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Soy Major No Idiota
Payment 28.03.2022
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Protest Senioren-Kampagne zwingt spanische Banken zu besserem Kundenservice

Für Carlos San Juan wuchsen sich die Kommunikationsprobleme mit seiner Bank schnell zu einem ernsten Problem aus.

Change.org

Für Carlos San Juan wuchsen sich die Kommunikationsprobleme mit seiner Bank schnell zu einem ernsten Problem aus.

Change.org

Viele ältere Menschen haben Schwierigkeiten, moderne Online-Serviceangebote zu nutzen. Ein Rentner aus Valencia wollte nicht nur per App mit seiner Bank kommunizieren. Er startete eine Petition für mehr persönliche Beratung - mit einem erstaunlichen Resultat.

Was haben Joe Biden und Carlos San Juan gemeinsam? Der mächtigste Mann der Welt und der pensionierte Urologe aus Valencia sind beide nahezu gleich alt, San Juan ist 78, Biden ist 79. Doch während der US-Präsident seine Bank-Angelegenheiten von seinem Stab erledigen lässt, muss sich der Spanier selbst darum kümmern - was sich in Zeiten von Corona immer schwieriger gestaltet.

App ohne Alternative

In mehr und mehr spanischen Kreditinstituten ist persönliche Beratung inzwischen Mangelware. Selbst telefonisch bekommt man keinen Ansprechpartner, so klagt San Juan, und wenn man nicht ans andere Ende der Stadt in irgendeine Filiale mit extrem knappen Öffnungszeiten fahren will, dann hat die Bank einen Vorschlag: "Nehmen Sie doch die App". Und wer kein Smartphone hat, der gilt dann schnell als ein bisschen zurückgeblieben. Für den Pensionär wuchsen sich die Kommunikationsprobleme mit seiner Bank schnell zu einem ernsten Problem aus. "Ich kam tagelang nicht an mein Konto", berichtet er, "ich hätte einen Beratungstermin ausmachen müssen, und das ging nur mit einer App."

So wie San Juan geht es offenbar vielen älteren Konsumenten. Für Bankinstitute ist Online- und App-Banking gut fürs Image und für die eigene Bilanz, und auch für viele jüngere Kunden erscheint es attraktiv, zu jeder Tages- und Nachtzeit ihre Bankgeschäfte digital zu erledigen. Ältere, die dies nicht wollen, werden gelegentlich behandelt, als seien sie Idioten, die nicht wüssten, wie eine Überweisung funktioniert.

200.000 Unterschriften nach vier Tagen

Doch für dämlich wollte sich der Rentner nicht erklären lassen. Mehr als einmal entfuhr ihm der harsche Satz "Soy mayor, no Idiota!" - Ich bin alt, aber kein Idiot!

Irgendwann begann San Juan Unterschriften zu sammeln, um - vor allem - Banken auf das Problem aufmerksam zu machen. Bereits nach nur vier Tagen hatten mehr als 200.000 Menschen seinen Ruf nach mehr persönlichem Kundenservice unterschrieben.

Das war der Moment, in dem die spanischen Medien auf den energischen Alten aufmerksam wurden. Schließlich startete San Juan eine Petition auf Change.org, trat in Fernsehinterviews auf und erklärte sein Anliegen. Ende Februar 2022 hatten bereits 640.000 Menschen die Kampagne "SoyMajorNoIdiota" unterstützt, schön langsam begann die Bewegung am Image der heimischen Bankenbranche zu kratzen und die Politik wurde aufmerksam. Vorläufiger Höhepunkt der Kampagne: ein Treffen mit der spanischen Wirtschaftsministerin Nadia Calvino und dem spanischen Bankverband. Die beteiligten Banken gelobten Besserung und wollen jetzt ihr persönliches Beratungsangebot ausbauen.

17 Millionen Bundesbürger über 65

Das Problem der älteren Verbraucher, die nicht mehr jede technische Neuerung mitmachen wollen, ist in Spanien allgegenwärtig. Neun der rund 47 Millionen Spanier sind über 65. Auch in Deutschland wird die Bevölkerung immer älter. Waren 1991 noch 15 Prozent aller Bundesbürger über 65, sind es heute schon 22 Prozent oder rund 17 Millionen.

Wenn es um den Zugang zu modernen Kommunikationstools geht, liegt hier die Bruchlinie: So haben aktuell in Deutschland rund 95 Prozent aller Menschen zwischen 14 und 39 ein Smartphone, bei den über 70-Jährigen sind es nur noch 68 Prozent. Mit anderen Worten: Jeder vierte Rentner in San Juans Alter ist mit einer App nicht zu erreichen.

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