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Till Kästner

Business-Netzwerke Linkedin: "Nutzer schätzen unsere Plattform"

Linkedin-Geschäftsführer Till Kaestner

Linkedin

Linkedin-Geschäftsführer Till Kaestner

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Neue Dienste, Übernahmen, Wachstum: Linkedin-Geschäftsführer Till Kaestner erläutert Strategien und Karriereplanung mit Hilfe von Business-Netzwerken.

Jobbörse, Werbeplattform und zuletzt die Recruiting-Suche Careerify: Linkedin wächst zurzeit nicht nur organisch, sondern auch durch Übernahmen. Durch die neuen Dienste soll das Netzwerk für Bewerber und Personaler noch praktischer werden. Besonders stark ist das Mitgliederwachstum zurzeit in Deutschland: Im vergangenen Jahr gewann Linkedin im deutschsprachigen Raum etwa eine Million Nutzer. Hintergrund: Fach- und Führungskräfte planen ihre Karriere längst international - und werfen deshalb ihre Netze global aus.
 
Im Interview mit INTERNET WORLD Business erläutert Till Kaestner, Linkedins Verantwortlicher für die Geschäfte im deutschsprachigen Raum, Wachstumsstrategien und den Umgang mit Netzwerken.
 
Linkedin gibt an, eine Million Nutzer in Deutschland gewonnen zu haben: Was ist der Grund für den starken Anstieg in den letzten Monaten?
Till Kaestner: Seit Anfang 2015 haben wir sechs Millionen LinkedIn-Mitglieder in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das ist ein Plus von einer Million Mitgliedern innerhalb von sieben Monaten. Wir wollen für unsere Nutzer der Dreh- und Angelpunkt für ihre berufliche Identität werden. Offenbar finden unsere Mitglieder unsere Angebote dafür nützlich, das Wachstum ist seit ungefähr zwei Jahren konstant, obwohl wir keine klassische Werbung für LinkedIn machen.
 
Wie wichtig ist der deutsche Markt für Linkedin und warum?
Kaestner: Deutschland ist für uns der stärkste Wachstumsmarkt in Europa. Der Fachkräftemangel ist hier in vielen Branchen Realität. Viele Unternehmen, die darunter leiden, suchen Fach- und Führungskräfte auch international und dabei können wir natürlich besonders gut helfen. Wir arbeiten bereits mit 29 der DAX 30 Unternehmen zusammen, aber gerade im Mittelstand ist noch viel Luft nach oben.
 
Xing habe, so meinen Personaler im deutschsprachigen Raum, die detaillierteren Personendaten: Warum ist das so und was tut Linkedin dagegen?
Kaestner: Wir stellen Ihnen gerne Personaler vor, die das anders sehen. Wie gerade erwähnt, vertrauen uns 29 der DAX 30-Konzerne oder auch Mittelständler wie Carl Zeiss.
 
Xing hat vor Kurzem eine Jobbörse übernommen - ist das auch eine Strategie für Linkedin?
Kaestner: Da muss ich Sie um Verständnis bitten, dass wir als börsennotiertes Unternehmen zu Spekulationen wie eventuellen Käufen keine Stellung nehmen. Unsere wichtigste Strategie bleibt der Mehrwert für unsere Nutzer. Es gibt unterschiedliche Wege, das zu erreichen.
 
Überhaupt kauft Xing viele Dienstleistungen zu:Eventplanung Amiando, die Bewertungsplattform Kununu, um die eigenen Services zu erweitern. Wie wächst Linkedin?
Kaestner: Wir wollen der Dreh- und Angelpunkt für die berufliche Identität unserer weltweit mehr als 347 Millionen Nutzer sein. Dieses Versprechen ist der stärkste Wachstumstreiber: Pro Sekunde kommen zwei neue Mitglieder dazu. Wir kaufen dann Unternehmen, wenn uns das bei diesem Versprechen hilft und sie unsere Nutzer und Kunden weiterbringen. Vor Kurzem haben wir Careerify erworben haben. Das Unternehmen gleicht offene Stellen innerhalb einer Organisation mit vorhandenen Mitarbeiterprofilen ab, das Stichwort ist ‚Internal Mobility‘. Das ist etwas für unsere Talent Solutions. In diese Kategorie gehört auch unsere Akquisition von Bright (Arbeitsvermittler) im Februar. Unsere Optionen im Marketingbereich haben wir mit dem Kauf von Bizo (Werbeplattform) im Sommer letzten Jahres ausgebaut. Unser Nachrichtendienst Pulse, den jeder Nutzer individuell konfigurieren kann, war ebenfalls eine Akquise und SlideShare gehört auch zu LinkedIn.
 
Im letzten Quartal hat Linkedin die schwarzen Zahlen wieder erreicht - was war der Grund für die Verluste zuvor?
Kaestner: Investitionen, unter anderem in China und im arabischen Raum.
 
Wie unterscheidet sich die Nutzung der deutschen Mitglieder von derjenigen in den USA – nehmen die deutschen Mitglieder zum Beispiel andere Services stärker in Anspruch?
Kaestner: Die deutschsprachigen Mitglieder sind sehr aktiv -beispielsweise engagiert sich jeder vierte Nutzer in Gruppen. Für alle unsere Nutzer interessant ist unser Dreiklang aus "Network", also die Gelegenheit, das eigene Netzwerk auszubauen, "Opportunity", das heisst die Möglichkeit, an der beruflichen Laufbahn zu arbeiten und "Knowledge" - wir bieten über unser Influencer-Programm, unseren Nachrichtendienst Pulse und natürlich die Posts von Mitgliedern interessante Informationen.
 
