Gartenmöbel im Internet 14.08.2019, 08:03 Uhr

Garten-und-Freizeit.de: Auf die Logistik kommt es an

Wer Gartenmöbel über das Web verschickt, muss eine Leidenschaft für das Thema Logistik haben. Der Webshop-Betreiber von Garten-und-Freizeit.de optimiert seine Prozesse kontinuierlich.
Die Prozesse in den zwei Logistikzentren von Garten-und-Freizeit.de werden kontinuierlich optimiert.
(Quelle: Garten-und-Freizeit.de)
Mit Gartenmöbeln hat sich Jürgen Schuster, Geschäftsführer des ­Online-Gartenmöbelversenders Garten-und-Freizeit.de, eine Sortimentsnische herausgesucht, die in Sachen Online-Vertrieb gleich mehrere Herausforderungen birgt: Das Sortiment ist extrem voluminös und aufwendig beim Fulfillment. Das ­Geschäft ist von massiven Saisonspitzen im April und Mai und dann noch einmal von Juli bis Mitte August gekennzeichnet. Die Zahl der Kunden, die sich jedes Jahr eine neue Sitzgruppe für den Garten oder einen neuen Sonnenschirm gönnen, ist überschaubar. Und mit dem nordschwäbischen Standort Genderkingen mit insgesamt 1.188 Einwohnern und 50 Kilometer Entfernung zur nächsten größeren Stadt Augsburg sitzt Schuster buchstäblich auch noch mitten in der Pampa.

Gartenmöbelhändler aus Überzeugung 

Trotzdem würde sich der Händler, wenn er müsste, wieder für genau dieses Sortiment entscheiden. "Es hat natürlich Nachteile. Aber es ist eine vernünftige ­Nische, die groß, aber nicht zu groß ist und in der man sich ganz gut etablieren kann", sagt er. Und tatsächlich: Während andere Wettbewerber das Handtuch werfen mussten, hat sich Garten-und-Freizeit.de in den 15 Jahren seines Bestehens zwischen Möbelhändlern wie XXXLutz, Baumärkten wie Obi, Online-Pure-Playern wie Wayfair und natürlich dem alles dominierenden E-Commerce-Riesen Amazon ganz gut eingerichtet.
Im vergangenen Geschäftsjahr lag das Wachstum gegenüber dem Vorjahr bei 30 Prozent. Vor allem die Eigenmarkenstrategie im Mittel- bis Hochpreissegment zahlt sich für das Unternehmen aus. Mit Produkten der eigenen Marke Outliv erwirtschaftet Garten-und-Freizeit.de inzwischen 25 bis 30 Prozent Umsatzanteil. Das wirkt sich positiv auf die eigene Gewinnmarge aus, bedeutet aber auch viel Finanzierungsbedarf in der Saisonspitze - und von Februar bis Mai zudem einen immensen Lagerkapazitätsbedarf.
2014 bezog der Versender daher ein 14.000 Quadratmeter großes Lager in Genderkingen. "Das war zum Bezug noch sehr leer", erinnert sich Schuster. 2016/17 ist auch das zu klein geworden. Daher nahm Schuster 2018 ein zweites Logistikzentrum im polnischen Posen in Betrieb. Schnell entwickelte sich das 25.000 Quadratmeter große Areal zum Hauptlogistikzentrum für Speditions­ware. Von dort werden die Kunden aus Deutschland und Österreich bedient. Von Genderkingen aus wird die Paketware verschickt.
Einbußen bei den Lieferzeiten sieht Schuster durch die Expansion nach Polen nicht. "Wir arbeiten fast ausschließlich mit dem Hermes Einrichtungsservice und stellen alle Gartenmöbel im Zwei-Mann-Handling zu. Da gibt es ohnehin nur einen Zentral-Hub, wo alles angeliefert werden muss. Weil der in Bielefeld ist, ist es schon egal, ob ich von Genderkingen aus einen Lkw nach Bielefeld schicke oder von ­Posen", weiß Schuster.

