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Logistik 26.09.2016
Logistik 26.09.2016

BEVH-Studie Die Logistikbranche im Wandel

Shutterstock.com/Sven Hoppe
Shutterstock.com/Sven Hoppe

Der Online-Handel verändert nicht nur das Aktionsfeld klassischer Retailer, auch die Logistik sieht sich vor dem größten Wandel in ihrer Geschichte.

Rund 2,3 Milliarden Pakete wurden im Jahr 2015 in Deutschland befördert, zeigt eine gemeinsame Studie des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel (BEVH) und der auf Logistiker spezialisierten Unternehmensberatung MRU. 54 Prozent davon, also 1,25 Milliarden Pakete, entfallen auf das B2C-Geschäft. Mit einem Plus von 8,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr legte dieses Marktsegment überproportional stark zu, so die Studie.

Die angenehmste Option

Längst ist klar: Der E-Commerce-Boom verändert nicht nur die Handelslandschaft, sondern auch den Paketmarkt. Die Logistiker stehen heute vor der Herausforderung, nicht nur das stetig wachsende ­Paketvolumen zu stemmen, sondern sich auch an das sich ändernde Konsumentenverhalten anzupassen. "Sehr bald schon wird nicht mehr nur das Angebot, sondern die angenehmste Lieferoption die Kaufentscheidung des Kunden beeinflussen", ist sich BEVH-Hauptgeschäftsführer Christoph Wenk-Fischer sicher. Mehrere von der MRU durchgeführte repräsenta­tive Befragungen hätten gezeigt, dass mehr als ein Drittel aller Online-Besteller durch ­zusätzliche Lieferservices dazu motiviert wurden, ihr Bestellvolumen - zum Teil ­erheblich - zu erhöhen.

Für die Paketdienste bedeutet dies, ihre hochgradig standardisierten Systeme grundlegend zu verändern und eher endkundenorientiert als prozessorientiert zu denken - und das bei weiter steigenden Kapazitäten. Getrieben werden die etablierten Player dabei von innovativen Start-ups, die mit einer Vielzahl neuer Liefer- und Abholkonzepte für die letzte Meile ­experimentieren und dabei beispielsweise verstärkt auf Kurierdienste setzen, die ein Höchstmaß an Individualisierung und Geschwindigkeit bei der Zustellung erlauben. Auch wenn, wie MRU-Geschäftsführer Horst Manner-Romberg betont, "eine Vielzahl der innovativen Ideen, Konzepte und Projekte eine dauerhafte Tragfähigkeit weder im Hinblick auf die Kundenakzeptanz noch auf die Wirtschaftlichkeit oder Nachhaltigkeit unter Beweis stellen konnte", haben die neuen Lieferservices disruptive Effekte auf die Lieferlogistik und können das Bild des Marktes von Grund auf verändern.

Allerdings: Kaum ein Logistiker schafft es, aus dem Stand ein deutschlandweites Angebot aus dem Boden zu stampfen. Die meisten tasten sich in Großstädten oder urbanen Ballungsräumen an derartige neue Konzepte heran, da nur dort das Aufkommen für die zur Rentabilität notwendigen Skaleneffekte erreicht werden kann. Wo sich dies besonders lohnt, können die Akteure der gemeinsamen Studie von BEVH und MRU entnehmen. Denn in ihr wird die geografische Verteilung des P­aketvolumens detailliert analysiert. Auf den ersten Blick ist das Ergebnis wenig überraschend: Im Wesentlichen entspricht das Paketaufkommen der Bevölkerungsverteilung.

Paketzustellung in neuen und alten Bundesländern

Während Großstädte auf ­höhere Volumina kommen, werden in ländlichen Regionen, insbesondere in den neuen Bundesländern, deutlich weniger Pakete zugestellt. Mit 43,5 Millionen Versandhandelspaketen im Jahr 2015 wies die Postleitzahlenregion 10 rund um Berlin mit 3,5 Millionen Einwohnern den höchsten Wert auf. Dagegen sind Regionen mit den geringsten B2C-Paketaufkommen überwiegend ländlich geprägt, weisen eine niedrigere Bevölkerungszahl auf und liegen sämtlich in den neuen Bundesländern (Postleitzahlenbereiche 02, 19 sowie 98).

Betrachtung des Pro-Kopf-Aufkommens

Während der Zusammenhang von ­Bevölkerungszahl und absoluter Paketmenge nachvollziehbar ist, liefert die ­Betrachtung des Pro-Kopf-Aufkommens ein zum Teil überraschend anderes Bild: So vereinen die beiden größten Städte Deutschlands, Berlin und Hamburg, zwar in absoluten Volumina die höchsten ­Werte auf sich, weisen jedoch bei der Häufigkeit der zugestellten Pakete mit rund 12,5 ­Paketen pro Kopf die niedrigsten Werte auf. Die höchsten Pro-Kopf-Werte sind dagegen in den Postleitzahlregionen Mannheim, Schwetzingen, Lampertheim, Viernheim (68) sowie Wuppertal (42) und Duisburg (47) zu finden. In diesen Regionen wurden 2015 18,3 beziehungsweise 17,7 Versandhandelspakete pro Kopf zugestellt. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 15,4 Paketen pro Kopf.

Auch beim Blick auf spezifische Warengruppen ergeben sich regionale Besonderheiten: Städte wie Frankfurt, Mannheim und Bremen sind mit 3,8 Paketen pro Kopf besonders offen für Bestellungen, während in Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München im Schnitt nur drei Sendungen pro Kopf ausgeliefert wurden.
Wie die Studienautoren weiter betonen, darf der hohe Aufmerksamkeitsgrad der neuen Zustelloptionen nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Angebote zahlenmäßig bislang eine eher geringe Marktbedeutung haben. So entfalle auf Same-Day-B2C-Zustellungen derzeit weniger als ein Prozent aller Lieferungen. "Dies schließt auch die medial stark rezipierten neuen Services des Anbieters Amazon ein", heißt es. Mit ein Grund dafür ist, dass nicht nur die Logistikdienstleister, sondern auch der lokale Handel darauf nicht vorbereitet sind. Notwendige Warenwirtschaftssys­teme mit Echtzeit-Warenbestandsanzeigen sind bei lokalen Einzelhändlern nur in Ausnahmefällen vorhanden. Zudem fehlen oft die personellen Voraussetzungen für die zusätzlichen Prozesse wie etwa Kommissionierung oder Datenpflege.

Neue Bewegung wird in den Zustellmarkt allerdings erst dann kommen, wenn der Lebensmittelhandel im Web floriert. Dieser erfordert noch individuellere Lieferoptionen, auf die sich die Branche einstellen muss. "Erst eine medienbruchfreie IT in Verbindung mit einer hoch performanten Inhouse-Logistik sowie ange­passte Lagerhaltung in Verbindung mit ­einer optimierten Distribution stellen die Basis für die neuen Lieferkonzepte dar", so ein Studienfazit. Die Postleitzahlenregionen mit hohem Paketaufkommen werden also noch einige logistische Neuerungen sehen, bevor sich zeigt, was massentauglich und vor allem rentabel ist.

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