Kommentar 13.09.2019, 12:27 Uhr

Zwei Tage dmexco: Eine Würdigung

Rund 40.000 Besucher - etwa so viel wie im Vorjahr - und 980 Aussteller, ebenfalls so viel wie im Jahr zuvor. War deshalb alles so wie früher? Nein. Einiges war besser. Und einiges könnte sogar noch besser werden. Ein Blick auf die dmexco.
Was war neu, was war besser? Ganz klar, die App.
(Quelle: dmexco )
Was war neu, was war besser? Ganz klar, die App. Was vor allem überzeugte: Sie funktionierte. Wirklich. Es muss sich zwar noch zeigen, ob sie tatsächlich die dmexco-Community über das Jahr hinweg zusammenhält. Doch bereits jetzt stellt sie mit ihren Firmeninfos, Personen- und Kontaktdaten ein wertvolles Tool dar.
 
Die App steht auch für die neue Nähe der dmexco. Jeder kann jeden unmittelbar kontaktieren. Auch die Veranstalter. Während seiner Eröffnungsrede erhielt Dominik Matyka, Chief Advisor der dmexco, die Nachricht eines besorgten Zuschauers, er sollte doch sein Sakko aufknöpfen. Das würde vorteilhafter aussehen. (Er sah die Nachricht allerdings erst nach seinem Vortrag). Solche Interaktionen wären vor Jahren noch undenkbar gewesen, als die Messemacher eher unnahbar durch die Gänge schwebten.
 
Im nächsten Jahr soll die App vielleicht sogar eine Indoor-Navigation enthalten. Diese könnte die Orientierung im Hallen-Labyrinth weiter erleichtern, obwohl auch dies deutlich verbessert wurde. Die Veranstalter hatten die Messe mit einer klar strukturierten Beschilderung ausgestattet, deren Designsprache darüber hinaus awardverdächtig ist.  

Konzeptionelle Änderungen

Vor allem aber wurde konzeptionell an einigen Stellen geschraubt. Im Future Park zeigte sich, in welche Bereiche das digitale Marketing inzwischen vordringt. Zu den Ausstellern zählte beispielsweise auch die trackle GmbH aus Bonn, die über einen Sensor die natürliche Familienplanung steuert. Auf der Demo Arena konnten Start-ups ihre Ideen vorstellen und unmittelbares Feedback einholen, was zu lebendigen Szenen führte.
 
Alles stand unter dem Motto "Trust in You". Das mag als Aussage zwar seltsam selbstbezogen klingen. Trotzdem unterschied es sich wohltuend von früheren Buzzword-Bingo-Claims der Messe. Das Thema "Vertrauen" wurde auch in zahlreichen Vorträgen von Referenten aufgegriffen, womit sowas wie eine inhaltliche Klammer sichtbar wurde. Manchmal wurde dies allerdings ins Unsinnige überdreht, so etwa bei der öfter gehörten Aussage: Trust in Information.
 
Die Seminare waren knackevoll, das Kongressprogramm mit seinen 600 Referenten überbordend, die Stimmung ernsthaft. Bemerkenswert war der hohe Anteil weiblicher Speaker und die Tatsache, wie locker die Branche inzwischen in englisch parliert. Die Kehrseite dieser inhaltlichen Vielfalt: Einige Panels in der Congress Stage waren nur mäßig besucht, darunter auch die morgendliche Eröffnung.
 
Die zählte inhaltlich allerdings auch nicht zu den packendsten Minuten der Messe. Die Keynote-Speakerin Stephanie Buscemi, CMO von Salesforce, präsentierte einige Allgemeinplätze ("Everything is connected…") und konnte nicht wirklich überzeugend belegen, wie sich die "Trust Revolution" im eigenen Unternehmen vollzieht. Auch von Dominik Matyka hätte man sich ein paar mutige Thesen mehr gewünscht, die der Branche konkret die Richtung weisen.

Matyka zeigte Mut

Allerdings zeigte Matyka Mut, als er auf einen in der Branche gerne ignorierten Widerspruch hinwies: Dem Anspruch, eine umweltbewusste Branche zu sein, die gerne ausgiebig über Nachhaltigkeit diskutiert, und trotzdem zu jedem Meeting ins Flugzeug steigt. Weil es ohne Geschäftsreisen aber nicht geht, unterstützt die dmexco ein Aufforstungsprojekt in Kenia, womit sich die Veranstaltung nach gängiger Beschreibung als klimaneutrales Event betrachten kann. Dazu passte, dass viele Aussteller wie Google echte Grünpflanzen in ihr Standkonzept einbezogen.
 
Vielleicht fehlten die ganz großen Namen. Ok, Wikipedia-Gründer Jimmy Wales war da, das schon. Auch Mark D‘Arcy von Facebook. Und Martin Sorrell, der aber eine Menge Werbung in eigener Sache machte. Aber die richtig große Nummer, die Strahlkraft über die Digitalbranche hinaus gehabt hätte, fehlte. Vermutlich hätte auch ein prominenter Querdenker, der den Marketern mal nicht auf die Schulter klopft, spannende Diskussionen eröffnen können.

Die Stimmung war ernsthaft, seriös

Dennoch: Die Stimmung war ernsthaft, seriös, die Gespräche an den Ständen entspannter als früher, von der angeblich bevorstehenden Rezession nichts zu spüren. Mehr Business als Party. Bei der OMR spielen die Musiker, bei uns die Musik, hatte Dominik Matyka im Frühjahr mal gesagt. Und er hatte Recht. Auch damit, dass Ausflüge ins Entertainment offenbar nicht die Stärke der dmexco sind. Bei der Experience Stage klappte dies gut. Das Musical mit Yext-Chef Howard Lerman ("Who killed Dominik Matyka") wirkte dagegen ein wenig deplaziert und litt darunter, dass in dem halb besetzten Saal der Funke nicht so wirklich überspringen wollte.
 
Die Messe war ein "Quantensprung gegenüber dem Vorjahr", bemerkte Matthias Wahl, der BVDW-Chef, am Nachmittag des zweiten Tages. Man muss es vielleicht nicht so euphorisch sehen. Aber auch nüchtern betrachtet lässt sich festhalten. Die Richtung stimmt, die Handschrift der Messemacher war spürbar.
 
Das heißt: Wir sehen uns nächstes Jahr wieder. Auf der, wie man sie jetzt neuerdings ausspricht: "De Em Exko".



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