Mehr geben als nehmen 13.05.2019, 08:07 Uhr

Kreditvermittlung: So funktionieren Negativzins-Kredite

Mit Krediten, bei denen der Kunde mehr Geld bekommt, als er anschließend zurückbezahlen muss, sorgen Online-Kreditvermittler für Aufregung. Im Gegenzug für das Zinsgeschenk gibt es jede Menge Kundendaten - auch von denen, die keinen Minuszins-Kredit bekommen.
Seit 2017 hat die Kreditvermittlungsplattform Smava Negativzins-Kredite mit einem Volumen von 20 Millionen Euro vermittelt.
(Quelle: shutterstock.com/Maryna Pleshkun )
Es klingt wie ein unmoralisches Angebot: einen Kredit aufnehmen und am Ende weniger Geld zurückzahlen als ursprünglich erhalten. Das Stichwort dazu heißt "Negativzins".
Den Anfang machte 2017 die Online-Kreditvermittlungsplattform Smava, die erstmals 1.000-Euro-Kleinkredite bewarb, bei denen der Kunde am Ende nur 994 Euro zurückzahlen musste. Kurze Zeit später reagierte Konkurrent Check24 mit vergleichbaren Offerten. 2018 führte Smava einen Minuszins-Kredit über 10.000 Euro ein. Anfang März 2019 bewarb Check24 ein zeitlich befristetes Angebot, bei dem der Kunde eine ganze Monatsrate geschenkt bekommt. Und vor wenigen Wochen stieg Finanzcheck.de in den Ring und schockte die Branche mit einem 1.000-Euro-Kredit mit 100 Prozent Negativzins - also komplett ohne Rückzahlung.

Die meisten Verträge werden offline abgeschlossen

Zinslose Kredite an Verbraucher sind in Zeiten der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentral­bank grundsätzlich nichts Unbekanntes mehr - oft dienen sie schlicht der Verkaufsförderung. Die aggres­siven Negativzins-Angebote von Smava, Check24 und Finanzcheck.de gehen indes einen Schritt weiter. Sie sind Ausdruck eines beinharten Wettbewerbs unter den Online-Kreditvermittlern. Denn die Zahl der im Internet abgeschlossenen Kredite nimmt zwar stetig zu, rund 60 Prozent aller Darlehensverträge werden jedoch immer noch offline abgeschlossen.
Um die verbleibenden 40 Prozent balgen sich die Banken - und zunehmend auch die Kreditvermittler. Sie haben mit der 2018 in Kraft getretenen EU-Zahlungsdienste-Richtlinie PSD2 einige interessante Optionen hinzugewonnen. So müssen Bank­institute Finanzdienstleistern den Einblick in die Kontobewegungen ihrer Kunden gewähren, vorausgesetzt, die Kunden haben dem zugestimmt. Und was bringt den Kunden schneller dazu, seine Finanzdaten offenzulegen als ein unschlagbar günstiges Kreditangebot?
Verbraucherschützer warnen die Kunden deshalb auch vor solchen Angeboten: Sie würden den Zinsgewinn teuer erkaufen - durch ihre Daten. Dem widerspricht Smava-Kommunikationschef Paul Peters: "Jeder, der Kredite vergibt, muss zuvor eingehend die finanzielle Situation des Kunden prüfen, das verlangt das Gesetz. Und wir gehen bei Negativzins-Angeboten in diesem Punkt nicht anders vor als andere Kreditgeber auch."

Die Plattform bekommt viele Kundendaten

Um die Negativzins-Kredite zu finanzieren, muss der Vermittler den entgangenen Zins aus eigener Tasche draufzahlen - und erhält dafür als Lohn die qualifizierten Leads zu den Verbrauchern. Doch nicht nur das: Die von den Vermittlern angepriesenen Schnäppchen-Kredite bleiben nur den Kunden vorbehalten, die über eine sehr gute Bonität verfügen. Sich "nackig machen" müssen sich jedoch alle Bewerber, die sich um das lukrative Angebot bemühen. Und die bekommen dann andere Kredite angeboten - zwar zu schlechteren Konditionen, in der Regel aber immer noch günstiger als bei der Hausbank, versichert Smava-Mitbegründer Alexander Artopé in einer Presseerklärung.
Unter dem Strich, so sieht es Smava-Sprecher Peters, sind Negativzins-Kredite für Vermittler wie Kunden eine Win-win-Situation. Deshalb will das Unternehmen auch in Zukunft immer wieder entsprechende Kampagnen fahren.
Konkurrent Check24 sieht das offenbar anders: Man biete aktuell keine Negativzins-Kredite mehr an, heißt es aus der Pressestelle, und erreiche stattdessen mehr Kunden über attraktive Kreditkartenofferten.



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