natürlich können nicht alle Schweizer Händler diesen Preiskampf mitgehen: Je mehr der Prozesskette in der Schweiz abläuft, umso höher sind auch die Kosten hinter dem Produkt. Buchhändler oder Verkäufer von Schweizer Spezialitäten wie Schokolade oder Luxuswaren wie Schweizer Uhren können ihre Preise kaum senken. Aber in vielen Branchen wird ein Großteil der Rohstoffe importiert. "Wer kann, verhandelt bei den Importpreisen jetzt nach", so Thomas Lang.

Die aktuelle Goldgräber-Situation für deutsche Händler in der Schweiz könnte sich also zumindest in den Branchen, in denen die Schweizer Konkurrenz preislich mitgehen können, schnell ändern. Zudem ist nicht absehbar, ob der Euro-/Franken-Kurs dauerhaft bei etwa 1:1 bleibt. Den ersten Zug haben die Schweizer Händler bereits gemacht. Deutsche Händler, die darauf antworten wollen, sollten wohl nicht mehr allzu lange warten.

Der internationale Online-Handel scheint bei vielen Shopbetreibern hierzulande noch in den Kinderschuhen zu stecken. Ein Großteil will dies aber ändern: Immer mehr deutsche Online-Händler wollen künftig auch im Ausland Umsatz machen. Besonders beliebtes Expansionsziel sind die skandinavischen Länder.