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Sonstiges 10.09.2014
Sonstiges 10.09.2014

BVDW und Digitale Agenda Digital-Politik dreht in richtige Richtung

BVDW-Präsident Matthias Ehrlich

BVDW-Präsident Matthias Ehrlich

Matthias Ehrlich gehört zu den Pionieren der Branche. Im Gespräch mit INTERNET WORLD Business scheut sich der BVDW-Präsident nicht vor klaren ­Worten.

Der BVDW ist ideeller Träger und Inhaber der Marke dmexco. Wenn Sie Ihr Baby so anschauen, sind Sie stolz?
Matthias Ehrlich: Auf jeden Fall. Wenn man bedenkt, dass es uns mit der dmexco gelungen ist, den Hot Spot zu schaffen, der aus Deutschland und Europa heraus die globale digitale Wirtschaft zusammenbringt und vernetzt und der zentrale Treffpunkt für Vordenker und Meinungsführer aus aller Welt ist, dann ist das ein toller ­Erfolg, der uns auch stolz macht. Umso mehr, weil die dmexco und ihre rasante Entwicklung vor allem eine einzigartige Branchenleistung sind: Die dmexco ­bezieht ihre anhaltende Dynamik und ­Anziehungskraft aus der Kreativität, Innovativität und Leistungsstärke der digitalen Wirtschaft, insbesondere des Marketing- und Mediasegments. Es sind die Unternehmen der digitalen Wirtschaft, die ­diese Plattform tragen und befeuern.

Das Netz ändert sich rasant und greift auf ganze Industrien über - Stichwort Industrie 4.0. Erfindet sich das Web gerade neu?

Ehrlich: Es ist nicht zu übersehen, dass wir an einem entscheidenden Punkt angekommen sind. Das Internet selbst, wie wir es bis dato kennen und nutzen, wird schon bald ein völlig anderes sein - man könnte sagen: Das Internet verlässt das Internet. Disruptive Innovationen und Entwicklungen wie das "Internet der Dinge" und "Industrie 4.0“ schärfen sich gerade in ihrem Impact und werden uns mit völlig neuen Fragestellungen konfrontieren, die nicht nur für die digitale Wirtschaft selbst, sondern viel mehr noch für die klassische Industrie von großer Bedeutung sind und einen massiven Umbruch mit sich bringen.
Das gilt auch für die Volkswirtschaft: Jahrzehntelang haben Deutschlands hoher Industrialisierungsgrad und unsere Spitzentechnologien in vielen Branchen uns als Industrienation im globalen Wettbewerb weltweit in der Spitze gehalten. Jetzt ändern sich die Spiel­regeln - mit der digitalen Transformation werden Daten auch für die industrielle Wertschöpfung essenziell und zu einem kritischen Erfolgsfaktor. Gerade Entwicklungen wie die automatisierte digitale Kommunikation zwischen Maschinen bergen ein enormes Innovations- und auch Wachstumspotenzial und haben massive Auswirkungen auf Fertigungs- und Logistikprozesse. Aus dem klassischen Slogan "Vorsprung durch Technik" muss "Vorsprung durch Technik, Daten und Digitalisierung" als Markenzeichen für "Made in Germany“ werden.

Wie sieht die digitale Landschaft oder auch die dmexco in fünf Jahren aus? Werden die Vermarkter immer noch die größten Stände haben?
Ehrlich: Der entscheidende Punkt ist ein anderer. Marketing und Kommunikation werden immer von zentraler Bedeutung sein - in der digitalen Zukunft sogar noch mehr. Allerdings wird sich das, was wir als Vermarkter verstehen, verändern. Mit der künftigen Ubiquität des Internets entstehen situativ und kontextbezogen neue ­Kanäle und Kontaktpunkte mit neuen Funktionen. Wir werden möglicherweise also Kommunikationsträger neu denken und vor diesem Hintergrund unser Verständnis von Media und von dem, was wir bislang im klassischen Kontext von ­Medien als Vermarkter verstanden haben, überarbeiten müssen. Hier wird es Erweiterungen geben, die wir heute vielleicht noch gar nicht sehen.

Microsoft, Amazon, eBay, Facebook - wenn man die Internet-Wirtschaft anschaut, bekommt man den Eindruck, es sei alles in US-amerikanischer Hand. Warum lassen sich Unternehmen in Deutschland so abhängen?

