Investor
01.04.2016, 08:10 Uhr

Frank Thelen: "Hidden Champions haben gute Chancen"

Langsam, aber sicher nimmt die Venture-Capital-Szene auch in Deutschland Fahrt auf. Investor Frank Thelen erklärt, welche Unternehmen ihn 2016 am meisten interessieren.
Frank Thelen, Gründer und Geschäftsführer der Risikokapitalfirma e42
(Quelle: e42)
Von Christina Cassala
Als Juror bei der Start-up-Show "Die Höhle der ­Löwen" (Vox) machte Frank Thelen das Thema Risiko­kapitalfinanzierung einem breiteren Publikum bekannt. Auf unterhaltsame Weise setzen sich der 40-Jährige und seine vier Mitstreiter vor laufender Kamera mit den Geschäftsideen junger Gründer auseinander. Für Thelen, der in Bonn lebt, sind vor allem "Hidden Champions" ein lohnendes Ziel für Investitionen - junge Unternehmen, die ohne großes Aufheben einen sensationellen Job machen. Hier sieht er besonders am mittelständisch geprägten Wirtschaftsstandort Deutschland große Potenziale.

Was macht für Sie einen Hidden Champion aus?
Frank Thelen: Ein Hidden Champion erzeugt keinen Buzz, sondern arbeitet ruhig und fokussiert. Er hat oftmals eine Nische und ist in dieser sehr gut und versteht es dann, sein Produkt international auszurollen und zum weltweiten Marktführer zu werden, wie es beispielsweise Sennheiser im Bereich Audiotechnologie geschafft hat.
Ein solches Unternehmen sitzt auch nicht typischerweise in New York oder Berlin, sondern auch in kleinen Städten oder - wie im Beispiel United Internet - sogar auf dem Land. Ein Hidden Cham­pion ist digital getrieben und macht eine Milliarde Umsatz jährlich. Erfolgreiche Newcomer analysieren sehr genau die Märkte und überlegen, wie dort mit tief greifender Technologie die Marktführerschaft erreicht werden kann.
Das gilt auch in der Digital-Branche. Auch hier springt ein Hidden Champion nicht auf irgendeinen Hype auf, sondern entwickelt technologische Kompetenz, die er immer weiter ausbaut und weltweit vermarktet.
Gibt es Branchen, in denen sich Hidden Champions besser entwickeln können als in anderen?
Thelen: Jede Branche steht aktuell vor ­einem Wandel durch Technologie: egal ob in der Medizin, Chemie oder Logistik. Manche Branchen sind zwar erst später dran als andere, aber sie alle werden komplett verändert werden. Daher wird es immer die Chancen für neue Hidden Champions geben, die durch kluge Überlegung und Verstehen des Marktumfeldes mögliche Technologie liefern und daher unersetzbare Player werden.
 
Wie kann man die Geschwindigkeit, die es in der Software-Entwicklung oder im Proto­typing in der Hardware-Entwicklung braucht, in der DNA der Hidden Champions verankern? Die Gefahr, kopiert zu werden, ist doch hoch.
Thelen: Das trifft ja nicht nur Start-ups, sondern auch ­Familienunternehmen, die oftmals auch Hidden Champions sind. Die Hidden Champions der Zukunft werden die DNA eines Start-ups aufnehmen müssen, um schneller agieren und auf Technologie setzen zu können. Bislang konnte man 40 Jahre lang Gabelstapler oder Audiotechnologie liefern, aber die Grundwerte blieben gleich. Start-up-DNA bedeutet: keine großen, überblendeten Strukturen, Entscheidungen werden in kleinen Teams getroffen, für die ­Fehler eine Option sind und die immer wieder neue Strukturen annehmen, weil es die Marktentwicklung vorgibt. Strategien können in dieser DNA schnell geändert werden.

Können zukünftige Hidden Champions eigentlich noch unter dem Radar fliegen, um an Kapital zu gelangen?

Thelen: Nach wie vor können Spitzenunternehmen aufgebaut werden, ohne einen großen Medienhype zu machen. Auch bei den Investoren kommt das gut an. Was 2016 bei den Investoren passiert, ist, dass genau dieser Medien­hype nicht mehr akzeptiert wird. Stattdessen wird wieder konkret auf Umsätze und Technologie geschaut. 2015 gab es ganze Finanzierungsrunden in Produkte, die für die Investoren zunächst aufgegangen sind, weil sie einen IPO damit machen konnten.
Aber für 2016 sehe ich eine andere Entwicklung. Wenn Hidden Champions zeigen können, wie mit ihrer Technologie die Weltmartkführerschaft gelingt, dann wird es auch Kapital geben.