Dienstleistergeschäft macht Saisonspitzen erträglich 

Garten-und-Freizeit.de-Gründer Jürgen Schuster fühlt sich in seiner Nische pudelwohl.
Quelle: Garten-und-Freizeit.de
Um das hoch saisonale Geschäft abzufedern, bietet der Händler seine Lagerflächen und Mitarbeiter inzwischen auch ­externen Unternehmen an, die Bedarf in Sachen Möbel- und Kontraktlogistik haben. Auch eine Speditionslizenz hat Schuster inzwischen und kauft und verkauft Transporte, jedoch ohne eigenen Fuhrpark.
Ohnehin merkt man Jürgen Schuster und seinem Lagerleiter Robert Sobolewski an, dass man im Web keine Gartenmöbel verkaufen kann, wenn man das Thema Logistik nicht als persönliches Steckenpferd ­begreift und jeden Tag daran arbeitet, noch ein Stückchen besser zu werden. Jedes Jahr werden dem Händler zufolge sämtliche Prozesse komplett auf den Kopf gestellt. "Wir können aufgrund unseres Sortiments nicht sehr viel automatisieren. Wir brauchen immer Hände - mal zwei, mal vier", erklärt Schuster. Das sei vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels natürlich ­eine Herausforderung. Daher versuche man, so viel wie möglich zu optimieren. "Wir sind Fans von möglichst wenig Handgriffen und möglichst wenig Verpackungsaufwand", sagt der Händler. Wo immer Potenzial zur Verbesserung erkannt wird, wird es schnell umgesetzt. Das funktioniert allerdings nur, weil das Team von Garten-und-Freizeit.de seine Software zur Logistikverwaltung komplett inhouse entwickelt. "Würde das ein Anbieter von ­Lagerverwaltungssoftware machen, wäre es von den Projektlaufzeiten und den Kosten nicht darstellbar", so Schuster.

Schritt für Schritt zum Optimum

Viele kleine Details machen die Logistikprozesse des Online-Händlers effizienter. Um beispielsweise Verpackungsaufwand und somit auch Transportkosten zu vermeiden, wird für jedes Produkt im System hinterlegt, ob es so an den Kunden verschickt werden kann oder noch extra verpackt werden muss. Bestellt ein Kunde ein vorverpacktes und ein nicht verpacktes Produkt, entscheidet das System, ob das nicht verpackte Produkt noch in den Karton des vorverpackten Produkts passt oder ob sich Produkte zu einem Paket bündeln lassen. Außerdem kann Garten-und-Freizeit.de bis kurz vor dem Abschluss des Versandprozesses sehr flexibel entscheiden, welchem Paketdienstleister die Ware übergeben werden soll. Hat ein Anbieter aufgrund von individuellen Peaks Zustellprobleme, wird einfach ein anderer Anbieter ausgewählt.
Eine weitere große Neuerung der letzten Zeit war der Wechsel von Stückgut auf Zwei-Mann-Handling. Durch den Verzicht auf Palettenware konnte die Zahl der Lkw, die das Lager täglich verlassen, von 30 auf sechs reduziert werden. Bei allen Neuerungen setzt das Unternehmen ­darauf, dass die Prozesse für die Picker so einfach wie möglich sind. "Wir können Saisonkräfte nicht drei Wochen lang einarbeiten, wenn die Saisonspitze nach sechs Wochen wieder vorbei ist", sagt Schuster. Zudem seien viele Mitarbeiter der deutschen Sprache nicht mächtig, könnten ­diese auch nicht lesen.  
Doch nicht nur die Logistik entwickelt sich stetig weiter. Auch Garten & Freizeit selbst steht vor einem fundamentalen Wandel. Wie vor einigen Wochen bekannt wurde, übernimmt der Genderkingener Händler die Betten.de-Mutter Möbel im Netz GmbH und will sich im Zuge der Übernahme von HS Fachmarkt Vertriebs GmbH in Raumschmiede GmbH umbenennen.

Betten.de soll weiteres Wachstum garantieren

Betten.de ergänzt das Geschäft von Garten-und-Freizeit.de.
Quelle: Garten-und-Freizeit.de
Auch Betten sind für Schuster eine lukrative Nische, die noch nicht über Gebühr besetzt ist. "Da sehen wir stärkeres Wachstumspotenzial als im Gartenmöbelbereich", sagt der Händler. Das Gute daran: Das Geschäftsmodell von Betten.de ist saisongegenläufig. "Bei schlechtem Wetter kauft man Betten, bei gutem eine Gartenliege", lacht Schuster. Synergien ergeben sich auch dadurch, dass Betten.de noch keine eigene Logistik hat und dadurch auf das Angebot von Garten & Freizeit zurückgreifen kann.
Wachstum verspricht sich der E-Commerce-Profi allein durch neue Sortimente. Hier kommt dem Unternehmer seine Mitgliedschaft im Einkaufsverbund Möbel Union zugute, die ihm Zugriff auf Marken verschafft, die Betten.de momentan noch nicht führt. Auch der Investor von Garten & Freizeit, der traditionelle Möbelhändler Weko mit Sitz in Pfarrkirchen/­Rosenheim, der seit 2014 Unternehmensanteile hält, passt strategisch ins Bild.
Dass Garten & Freizeit seit zwei Jahren mit Piolo einen ­eigenen Webshop für Möbel betreibt, unterstreicht die Ambitionen in diesem ­Bereich. Noch kocht der Möbel-Shop auf eher kleiner Flamme, doch zusammen mit Weko will Schuster auch hier Gas geben. Denn seine Zukunft sieht der Händler auf jeden Fall in Spezial-Shops und Nischen. Und Garten-und-Freizeit.de beweist, dass das für den Genderkingener Unternehmer eine nachhaltige Strategie ist.



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