Gastkommentar 21.09.2017, 10:40 Uhr

Sind wir Internet-Agenturen noch zu retten?

"Wir haben den Wandel mit gestartet - lasst uns schauen, dass wir mit ihm nicht untergehen." Tobias Kaiser von der Internet-Agentur For Sale Digital kommentiert, wie es um die Zukunft digitaler Dienstleister bestellt ist.
Tobias Kaiser, Geschäftsführer und strategischer Leiter bei der Hamburger Internet-Agentur For Sale Digital
(Quelle: For Sale Digital)
Von Tobias Kaiser, Geschäftsführer und strategischer Leiter bei For Sale Digital
Täglich werden mir in meinen Mails "deutschsprachige Entwickler zu tschechischen Preisen" angepriesen. Ich sehe eine Vielzahl an Studien-Abgängern mit stark digitalem Fokus. Agenturen fusionieren miteinander oder werden gleich in globale Netzwerke oder Unternehmensberatungen integriert. Überall Automatisierung.
Ja - die digitale Branche verändert sich, rasend schnell. Und nicht nur die großen Firmen sind durch die Digitalisierung betroffen, auch wir, die mittelständigen Internet-Agenturen, müssen uns auf einen noch stärkeren Wandel einstellen. Und wer sich dem nicht stellt, dem wird der Wandel zum Verhängnis.
Dazu vier Beobachtungen.

1. Offshore-Produktion

Was noch vor kurzem im eigenen Land, Sprach- und Kulturkreis umgesetzt wurde, verlagert sich im digitalen Bereich über die Grenzen ins Ausland. Viele rein technische Leistungen, einst Kerngebiet digitaler Agenturen, sind in Ländern wie Tschechien oder Indien wesentlich günstiger einzukaufen. Und die Qualität der Auslandsproduktionen wird zunehmend besser. Die "Billiganbieter" stellen sich mehr und mehr auf die Bedürfnisse des internationalen Marktes ein. Und selbst wenn mehr als einmal nachgebessert wird, so ist Near- und Offshore in der Regel nicht nur kostengünstiger, sondern bringt auch immer noch eine schnellere Umsetzung mit sich. Denn global steht eine enorme Manpower bereit, die Aufträge flexibel abarbeitet - während hierzulande gute Entwickler händeringend gesucht werden und dementsprechende Gehälter fordern.
 
Near- und Offshore wird also immer attraktiver. Zu beobachten war diese Entwicklung schon in der Automobilindustrie, wo sich die Produktion und Zusammenarbeit über Jahre professionalisiert hat. Und wer vor zwei Jahren erste negative Erfahrungen gemacht hat und jetzt die Finger davonlässt, der wird in spätestens zwei Jahren überrascht sein, wohin sich die Zusammenarbeit mit Kollegen aus fernen Ländern entwickelt hat.

2. Steigende Fachkompetenz in Unternehmen

Waren vor einigen Jahren Mitarbeiter mit digitalem Background noch Mangelware, so gibt es heute unzählige Ausbildungen und Studiengänge im Internet- und Medienbereich. Immer mehr Menschen fühlen sich im digitalen Umfeld zu Hause, das Know-how der Mitarbeiter in den Unternehmen, also bei unseren Kunden, steigt.
Wegen der zunehmenden Relevanz von Online- und Digitalthemen haben Unternehmen inzwischen eigene digitale Units mit qualifizierten Mitarbeitern. Vieles, was vor einigen Jahren noch an Agenturen ausgelagert wurde, wird heute von den Fachabteilungen direkt beim Kunden erledigt. Hier hat eine klare Verlagerung der digitalen Aufgaben ins Unternehmen stattgefunden.
 
Die Agentur als verlängerte Werkbank hat damit ausgedient und auch ein Wissensmonopol lässt sich nicht mehr aufbauen. Denn was können wir einem E-Commerce-Manager mit zwölf Jahren Erfahrung in zwei Agenturen und drei Konzernen noch mitgeben?

3. Konsolidierung im Agenturmarkt

Unternehmen wünschen sich für die Abdeckung der vielfältigen Marketing-Disziplinen häufig eine Full Service-Agentur und "alles aus einer Hand". Das führt zu einer Konsolidierung unter den Agenturen. Kleine Agenturen mit spezieller Expertise werden aufgekauft, Agenturen schließen sich in Netzwerken zusammen, um ihre Leistungen zu bündeln und unter einem Dach anbieten zu können. Die großen Agenturen und Agenturzusammenschlüsse teilen sich dann auch die großen Kunden am Markt, die mit ihren starken Etats
für das Agenturgeschäft wirklich lohnenswert sind.
Nur finanzstarke Agenturen sind in der Lage, enorme Summen in Pitches zur Kundengewinnung zu investieren - während kleinere Agenturen sich dies schlichtweg nicht leisten können und damit bei großen Kunden erst gar nicht mehr in die Auswahl gelangen.

4. Rasante Automatisierung

Immer mehr Standards, immer mehr wird automatisiert. Newsletter oder Landingpages werden nicht mehr in Kleinarbeit von Hand gebaut, Wordpress Templates und Jimdo machen die Programmierung von Websites wesentlich einfacher.
Ehemals große und somit attraktive technologische Themen, die auch für langfristige Kundenbeziehungen sorgen, fallen weg. Und die kleinen und lukrativen Projekte, in denen Werbemittel en masse produziert werden, die gibt es auch kaum noch.

Bewegt euch!

Vogel-Strauß-Taktik hilft hier nicht. Aufwachen hilft. Sich dem Wandel stellen. Die große Chance für uns als digitale Dienstleister liegt darin, unseren Kunden immer einen Schritt voraus zu sein. Beratung ist der
Schlüsselbegriff der Zukunft.
Spezialisierung hilft dabei. Experten, die neue Techniken und Möglichkeiten selbst kreieren, die dem Standard und den festgelegten Denkstrukturen voraus sind, werden mehr gefragt sein denn je. Schafft Mehrwerte, nutzt die neuen Möglichkeiten. Und verabschiedet euch von den margenstarken, einfachen Themen.
Lernt die lokalen Bedingungen kennen, denn die Kunden und die Nutzer sind immer noch Menschen, die in Bayern anders angesprochen werden als in Hessen, die in Frankreich anders reagieren als in Hong-Kong. Aus diesen lokalen Bedingungen und deren Abhängigkeiten entstehen IT-Strukturen und Möglichkeiten. Wir haben den Wandel mit gestartet - lasst uns schauen, dass wir mit ihm nicht untergehen. Und lasst uns sprechen. Miteinander. Nicht gegeneinander. Dann klappt es mit dem Wandel. Und dem Kunden. Und uns Agenturen.



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