Linkedin gilt unter deutschen Mitgliedern als unstrukturiert und unübersichtlich. Das scheint ein kulturelles Problem zu sein - aber wie kann eine internationale Plattform mit regionalen Unterschieden umgehen?
Kaestner: Unser Wachstum in der Region zeigt doch, dass die deutschsprachigen Nutzer unsere Plattform und unsere Dienste schätzen. Unsere sogenannten Premium-Konten sind übrigens Geschäftslösungen für Selbstständige und Kleinstunternehmen. Dem regulären Nutzer stellen wir alle notwendigen Funktionen umsonst zur Verfügung.

Daten, Daten Daten - für bessere Jobs und effizienteres Recruiting

Business Communitys verdienen auch durch Werbung - wie gut verdient Linkedin damit?
Kaestner: Wir bieten Werbung für Personalabteilungen an, aber unsere Kunden sind auch im ganz regulären Marketing zu finden. Wir unterscheiden die beiden Produktfamilien LinkedIn Talent Solutions und LinkedIn Marketing Solutions. Bei ersteren geht es vor allem um Rekrutierungs-, Personalmarketing- und Employer-Branding-Werkzeuge. Bei unseren Marketing Solutions geht es ganz klar um Produktmarketing, mit einem starken Fokus auf Content Marketing. Beispielsweise haben wir erst vor kurzem gemeinsam mit der ausführenden Agentur für eine Mercedes-Benz-Kampagne den Deutschen Mediapreis gewonnen. Unser Gesamtumsatz mit Marketing Solutions stieg 2014 um 56 Prozent auf 153 Millionen Dollar. Das sind etwa 24 Prozent unseres Gesamtumsatzes.
 
Wie geht es weiter mit den Business-Netzwerken?
Kaestner: Ein Business-Netzwerk, das als besseres Rolodex daherkommt, ist jedenfalls eine Sackgasse. Wir wollen unsere Nutzer beruflich weiterbringen, also müssen wir uns immer fragen, was dazu beiträgt. Wir investieren seit Jahren massiv in unsere mobilen Apps, um das Nutzerverhalten zu reflektieren und möglichst viele der Funktionen leicht zugänglich zu machen, die man auf seinem Smartphone oder Tablet braucht. Das ist aber nur die Pflicht, unsere Nutzer erwarten das. Richtig spannend wird es, wenn wir über den unmittelbar nächsten Karriereschritt und das tägliche Netzwerken hinausdenken. Was, wenn man anhand des Erfolgs von Alumni schon entscheiden könnte, welche Uni man für die eigenen Ziele wählen sollte? Oder was, wenn ein Business-Netzwerk dabei helfen könnte, Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt besser in Einklang zu bringen und dadurch die Arbeitslosigkeit international zu senken? Dahin geht es weiter. Unsere Universitätsseiten mit den erwähnten Suchfunktionen für Abiturienten und Studenten gibt es schon. An der Vorhersage von Karrierewegen zur individuellen Orientierung arbeiten wir. Und der ‚Economic Graph‘, unsere Vision von einer Zusammenarbeit mit Regierungen und anderen Organisationen zur Verbesserung der Arbeitsmarktsituation, ist das große Ziel.
 
Wie stark ist die Konkurrenz von Facebook, das sich ja auch im Bereich Business bei Unternehmen etablieren will?
Kaestner: Wir sehen Facebook nicht als Konkurrenz. Die von dem Unternehmen vorgestellten Lösungen zielen auf ein anderes Geschäftsmodell ab und dienen eher der internen Kommunikation.
 
Wie verändert die mobile Nutzung Linkedin?
Kaestner: 47 Prozent unseres Traffic kommt bereits von mobilen Geräten. Das ist auch ein Ergebnis unserer Bemühungen, die mobile Nutzung von LinkedIn so komfortabel wie möglich zu gestalten. Mobile Nutzung funktioniert anders. Inzwischen bieten wir sieben verschiedene Apps an, jede auf eine bestimmte Aufgabe zugeschnitten. Neben der klassischen App, die Netzwerk und Nachrichten vereint, kann man mit LinkedIn Jobsuche sich mobil bewerben. Pulse lässt sich als separate App für Nachrichten und Branchennews nutzen. Personaler können den Recruiter als App auch mobil nutzen, Vertriebsspezialisten den Sales Navigator. Die Anforderungen an diese Apps sind jeweils sehr anders und wir wollen für jede eine übersichtliche, elegante Nutzererfahrung sicherstellen. In Zukunft wollen wir noch stärker auf Predictive Computing setzen, damit die Apps passende Informationen für die jeweilige Nutzersituation selbst anbieten. Wer möchte, könnte sich zum Beispiel mit der App Connected Infos über die Teilnehmer des nächsten Meetings im Kalender anzeigen lassen.
 
Welchen Einfluss werden Wearables auf die Nutzung von Communitys haben?
Kaestner: Da muss ich Ihnen eine Antwort schuldig bleiben - ich denke, es kommt vor allem darauf an, ob sich Wearables außerhalb des Sport- und Gesundheitsbereichs zu einem Massenphänomen entwickeln. Dann lassen sich auch jederzeit entsprechende Lösungen entwicklen.
 
Momentan hypen Apps, mit denen Nutzer in allen Lebenslagen sich selbst filmen können - wäre das auch ein Tool für Linkedin?

Kaestner: Eventuell. Generell sind wir aber ein Business-Netzwerk. Unsere Nutzer möchten sich sehr gezielt in einem beruflichen Kontext präsentieren. Die Aufnahme eigener Videos, die professionell wirken, ist eher schwierig. Bevor jemand eine schlechte Aufnahme einer Rede online stellt, würde ich eher zur Einstellung einer überzeugenden Präsentation per SlideShare raten.

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