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Open Banking
Payment 13.11.2019
Payment 13.11.2019

Banken als Datenquellen Was Open Banking für Händler bringt

shutterstock.com/Zapp2Photo
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Die EU-Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 verpflichtet Banken, Schnittstellen anzubieten, über die Drittfirmen Zugriff auf Kontodaten haben. Auf Basis dieser Daten entwickeln FinTechs neuartige Services. Doch wie können Händler davon profitieren?

von Tobias Baumgarten

FinTechs, die jungen Wilden in der Payment-Branche, mischen das Bankengeschäft auf. Sie sorgen dafür, dass es in der Branche keinen Stillstand gibt. Denn die traditionelle Finanzwirtschaft geht die digitale Transformation eher gemächlich an. Sie bietet zwar Online- und Mobile-Banking an, hat dabei aber im Wesentlichen die bisherigen analogen Prozesse eins zu eins ins Digitale übersetzt. Wirkliche digitale Innovationen von traditionellen Banken sind dagegen Mangelware.

Als FinTechs werden Start-ups bezeichnet, die das Banking mittels moderner Technologie neu denken. Gerade im Payment-Bereich haben digitale Newcomer neue Standards gesetzt und lassen die Banken alt aussehen. Das bekannteste Unternehmen, PayPal, wirbt mit dem Slogan "New Money" für sich. Heute ist dieses "Ur-FinTech" aus dem Online-Handel ebenso wenig wegzudenken wie andere Payment-Anbieter, beispielsweise Klarna, Stripe oder Wirecard.

PSD2 setzt Banken unter Druck

Doch nicht nur FinTechs sorgen für ­Bewegung im Finanzwesen. Veränderungsdruck kommt auch von unerwarteter Seite: Die Kommission der Europäischen Union treibt die Banken in die digitale Transformation - nämlich mit der zweiten Zahlungsdiensterichtlinie, die seit Januar 2018 offiziell in Kraft und unter dem Kürzel "PSD2" (Payment Services Directive 2) meist nur Banken- und Payment-Experten bekannt ist.

Viele Online-Händler dürften die PSD2 bisher vor allem als Ärgernis wahrgenommen haben, denn eine Anforderung der Richtlinie ist die starke Kundenauthorisierung (Strong Customer Authentication, SCA), mit der Kreditkartenzahlungen im Checkout-Prozess für den Nutzer zwar ­sicherer, aber leider auch umständlicher werden. Die Folge sind höhere Abbruch­raten kurz vor dem finalen Klick auf den "Jetzt kaufen"-Button.

Banken verlieren Monopol auf ihre Kundendaten

Doch die PSD2 bewirkt noch mehr. Denn sie zwingt die europäischen Kreditinstitute dazu, ihre Services und IT-Infrastrukturen für zertifizierte Drittdienstleister zu öffnen. Damit befördert sie einen Gedanken, der in Finanzkreisen als "Open Banking" bezeichnet wird. Die bisher abgeschotteten Daten der Banken sollen damit im Inte­resse der Kunden besser genutzt werden, um innovative Angebote zu schaffen.

Die EU-Richtlinie definiert erstmals verbindlich, dass die Banken Drittanbietern Zugriff auch auf ihre Kundendaten gewähren müssen, wenn die Kunden die Erlaubnis hierfür geben. Sie schafft damit eine Rechtsgrundlage für die Innovationen vieler FinTechs, die bislang in einer rechtlichen Grauzone operiert haben.

Die Newcomer bedienten sich in der Vergangenheit meist des sogenannten "Screen Scraping", bei dem der Kunde ­seine Online-Banking-PIN an das FinTech weitergab - entgegen der Banken-AGB. Dieses loggte sich automatisiert über die Webseite der Bank ins Online-Banking des Kunden ein und las die relevanten ­Daten aus dem Quellcode der Seite aus.

Banken müssen APIs bereitstellen

Die PSD2 verlangt von Banken, kostenlose Schnittstellen für den Datenaustausch mit externen Anbietern bereitzustellen. Diese Application Programming Interfaces (API) verschaffen Drittdiensten wie Paypal oder Google Pay, aber auch den FinTechs Zugriff auf Informationen über Konten, Transaktionen und Zahlungen, ohne dass individuelle vertragliche ­Vereinbarungen mit der Bank bestehen. Voraussetzung: Der Kunde erlaubt den Zugriff auf diese Daten.