Wird es aufgrund dieser Entwicklung in den kommenden Jahren mehr Hidden Cham­pions geben?

Thelen: Das hoffe ich sehr, ja. Ich war noch nie ein Freund von Riesen-Hypes. Wir haben grundsätzlich die Chance, mehr Hidden Champions aufzubauen, weil sich insbesondere Deutschland durch Ingenieure und viele Patente auszeichnet. Es wäre ein großer Traum von mir, wenn sich Deutschland noch mehr in diese Richtung ent­wickeln würde und Unternehmen in Ruhe besondere Technologien hervorbringen und nicht marktschreierisch die nächste Chat-App oder das Social-Media-Ding rausknallt. Das würde Deutschland und Europa sehr guttun.

Nicht marktschreierisch? Den Deutschen wird ja ohnehin schon immer so eine Bescheidenheit nachgesagt …
Thelen: Wir haben zwei Dinge: einen Start-up-Hype, der aufhören muss, denn ein Start-up muss hart arbeiten und sich einen funktionierenden Strom an Kunden aufbauen - auch wenn der klein ist, man muss Zahlen zeigen können. Allerdings: Wenn wir dann mal wirklich etwas Großes, Revolutionäres haben, dann müsste das noch lauter, noch mehr gefeiert werden. In dieser Beziehung muss Deutschland noch sehr viel lernen. Auch die Hidden Champions müssen lernen, noch besser in die Vermarktung zu gehen.

Einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zufolge gibt es in Deutschland rund 1.500 Hidden Champions. Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich?
Thelen: Gefühlt ist der stabile Mittelstand vor allem in Deutschland viel stärker als in den USA. Das ist auch der Grund, warum es uns immer noch so gut geht. In der Digital-Branche gibt es nur wenige Hidden Champions, aber wir sind ja auch gerade mitten in der Transformationphase: von Produkten wie Gabelstaplern oder Dübeln hin zu Technologie und Unternehmen wie 1&1. Für Deutschland wird es entscheidend sein, ob wir das hinbekommen. Sonst werden wir hierzulande den Anschluss verlieren.
Das muss in den nächsten fünf bis zehn Jahren gelingen! Ich mache mir extreme Sorgen um die Autokonzerne, wenn ich die Innovationskraft eines Tesla sehe. Wenn Tesla im Autobereich das schafft, was seinerzeit Apple in der Telekommunikation gelang, dann sind die deutschen ­Autos in einigen Jahren nicht mehr so viel wert. Wir müssen jetzt sehr schnell sein.

Was ist denn für Sie derzeit der persönliche Hidden Champion?
Thelen: Der größte und eindrucksvollste ist derzeit wohl Rocket Internet. Es wird vielfach unterschätzt, was Oliver Samwer gerade umsetzt und weltweit die verschiedensten Start-ups hochzieht. Erst in einigen Jahren wird allen klar werden, was ­Rocket alles gebaut hat, wie ein Zalando beispielsweise. Auch vor 1&1 habe ich ­unglaublich Respekt. Aber wir haben sonst derzeit noch keine digitalen Hidden Champions, die Relevanz haben!

Haben Sie in der Sendung als Juror von "Die Höhle des Löwen" schon einmal ein Business-Modell gesehen, dass Potenzial für ­einen Hidden Champion hätte?
Thelen: Little Lunch hat das Potenzial, ein Milliardengeschäft zu werden, aber das ist kein Hidden Champion, weil es nicht technologiegetrieben ist, sondern das Thema "gesunde Ernährung" vorantreibt. Aber ja! In der aktuellen Staffel haben wir ein Unternehmen dabei, das digital getrieben ist und ein Hidden Champion werden könnte. Ich will Millionäre machen und auch langfristig Unternehmen aufbauen. Wir werden durch die Sendung bald schon ein paar sehr vermögende Leute ­gemacht haben. Und man sieht es ja bereits: Aus der Show heraus sind Tausende Arbeitsplätze geschaffen worden. Das war immer mein Ziel.



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