Sharing Economy 01.12.2019, 10:30 Uhr

Wie es um den Hype "Miet-Commerce" heute steht

Vor drei Jahren war Teilen statt Kaufen der neue E-Commerce-Hit. Viele Start-ups und auch große Player starteten mit ­Pilotprojekten zum Thema Sharing Commerce. Nachdem die erste Begeisterung vorüber ist, stellt sich langsam die Frage nach der Wirtschaftlichkeit.
Die "Mietbox": In dem Container wartete ein durchdachtes Mitnahmesystem auf die Kunden, die dort online reservierte Werkzeuge abholen und den Mietbetrag bezahlen konnten.
(Quelle: Werkzeug Weber)
Vor rund zwei Jahren stellte ein Mobilkran einen begehbaren Container auf das Gelände des Aschaffenburger Werkzeughändlers Weber Werkzeug. "Mietbox24" stand darauf, "Werkzeuge mieten war noch nie so einfach", versprach ein Werbeclaim. In dem Container wartete ein durchdachtes Mitnahmesystem auf die Kunden, die dort online reservierte Werkzeuge abholen und den Mietbetrag per Kredit- oder ­EC-Karte bezahlen konnten. Werkzeug Weber wurde zum lokalen Vorzeigeunternehmen für die Share Economy, genauer Shared Commerce.
Zwei Jahre später hat sich Weber Werkzeuge aus dem B2C-Online-Handel mit Werkzeugen zurückgezogen; die "Mietbox" gibt es zwar noch, sie wird aber mittlerweile von einem Baustellen-Dienstleister betrieben und eher im B2B-Umfeld vermarktet.  
Das Beispiel kann exemplarisch für die bisherige Entwicklung der Geschäftsform Miet-Commerce in Deutschland stehen: Vor rund drei Jahren eroberte das Konzepte die E-Commerce-Szene, verschiedene große Retail-Marken wie Otto, Tchibo, Media Markt Saturn, Conrad oder zuletzt Ikea bekundeten Interesse an der Idee oder starteten Pilotprojekte. Nach einigen Jahren am Markt ist in das einst gehypte Thema Miet-Commerce aber zumindest von Konsumentenseite noch wenig Bewegung gekommen. 

Kunden teilen vor allem Mobilitätsdienstleistungen

Eine Yougov-Studie zeigt: Nur jeder fünfte Deutsche hat bisher Sharing-Commerce-Angebote genutzt - und der weitaus größte Teil dieser Nutzer mietet Autos, Fahrräder - oder seit Neuestem E-Scooter. Die bekanntesten Sharing-Commerce-Anbieter gehören hierzulande allesamt zur Mobilitäts- und Reisebranche; Mietangebote wie Otto Now oder Tchibo Share, bei denen es ­darum geht, physische Waren anstelle von Dienstleistungen zu leihen, sind immer noch weitgehend unbekannt. 
Wie passt dieses Unwissen auf Konsumentenseite mit dem oft breitbeinigen Auftreten großer Handelsketten zusammen, die seit einigen Jahren auf Miet-Commerce setzen? Otto hat bereits Ende 2016 einen eigenen Miet-Commerce-Service unter dem Namen Otto Now gegründet. Das Projekt wird von Beginn an konsequent ausgebaut. Mittlerweile vermietet Otto Now über 700 Produkte an B2C- und B2B-Kunden, da­runter Elek­tronik, Weißware und Möbel. Die letzte Sortimentserweiterung umfasst E-Scooter; und die Otto-Tochter wurde von dem Kundenansturm auf die Roller so überrascht, dass die Mietgeräte in kürzester Zeit vergriffen waren.  

"Ausweitung des Mietsortiments geplant"

"Sehr gut läuft unser Mietmodell in den Segmenten Elektronik und Weißware", sagte Otto-Now-Co-Gründer David Rahnaward Basar beim INTERNET WORLD CONGRESS Ende Oktober in München. "Im Bereich Einrichten sind wir noch nicht da, wo wir hinwollten. Wir spüren zwar Kundeninteresse, aber das reicht ­offenbar noch nicht so oft zum Abschluss des Mietvertrags wie in anderen Bereichen. Hier wollen wir im nächsten Jahr ­genauer hinschauen. Außerdem ist eine Ausweitung des Mietsortiments geplant."
Die Elektronikketten Media Markt Saturn, Conrad und Gravis wiederum setzen auf das 2015 gegründete Miet-Commerce-Start-up Grover, um ihren Kunden eigene Mietmodelle anzubieten und Otto Now nicht das Feld zu überlassen. Eher überraschend war der Einstieg von Tchibo in den Miet-Com­merce Mitte 2017: Mit Tchibo Share bietet der Discounter in Zusammenarbeit mit dem Start-up Kilenda Baby- und Kindermode sowie Spielzeug und Kinderzimmerausstattung zur Miete an. 
"Wir erschließen uns auch neue Kundengruppen mit dem Mietangebot, die ansonsten kaum bei ­Tchibo eingekauft hätten", so Sarah Herms, Lead Manager Sustainability bei Tchibo. "Diese Miet-Kunden motivieren Konzepte wie Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein. Für die Zukunft wollen wir auf jeden Fall versuchen, das Mietmodell auch ­gegenüber unseren klassischen Kunden stärker zu kommunizieren."

