Social Network aus China 13.06.2019, 09:31 Uhr

Wie Tik Tok Deutschland erobert

Von null auf eine halbe Milliarde Nutzer in nur zwei Jahren: Das Karaoke-Netzwerk Tik Tok ist unter Teenies der letzte Schrei und gehört zu den schnellsten wachsenden Apps der Welt. Und langsam wird das Network auch für Online-Marketing-Kampagnen interessant.
(Quelle: Screenshot Tik Tok )
Die Mehrheit aller Kinder über neun Jahre besitzt ein Smartphone, das ergab eine repräsentative Umfrage des Branchenverbandes Bitkom. Bei Teenagern ab zwölf sind es bereits über 90 Prozent. Was machen die Jugendlichen mit ihren Devices? Am liebsten etwas, wovon die Erwachsenen keine Ahnung haben. Und weil nichts peinlicher ist, als von seiner eigenen Mutter eine Freundschaftsanfrage auf Facebook zu bekommen, bevorzugen pubertierende Nutzer Apps und Social Networks, von denen ihre Eltern noch nie etwas gehört haben. Tik Tok gehörte lange dazu - inzwischen ist die App zu groß, um ein Geheimtipp zu bleiben. 2016 von der chinesischen Softwareschmiede Bytedance veröffentlicht, ist Tik Tok derzeit eine der am schnellsten wachsenden Smartphone-Apps weltweit. Ein Großteil der Nutzer stammt aus China, dort heißt Tik Tok Douyin.

Was ist Tik Tok?

Der Service ist eine Kombination aus einem Musik-Streaming-Dienst und einem Social Network. Auf Tik Tok können Nutzer ein 15-sekündiges Smartphone-Video von sich aufnehmen, auf dem sie zu einer zuvor ausgewählten Musik tanzen oder Playback singen. Hört sich banal an, bei Licht betrachtet ist auf Instagram aber auch nicht viel mehr Intellekt nötig. Natürlich lassen sich die Videos mit Filtern und Effekten verzieren, mit der Community teilen, liken, kommentieren und so weiter.
Die Idee kommt an: 500 Millionen Tik-Tok-Nutzer vermeldete der US-Sender CNBC bereits im Juni 2018. Inzwischen dürften es deutlich mehr sein, denn allein im Oktober 2018 und nur in den USA wurde die App 80 Millionen Mal heruntergeladen. Auch in Deutschland nutzen Millionen junger Leute Tik Tok. Das Stuttgarter Influencer-Zwillingspaar Lisa & Lena hat über 30 Millionen Follower weltweit, davon rund drei Millionen in Deutschland.

17 Jahre? Zu alt!

Die Zwillinge sind inzwischen 17 Jahre alt und begannen bereits 2015 damit, auf ­Musical.ly Videoclips von sich zu verbreiten. Die Plattform wurde im August 2018 von Tik Tok übernommen. Nicht zuletzt verhalfen die beiden schwäbischen Mädchen der chinesischen App auch in Deutschland zu Popularität, auch wenn sie auf Instagram mit zehn Millionen weit mehr Follower haben als auf Tik Tok. ­Allerdings haben Lisa & Lena unlängst ihre Zusammenarbeit mit Tik Tok beendet. Sie fühlen sich zu alt dafür.

Für Werber problematische Zielgruppe

Mit seinen Funktionen, die den Nerv der jungen Zielgruppe treffen, hätte Tik Tok eigentlich auch hierzulande das Potenzial, ein wichtiger Marketingkanal zu werden. Doch hier ist noch Luft nach oben. Bis Ende 2018 gab es auf Tik Tok offiziell keine bezahlte Werbung, auch wenn das chinesische Marktforschungsunternehmen Miaozhen bei 3,7 Prozent aller veröffentlichten Beiträge Marken als Urheber ermittelte.
Einnahmen erzielt Bytedance bislang vorwiegend aus dem Verkauf digitaler Güter wie Emojis oder Effektfilter. Damit erlöste der Tik-Tok-Betreiber im Oktober 2018 rund 3,5 Millionen US-Dollar, fast schon eine Vervierfachung gegenüber Oktober 2017.
Was das Teenie-Netzwerk für Marketer interessant macht, ist zugleich seine offene Flanke: die jugendliche Zielgruppe. So ­beträgt das offizielle Mindestalter für einen Tik-Tok-Account 13 Jahre, doch diese Beschränkung lässt sich leicht umgehen. Das brachte dem Betreiber schon heftigen ­Ärger ein. In vielen Ländern steht Tik Tok in der Kritik, weil es seine jungen Nutzer nicht genügend vor den Gefahren des ­Cyberspace schütze, von einer leichtfertigen Weitergabe ihrer Daten bis hin zu Kinderpornografie. In Ländern wie Indonesien und Indien wurde Tik Tok deshalb auch zeitweise gesperrt. In den USA verhängten die Behörden ein Bußgeld in Höhe von 5,7 Millionen US-Dollar. Begründung: ungenügender Schutz Minderjähriger.
In Deutschland mahnen die Gesetze zu einem vorsichtigen Umgang mit potenziell minderjährigen Nutzern. So legt Artikel 8 der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) als Mindestalter für die Einwilligung zur Nutzung personenbezogener Daten 16 Jahre fest, und das Gesetz gegen den Unlauteren Wettbewerb (UWG) verbietet Werbeangebote, die sich an Verbraucher unter 14 Jahre richten. Dennoch sucht Tik Tok auf seiner Internet-Seite www.tiktok.com bereits nach Werbepartnern. Die Ad-Optionen ähneln denen, die auf Facebook zur Verfügung stehen. Denn: Tik Tok steht Kindern offen - aber eben nicht nur ihnen.



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