Ehrlich: Das ist doch nur die halbe Wahrheit. Natürlich hat diese Entwicklung mit unterschiedlichen politischen und - nicht zu vernachlässigen - kulturellen Rahmenbedingungen zu tun. Themen wie zum Beispiel Datenschutz und massive steuerliche Förderung auf der einen und eine mentalitätsbedingt freudigere Innovations- und Gründerkultur mit einer aus­geprägteren unternehmerischen Risikobereitschaft auf der anderen Seite haben dazu geführt, dass die Internet-Branche in den USA sich deutlich früher und schneller entwickelt hat als bei uns. Sicher mussten die amerikanischen Internet-Unternehmen im eigenen Markt auch nicht ­gegen einen vergleichbaren Widerstand der klassischen Medienindustrie ankämpfen wie bei uns. Dort hat man das Auge mehr auf die Chancen und Potenziale als auf die mögliche Bedrohung des eigenen, angestammten Geschäfts gerichtet.
Aber, es stimmt einfach nicht, dass wir in Europa und vor allem Deutschland ­keine leistungsstarken und relevanten Digital-Unternehmen hätten - ich selbst habe über zehn Jahre für ein solches gearbeitet. Ich würde mir wünschen, dass unsere ­Medien ihren Fokus deutlich mehr auf die vielseitige und erfolgreiche mittelständische deutsche Digital-Wirtschaft richten würden, statt immer nur über den großen Teich zu schielen und anschließend alles auszublenden oder kleinzuschreiben, was nicht globale Weltmarktbedeutung hat. Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen in die eigenen Stärken würde uns schon gut zu Gesicht stehen.  

Rahmenbedingungen verbessern


Wie sind Ihrer Ansicht nach die Rahmenbedingungen in Deutschland für die Digital-Wirtschaft?

Ehrlich: Um es kurz und knapp zu sagen: deutlich verbesserungsbedürftig. Wir benötigen eine flächendeckende Breitbandinfrastruktur, die das Wort leistungsfähig verdient. Hier hinken wir sträflich hinter, sowohl was die Versorgungsbandbreite gerade auch für die Industrie als auch den Zeithorizont und besonders eine sichergestellte Finanzierung betrifft. Beim Datenschutz treten wir in puncto einheitliche ­regulatorische Regeln für deutsche beziehungsweise europäische und außereuropäische Unternehmen auch noch auf der Stelle. Neue gut gemeinte Initiativen in der EU haben die Tendenz zur populistischen Verschlimmbesserung. Auch im Bereich digitale Sicherheit baut die Politik gerade wieder Bürokratie- und Kostenmonster auf, während die Frage unbeantwortet bleibt, wie man die Übergriffe von Geheimdiensten auf kritische Infrastrukturen, Unternehmen und Bürger in Zukunft wirksam verhindern will. Für Start-ups gibt es nach wie vor keinen abgestimmten Ordnungsrahmen, der eine konsequente und nachhaltige Förderung der Gründung und Entwicklung junger innovativer Unternehmen ermöglicht. Und so weiter …

Also ab mit der digitalen Agenda in den Reißwolf?

Ehrlich: Die digitale Agenda ist und bleibt ein richtiges und wichtiges zukunftspolitisches Projekt. Was wir aber brauchen, ist eine zukunftsweisende Innovationsstrategie für Deutschland, die den digitalen Wandel als Chance und grundlegenden erfolgskritischen Wettbewerbsfaktor begreift und die das Label Strategie verdient, weil sie mehr als nur eine Ansammlung von Ideen, unausgegorenen Plänen und halbherzigen Absichtserklärungen ist.

Bei so viel Kritik - wie will der BVDW besser auf die Politik Einfluss nehmen?
Ehrlich: Wir stehen im permanenten ­direkten Dialog mit allen Beteiligten, auf politischer wie, ganz wichtig, auf fachlicher Ebene. Hier hat sich der Austausch zwischen der digitalen Wirtschaft und den politischen Entscheidungsträgern in Berlin und Brüssel in den vergangenen 24 Monaten deutlich intensiviert. Gleichzeitig haben wir unser politisches Engagement auf nationaler wie auch europäischer Ebene ausgebaut und unsere Netzwerke gestärkt. Auch die Mitglieder des BVDW sehen die steigende Bedeutung der Politik für die Zukunftsfähigkeit der digitalen Wirtschaft und investieren ihrerseits in die politische Kommunikation. Das alles macht mich sehr zuversichtlich, dass die Digital-Politik der Bundesregierung und auch der EU sich langsam, aber sicher in die richtige Richtung dreht.

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