Alexander Gerfer, Würth Elektronik 18.01.2020, 11:41 Uhr

"Eine große Herausforderung liegt bei den Produktdaten"

Kunden wollen ihre Erwartungen an die Digitalisierung zunehmend mit den Stärken des traditionellen Handels verbinden, sagt Alexander Gerfer. Der CTO von Würth Elektronik erklärt im Interview unter anderem, auf welche digitalen Vertriebs-Tools der Konzern setzt.
Alexander Gerfer, CTO der Würth Elektronik eiSos Gruppe, auf der DLD Konferenz in Singapur 2018
(Quelle: Tom White for DLD )
Auf der aktuell in München stattfindenden DLD Conference von Hubert Burda Media spricht Alexander Gerfer, CTO der Würth Elektronik eiSos Gruppe, zum Thema Nachhaltigkeit. In unserem Interview erzählt er vorab, wie sich der Hersteller von elektronischen und elektromechanischen Bauteilen im Online-Vertrieb aufstellt, wie es mit der Kanalverknüpfung läuft und wie man mit Plattformen umgeht.
Wie digital ist Würth Elektronik heute? Können Sie ein paar Einblicke in Ihren B2B- und B2C-Online-Vertrieb geben?
Alexander Gerfer: Wir setzen seit Jahren auf eine stetig wachsende Zahl von digitalen Vertriebs-Tools. Das beginnt mit Website, Online Shop und digitalisierten Produktkatalogen. Die Anzahl der Kunden, die auf Online-Plattformen kauft, wächst stetig. Doch Digitalisierung ist für uns weit mehr. Beispiel Augmented Reality: Kunden können digitale Zwillinge unserer Elektronikkomponenten einsetzen, um über virtuelle Walk-throughs den Aufbau der Produkte besser zu verstehen oder diese Daten in der eigenen Entwicklung zu nutzen. Entwicklerteams sind mit ihren Design-Entscheidungen unsere eigentlichen Kunden. Mit "RedExpert" bieten wir Entwicklern daher eine transparente Design- und Simulationsumgebung - mit Bauteilinformationen, die weit mehr als Datenblätter zeigen.
 
Omnichannel, Multichannel - das sind Themen, die sich Händler derzeit groß auf die Fahnen schreiben. Wie gut gelingt bei Ihnen die Kanalverknüpfung?
Gerfer: Wir sind ja bekannt für Kundenorientierung und Service-Stärke. Deshalb sind Multi- und Omnichannel sowie eine geschlossene Customer Journey seit Langem auf unserer Agenda. Das Ziel: Der Kunde wählt für jeden Kauf seinen Kanal und wir stellen sicher, dass er über alle Kanäle hinweg stets ein "More than you expect"-Erlebnis genießen kann. 
 
Wo sehen Sie für sich - wie auch für den Markt - die größten Herausforderungen in Sachen (Online-)Handel für 2020. Ist es die Logistik? Sind es die steigenden Ansprüche der Kunden? Sind es die Daten?
Gerfer: Was wir sehen ist, dass die Kunden ihre Erwartungen an die Digitalisierung - also Komfort, Geschwindigkeit und Lieferperformance - immer stärker mit den Stärken des traditionellen Handels verbinden wollen - also Vertrauen, Individualität und persönliche Betreuung. So wünschen die Kunden auch beim digitalen Einkauf eine persönliche Betreuung oder Beratung durch Mitarbeiter. Wir arbeiten daran, das Beste aus beiden Welten zu vereinen und den Kunden ein einzigartiges Kauferlebnis zu bieten.
Eine zweite große Herausforderung liegt bei den Produktdaten. Der digitale Zwilling wird für die Elektronikentwicklung unerlässlich. Hier sind wir mit unseren Simulationsmodellen sehr gut aufgestellt. Die Anforderungen steigen hier aber immer weiter, auch weil zunehmend KI im Designprozess eingesetzt wird.
 
