Rechte Propaganda 12.12.2016, 14:45 Uhr

Fake-News-Seiten: Lügen als Geschäft

Frei erfundene Meldungen verbreiten sich wie ein Lauffeuer im Netz. Dahinter stehen politische Propagandisten - und knallharte finanzielle Interessen. Denn oft geht es einfach nur um Werbegeld.
Propaganda im Internet
(Quelle: Fotolia.com/Hurrca)
Willkommen im Propaganda-Krieg: News-Front.info bezeichnet sich als "Nachrichtenagentur" und konzentriert sich hauptsächlich auf Russland-Themen - aus der Sicht des Kreml. Der Menüpunkt "Neurussland" beschreibt die Ost-Ukraine, die dort als "Volksrepublik Lugansk" bezeichnet wird. Die Deutschland-Berichterstattung steuert zu einem Gutteil RT bei, das deutsche Büro des Regierungssenders Russia Today.  
News-Front mag einen antiwestlichen Kurs fahren, den Werbekunden scheint das egal zu sein: Mit einem Banner auf der Startseite wirbt das Möbelhaus Roller aus Gelsenkirchen für seine Schlafsofas. 
Seiten wie News-Front gibt es zahllose im Netz. Propagandanachrichten haben Hochkonjunktur, aber auch fremdenfeindliche, oft frei erfundene Hetzartikel. Experten streiten darüber, ob solche Seiten Donald Trump zum Sieg verholfen haben.
 Zu internationaler Berühmtheit gebracht hat es im Verlauf des US-Wahlkampfs Breitbart.com, eine rechtspopulistische US-Website, die als eine Keimzelle der rechtsextremistischen Alt-Right-Bewegung gilt. Alt-Right-Sympathisanten feierten den Trump-Wahlsieg frenetisch - unter anderem mit "Heil"-Rufen und Hitlergruß. Während Trump sich müht, sich von diesen Strömungen zu distanzieren, plant Breitbart ein Büro in Deutschland. Auffällig: Als wir die US-Seite von Breitbart aufriefen, begrüßte uns auch hier ein Werbebanner von Roller. Ein deutsches Möbelhaus finanziert Putins Propagandaseiten und die Neue Rechte in den USA?

Finanzieren deutsche Firmen Putins Propaganda? 

Ein Anruf in der Firmenzentrale der ­Möbelhauskette im Ruhrgebiet löst Aufregung aus. Firmensprecherin Inga Osterwald weist jeglichen Verdacht von sich, dass das Unternehmen absichtlich Putins fünfte Kolonne oder Amerikas Neue Rechte mit Werbegeld sponsert: "Es ist natürlich keinesfalls in unserem Sinne, Kommunikation dieser Art durch unsere Werbung indirekt zu unterstützen." 
Der Grund, weshalb der Roller-Werbebanner auf der Propagandaseite erschien, liegt beim Autor dieser Zeilen: Er hat sich in letzter Zeit vermehrt Polstermöbel im Web angesehen, da er den Kauf eines neuen Sofas plant – und damit Google Daten für das Targeting geliefert. Osterwald dazu: "Die Ausspielung unserer Online-Werbung erfolgt unter anderem auf der Basis von Nutzerprofilen, unabhängig davon, in welchem Werbeumfeld der Nutzer sich gerade aufhält." Egal ob Roller-Banner oder Werbung für die Semy Awards, für Hosting von 1&1 oder für Autos von VW: All diese Banner stammen aus dem Google-Adsense-Programm, sie werden in die Seiten eingespielt, die von Nutzern aufgerufen werden, deren bisheriges Surfverhalten darauf hindeutet, dass sie sich für die gezeigten Inhalte interessieren.
Was technisch leicht zu erklären ist, macht die Sache für die Markeninhaber nicht unbedingt besser: Nicht nur rücken sie in die Nähe von politischen Strömungen und Aussagen, die sie nicht unterstützen wollen, sie können damit auch ihre Marke beschädigen. So reagierte Roller auf die Nachricht, dass Banner des Möbel­hauses auf Newsfront.net auftauchen, konsequent: Die Seite wurde im Google-Adsense-Account des Unternehmens auf die Blacklist gesetzt. Allerdings ist das kein Allheilmittel: Immer neue Seiten mit populistischen Inhalten tauchen auf.

VW-Werbung auf Seiten von Rechtspopulisten

Auf www.journalistenwatch.com etwa wird die Bundesregierung gern als "linksgrünes Regime“ bezeichnet, das an der Zersetzung der staatlichen Ordnung arbeite. Die Seite erhebt den Anspruch, die Arbeit der Medien zu beobachten und zu kommentieren. Tonalität und Anspruch zeigen sich in Formulierungen wie "Nein, liebe Lügenpresse. Diese Fake-Nummer ist nichts weiter als ein verzweifelter Versuch, die Oberhand bei den Nachrichten zu behalten, die Gegenöffentlichkeit auszuknipsen, damit Frau Merkel so weitermachen kann wie bisher." 
Viele Inhalte von News-Front, Journalistenwatch und Breitbart bewegen sich hart am Rande dessen, was in Deutschland von der Meinungsfreiheit gedeckt ist - und zum Teil vermutlich sogar jenseits davon. Was sie alle eint, sind Werbebanner von Markenartiklern. Die meisten deutschen Online-Werbungtreibenden würden eine solche Website vermutlich nicht mit der Kneifzange anfassen. Dennoch findet sich bei einem Kontrollbesuch auf Journalistenwatch.com Werbung von Amazon, von den Volks- und Raiffeisenbanken, Microsoft und VW. 
 Auch von Rising Media, einem Kongressveranstalter aus Starnberg, erscheint auf Breitbart Banner-Werbung, ebenso auf dem Blog des Rechtspopulisten Michael Mannheimer (bürgerlicher Name Karl-Michael Merkle, nicht zu verwechseln mit dem kürzlich verstorbenen Holocaust-Mahner Max Mannheimer). Unter einem Beitrag mit der Überschrift "Bochum: Nach Vergewaltigung einer chinesischen Staatsbürgerin durch einen Asylanten spricht China eine Reisewarnung für Deutschland aus", bewirbt Rising Media ihre "Semy Awards", einen Wettbewerb für Performance Marketing.
Firmenchefin Sandra Finlay ist der Redaktion persönlich aus gemeinsamen Projekten bekannt - und der Sympathie für Hate Pages gänzlich unverdächtig. Zur Platzierung ihrer Werbung auf rechtspopulistischen Seiten schreibt sie: "Wir würden es sehr begrüßen, wenn es ein Tool gäbe, welches verhindert, dass unsere Anzeige in einem Umfeld von Inhalten gezeigt wird, in dem wir nicht erscheinen möchten. Dies ist aber nur skalierbar umsetzbar, wenn es über einen Algorithmus auf der Hauptanzeigen-Plattform gesteuert ist."



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