Miet-Kunde ist nicht gleich Kauf-Kunde

Damit fasst Herms ein Problem in Worte, das viele Miet-Commerce-Projekte eint: Oft passt nämlich die herkömmliche Zielgruppe des Unternehmens nicht zu einem Mietmodell. Wer bereit ist, für ein Luxusabendkleid einen vierstelligen Betrag ­auszugeben, will das gleiche Kleid nicht unbedingt mieten; und wer die neueste State-of-the-Art-Drohne einfach gern mal ausprobieren möchte, ist nicht unbedingt bereit, dafür den vollen Preis zu bezahlen. Das stellt die Handelsunternehmen vor ein Dilemma: Sie müssen eine ganz neue Zielgruppe ansprechen - und dafür ­andere Verkaufsargumente verwenden. 
"Aus unserer Sicht gibt es verschiedene Kundenmotivationen, sich für Miet-Commerce zu interessieren. Da ist einmal ­natürlich der Nachhaltigkeitsgedanke: Viele Kunden wollen weniger und bewusster konsumieren und deshalb auch ­Secondhand-Produkte nutzen, um deren Lebenszyklus zu verlängern", so Rahnaward Basar von Otto Now. "Eine andere Triebfeder ist die Neugier: Diese Kunden wollen gerne mal etwas Neues ausprobieren, ohne sich gleich durch den teuren Kauf finanziell sehr festlegen zu müssen. Da bietet sich ein Mietmodell an, um ­herauszufinden: Ist dieses Gerät überhaupt etwas für mich? Auch der Wunsch nach mehr Abwechslung kann eine Motivation sein, beispielsweise im Bereich Mode."
Da verwundert es wenig, dass es zwischen dem Kundenstamm von Otto und Otto Now bisher nur geringe Überschneidungen gibt. Daran will der Anbieter allerdings nächstes Jahr verstärkt arbeiten und das Mietangebot auch zunehmend Otto-Stammkunden schmackhaft machen.

Weniger Umsatz, mehr Nachhaltigkeit

Dabei muss der Unterschied in der Zielgruppe keineswegs ein Nachteil sein. "Viele Online-Händler werden vom Thema Sharing Commerce von der Vorstellung abgeschreckt, ihre Umsätze mit dem eigenen Mietmodell zu kannibalisieren", sagt Dirk Haschke vom Dienstleister Descartes, dessen Warenwirtschaft Pixi auch bei einigen kleineren Unternehmen zum Einsatz kommt, die mit Sharing Commerce experimentieren. "Nehmen wir das Beispiel Werkzeuge: Natürlich brauchen die wenigsten von uns im Privatleben öfter als vielleicht zweimal im Jahr eine Bohr­maschine. Hier bietet sich also aus Konsumentensicht ein Mietmodell an. Aus Händlersicht allerdings steht natürlich unterm Strich mehr Umsatz, wenn er zehn Kunden zehn Bohrmaschinen verkauft, statt eine Bohrmaschine an zehn Kunden zu vermieten. Das Ziel für den Online-Händler muss also sein, mit dem Mietmodell ein neues Kundenklientel anzusprechen, für das ein Kauf zunächst nicht infrage kommt."
Dennoch bleibt die Frage, wie wirtschaftlich Sharing-Commerce-Konzepte tatsächlich betrieben werden können. "Ja, aktuell verdienen wir im Miet-Commerce an einem Produkt unterm Strich weniger", räumt Sarah Herms von Tchibo ein. "Aber wir glauben, dass sich im ­Miet-Commerce eine gesellschaftliche Grundentwicklung ausdrückt: Immer mehr Kunden ist es wichtig, über Besitz verantwortungs­bewusst nachzudenken. Auf dem Weg zu einem nachhaltigen Unternehmen möchten wir diesen gesellschaftlichen Trend mit prägen und vorne mit dabei sein - auch wenn die Investitionen jetzt zu Beginn höher sein mögen." Frei nach dem Motto: Wer einen Trend übersieht, wird von ihm überfahren.



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