Die Zahlungsdiensterichtlinie unterteilt die Drittanbieter in "Kontoinformationsdienste" (Account Information Service Provider, AISP) und "Zahlungsauslösedienste" (Payment Initiation Service Provider, PISP). Für beide Dienste haben verschiedene FinTechs in den letzten Jahren Produkte auf den Markt gebracht. Mit dem Zugriff auf die Kundendaten lassen sich theoretisch eine ganze Reihe neuer Geschäftsideen realisieren.

Banking as a Service: Dienstleistungen für Dritte

Der Gedanke des Open Bankings geht aber noch deutlich über diesen regulatorischen Mindestansatz hinaus. Open Banking bedeutet, dass die Banken ihre Systeme aktiv weiter öffnen und daraus neue Geschäftsmodelle entstehen. "Banking as a Service" lautet eines der Schlagworte in diesem Kontext, bei dem Banken externen Dritt­anbietern beispielsweise gegen Entgelt bei der Legitimationsprüfung oder zumindest bei der Adressverifikation helfen.

Im Idealbild der Vordenker des Open Bankings entsteht eine Vielzahl von Banking-Ökosystemen, in denen Banken nicht nur ihre eigenen Dienste Dritten zur Verfügung stellen, sondern auch andersherum über Schnittstellen die Produkte und Leistungen anderer Banken, FinTechs oder Technologieriesen wie Amazon oder Google einbinden. Das würde voraussichtlich zu Spezialisierungen in der Bankenlandschaft führen: Wer besonders effi­ziente Systeme und Prozesse hat, wird zum White-Label-Produktlieferanten für Banken. Wer eine besonders gute Schnittstelle zum Kunden hat, beschränkt sich auf die Kuratierung und die Vermittlung von Dritt­angeboten an die eigenen Kunden.

Open Banking für mehr Kundenservice nutzen

Open Banking ist dabei nicht nur eine ­große Chance für Banken und innovative Finanzdienstleister, auch Online-Händler können von den neuen Möglichkeiten profitieren. Insbesondere für kleine und mittlere Anbieter ist der naheliegende Weg dazu die Einbindung von Open-Banking-Services in die eigenen Kanäle.

Ein Elektronikhändler könnte seinen Kunden beispielsweise per API zunächst Vergleichsangebote für Konsumentenkredite zur Finanzierung der Einkäufe unterbreiten. Anschließend könnte er Versicherungsangebote digitaler Makler einbinden und seinen Kunden damit ohne großen Aufwand eine passende Versicherung vermitteln. Im besten Fall verbessert das das Kauferlebnis und festigt die Kundenbindung. Zudem verdient der Händler auch ganz direkt an Lead-Provisionen von Kreditgebern und Versicherern.

Erweiterung der eigenen Geschäftsmodelle

Für die ganz Großen der Branche ­könnte es indes sogar eine interessante Option sein, das bisherige Geschäftsmodell selbst um eigene Open-Banking-Angebote zu erweitern. Große Retailer könnten in diesem Kontext zum Beispiel eigene Lizenzen als Zahlungsauslösedienst erwerben und kleineren Händlern auf ihren jeweiligen Plattformen entsprechende Zahlungsdienste gegen Entgelt anbieten. Auch die Einführung eigener Peer-to-Peer-Zahlungsdienste auf Marktplätzen wie Ebay-Kleinanzeigen wäre denkbar.

Mit der Zahlungsdienstrichtlinie hat die EU-Kommission den regulatorischen Startschuss für das Open Banking in ­Europa gegeben. Das Ziel ist es, den Kontinent damit zu einem globalen Vorreiter auf diesem Gebiet zu machen.

Chance und Risiko für Banken

Die Banken schauen hingegen mit durchaus gemischten Gefühlen in die Zukunft, weil sie ihre traditionell abgeschotteten Sys­teme nun für Drittanbieter öffnen müssen. Sie könnten ihnen Marktanteile abnehmen. Gleichzeitig bieten sich für sie aber auch Chancen, ihr Angebot weiter­zuentwickeln und ihr Dienstleistungsportfolio auszuweiten.

Online-Händler dagegen können sich auf die neue Welt des Open Bankings ­freuen. Einerseits wird der Wettbewerb in der Finanzbranche zu innovativen Angeboten führen und für sinkende Preise für Banking-Dienstleistungen sorgen. Zugleich bieten sich für die großen unter ­ihnen Chancen, das eigene Geschäfts­modell zu erweitern. Gut möglich also, dass demnächst neue Dienstleister auf Händler zugehen und ihnen Services anbieten, die auf der Öffnung der Kontoschnittstellen basieren.

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