Wie sehen Sie den Trend in Richtung Online-Plattformen und wie gehen Sie mit Online-Markplätzen um?
Gerfer: Ja, das ist ein starker Trend. Auch weil diese Plattformen bei herstellerübergreifenden Einkäufen nochmals mehr Convenience bieten und Zeit sparen. Die qualitativen Unterschiede beim Service und bei der Verlässlichkeit von Produktdaten sind auf diesen Plattformen allerdings groß. Wir empfehlen Plattformen, bei denen alle Daten direkt vom Hersteller kommen. Nur dort können wir als Hersteller für die Datenqualität bürgen. Datenqualität ist auch der Grund dafür, dass wir Kunden verstärkt die Anbindung über EDI (Anmerkung: electronic data interchange, elektronischer Datenaustausch) und APIs anbieten, da haben beide Seiten nochmals ganz andere Möglichkeiten als bei klassischen Websites.

"Nachhaltigkeit ist eine drängende Aufgabe"

Auf der DLD sprechen Sie zum Thema Nachhaltigkeit. Derzeit besetzen viele Marken das Feld und hoffen auf positive Branding-Effekte. Wie lässt sich das Thema sinnvoll in das Firmen-Image integrieren und wie geht Würth damit um?
Gerfer: Auch wenn der Begriff Nachhaltigkeit inflationär genutzt wird: Wir bei Würth Elektronik sehen darin eine drängende Aufgabe, der wir uns als Unternehmen und Gesellschaft wirklich ernsthaft und engagiert stellen müssen. Bei uns beginnt das mit Themen wie Verpackungen, der Effizienz unserer Bauteile, der Herkunft von Rohstoffen für die Elektronik, dem Energieverbrauch an unseren Standorten oder der Zertifizierung für Umweltmanagement nach ISO 14001 oder Energiemanagement nach ISO 50001. Darüber hinaus verfolgen wir einige Schwerpunktinitiativen. Eine davon sind Horticulture LED, also der Einsatz intelligenter LEDs in Garten- und Landwirtschaft. Hier fördern wir Forschungsprojekte und haben eigene Biologen und Agarexperten im Hause. Das Ergebnis: LEDs sparen nicht nur Energie. Die intelligente Lichtsteuerung lässt Pflanzen schneller wachsen, ihr Nährstoffgehalt steigt und ihr Anbau verbraucht weniger Fläche, Wasser und andere Ressourcen - ohne oder mit deutlich verringertem Einsatz von Pestiziden und Dünger. Das sind ganz spannende Zukunftsthemen, mit großer Relevanz für unsere Welt.
Ein anderes ist die Elektromobilität. Wir sind seit der ersten Saison Technologiepartner der Formel E, unterstützen Rennställe der Formula Student und Wettbewerbe bei Solarfahrzeugen. Bei all diesen Aktivitäten entwickeln und testen wir Bauteile und Innovationen unter Extrembedingungen, um so effizientere und verlässlichere Serienfahrzeuge zu ermöglichen. Nachhaltigkeit braucht neue Ideen - auch deshalb fördern wir Start-ups in aller Welt, helfen kleinen Entwicklerteams mit Beratung und speziellen Service-Angeboten, damit deren Innovationen eine Chance bekommen.
 
Andere Themen, die große Unternehmen derzeit umtreiben, sind "New Work" und das alte neue Problem des Fachkräftemangels. Wie macht sich Würth attraktiv für die neue Generation, die flache Hierarchien etc. fordert? Und bekommen Sie - gerade für Ihre digitalen Aufgabenbereiche - schwer Mitarbeiter?
Gerfer: Wir wachsen seit Jahren kontinuierlich und sind im Bereich IT und Elektronik unterwegs, konkurrieren also mit den bekanntesten und attraktivsten Marken und Arbeitgebern dieser Welt. Was uns zu Gute kommt: Die jungen Menschen spüren, dass DU-Kultur, flache, Start-up-ähnliche Hierarchien, flexible Arbeitszeiten, offene Kommunikation, die Kombination von Teamarbeit und individuellen Spielräumen wirklich Teil unserer Unternehmenskultur sind. Wir machen das nicht für Bewerber, sondern weil es mehr Sinn und Spaß macht, weil es motiviert, Innovationen fördert und weil es höhere Qualität und bessere Ergebnisse in allen Projekten und Aktivitäten bringt. Ob Kinderbetreuung, Fitnessprogramme, die Informations-Hotline für die Pflege von Angehörigen oder einfach Gespräche über die persönlichen Wünsche und Karriere-Optionen - vieles davon bieten andere Unternehmen auch. Doch es kommt eben nicht nur darauf an, ob man sowas hat, sondern auch wie das gemacht und gelebt wird.



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