Kommentar 22.03.2018, 14:27 Uhr

Facebooks Sündenfall

Aus Geldgier oder aus Unvermögen hat sich Facebook zum Werkzeug für Manipulationen des gesellschaftlichen Klimas machen lassen - so lauten die Vorwürfe. Anlass genug, ein paar deutliche Fragen zu stellen.
(Quelle: shutterstock.com / Gil C)
Der Vorwurf ist monströs, die möglichen Folgen ebenso: Cambridge Analytica - eine britische Firma mit unklarem Geschäftsmodell, soll 2014 gezielt die Profile von rund 50 Millionen Facebook-Nutzern analysiert, gefiltert, segmentiert und anschließend mit politischen Botschaften bombardiert haben. Das ist der Alptraum eines jeden Datenschützers: personenbezogene Daten werden in großem Stil heimlich erfasst und zu Propagandazwecken missbraucht. Hat Facebook dabei aktiv mitgeholfen oder hat man die verrückten Briten einfach nur machen lassen? Egal, der Sündenfall ist da.
Merkwürdigerweise muss ich gerade an das in der US-Verfassung verbriefte Recht auf Waffenbesitz denken, das viele Amerikaner mit Zähnen und Klauen verteidigen. Es stammt aus dem 18. Jahrhundert und wurde vor dem Hintergrund einer jungen, ungefestigten Demokratie eingeführt, die nicht sicher sein konnte, ob nicht irgendwann einmal Despoten versuchen, ihr gewaltsam den Garaus zu machen. Heute fragt man sich mit Recht: Waffen horten, falls mal ein Diktator kommt? Was soll der Quatsch?
Aus dem 18. Jahrhundert stammt auch unser Verständnis vom Datenschutz - in diesem Sinne hat sich zumindest unsere neue Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär (CSU) geäußert. Übertriebene Datenschutzbedenken werden gerade von konservativen Politikern mit dem Totschlagargument weggewischt "Wer nichts zu verbergen hat, der hat auch nichts zu verheimlichen". Und in der Tat ist ein Großteil der Internet-Nutzer nur allzu gern bereit, sich digital nackig zu machen, wenn er dafür etwas bekommt - Katzenvideos zum Beispiel, oder einen Messenger. Ob das Unternehmen, das so munter unsere Daten sammelt, damit alles richtig macht, interessiert da nicht. Irgendwer wird uns schon schützen.

Und wenn nicht?

Natürlich, man kann fragen, welchen Schaden ich als einzelner eigentlich habe, wenn eine unseriöse Firma wie Cambridge Analytica, für die auch Erpressung als Mittel des politischen Campaignings angemessen scheint, mein Facebook-Profil analysiert und mir zielgenau Fake News in meine Timeline jubelt. Ich bin ja nicht doof, ich glaube solchen Quatsch ja ohnehin nicht. Aber wie viele glauben ihn - in einem Land wie den USA, in dem vier von zehn Menschen die Evolutionstheorie ablehnen? Auf 50 Millionen Facebook-Profile soll Cambridge Analytica Zugriff gehabt haben. Was, wenn nur jeder 50. von gezielter Werbung in seiner Wahlentscheidung beeinflusst wurde? Nachdem gerade auf Facebook das Ausmaß politischer Hetze und Desinformationen ein Maß erreicht hat, das wir vor ein paar Jahren nicht für möglich gehalten hätten, beweist der Fall Cambridge Analytica, dass nicht nur das Problem real ist, sondern auch ein Exploit dafür existiert und genutzt wird. Und was in den USA passiert ist, kann jederzeit auch anderswo passieren.
Was kann man tun? Facebook abschalten? Bei rund zwei Milliarden Nutzen kaum vorstellbar. Aber wenn eine Diktatur wie China Facebook in seine Schranken weisen kann, wieso kann das die demokratische EU nicht? Facebook ist zu groß, um dieses Unternehmen einfach gewähren zu lassen. Es geht nicht um Steuern, nicht um den Anteil am Werbemarkt, es geht um den Einfluss auf unsere Gesellschaft. Facebook darf unsere Gesellschaft nicht zersetzen. Und wenn das Unternehmen nicht aktiv dabei mitwirkt, dies zu verhindern, dann muss es wie ein Staatsfeind behandelt werden. Höhere Steuern reichen da nicht.



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