Kommentar 14.11.2017, 09:15 Uhr

Weihnachtsgeschäft: Droht der Paketkollaps?

Auf die deutschen Paketdienstleister kommt im anstehenden Weihnachtsgeschäft eine deutlich größere Paketflut zu als von ihnen erwartet. Händler, die ihre Kunden unterm Weihnachtsbaum nicht enttäuschen wollen, müssen reagieren.
(Quelle: shutterstock.com / Marcin Balcerzak)
"Ja, ist denn schon wieder Weihnachten", wunderte sich vor Jahren Franz Beckenbauer in einer allzu eingängigen O2-Werbung. Die Verwunderung, mit der die deutschen Paketdienstleister ins kommende Weihnachtsgeschäft starten, hat in diesem Jahr besonders kaiserhafte Züge: Denn der E-Commerce wird wohl erneut zweistellige Wachstumsraten hinlegen - der HDE erwartet ein Online-Plus von rund zehn Prozent im Weihnachtsgeschäft. Daraus ergibt sich eine wahre Paketflut: Der Bundesverband Paket & Expresslogistik (BIEK) rechnet damit, dass bis zu 30 Millionen Pakete mehr an der Haustür abgegeben werden als noch vor einem Jahr. 15 Millionen Sendungen täglich sollen es an einem Spitzentag werden.
Und Hermes, DHL und Co. reiben sich erstaunt die Augen. Hermes erwartet in den sechs Wochen vor Weihnachten 15 Prozent mehr Pakete als im Vorjahr - und führt, um dem Kollaps vorzubeugen, "regionale Mengenobergrenzen" für Online-Händler ein. Die DHL wiederum rechnet mit Spitzenwerten von bis zu neun Millionen Paketen an einem Tag. Um das Volumen zu stemmen, verweist das Unternehmen auf seine 3.400 Packstationen (400 davon eröffneten dieses Jahr) - die aber vor allem in Großstädten regelmäßig überfüllt sind, wie Peer Schrader vom Supermarktblog beobachtet hat - und auf seine Briefzusteller, die einen Teil der Pakete zustellen sollen, wenn die DHL-Kollegen mit der Flut nicht mehr fertig werden. Zusätzlich sucht die DHL händeringend nach Saisonkräften: Über 10.000 befristete Jobs in Sortierzentren und Zustellung sind derzeit ausgeschrieben. Die Stellenanzeigen dazu riechen nicht nur ein bisschen nach Verzweiflung: "Freuen Sie sich auf einen Job, in dem Sie als Weihnachtsmann täglich an der frischen Luft unterwegs sind!" Die Personalsuche ist eine der größten Herausforderungen für alle Logistik-Dienstleister; schon im September meldete die Arbeitsagentur, über 5.000 offene Stellen im Logistikbereich unbesetzt seien.

Das Nachsehen hat der (kleine) Online-Händler

Es darf also mit Recht bezweifelt werden, ob die deutschen Paketdienstleister das anstehende Weihnachtsgeschäft einigermaßen anständig bewältigen werden. Verschärft wird die Situation zusätzlich von dem Fakt, dass der 24.12. auf einen Sonntag fällt - Last-Minute-Zustellung am Morgen des Heiligen Abends wird es damit in diesem Jahr nicht geben.
Was also sollen Online-Händler tun, die ihre Kunden pünktlich beliefern wollen? Eine Lösung: Den letzten Tag für den garantierten Bis-Weihnachten-Versand vorverlegen und gegenüber dem Kunden deutlich kommunizieren. So schreibt die Händlerin "KaTi Schu" in der Wortfilter-Gruppe auf Facebook: "Wir werden uns bei Amazon ab dem 19.12. in den Urlaubsmodus schalten. Fulfillment-by-Amazon (FBA) läuft natürlich weiter, aber wir haben in den letzten Jahren schon gesehen, was es (verständlicherweise) für einen Stress gibt, wenn die Kunden ihre Ware nicht pünktlich bekommen. Den Stress und die schlechten Bewertungen wollen wir uns ersparen." Andere Händler vertrauen aufgrund der Vorjahreserfahrungen auch in diesem Jahr auf ihre bewährten Paketdienstleister: "Wir schicken konstant nach Bestelleingang. Das hat auch letztes Jahr hervorragend geklappt", berichtet die Händlerin Anne Baeckmann. "Bis 19.12 wird DHL noch mit verwendet, ab 20.12. nur noch DPD."

Extrawurst für Amazon?

Am wenigsten Sorgen machen sich diejenigen Händler, die über Amazon verkaufen und den Versand ihrer Produkte via FBA ausgelagert haben. Denn auch im letzten Jahr wurde es rund um Weihnachten schon ganz schön eng mit der pünktlichen Lieferung; aber die Amazon-Pakete lagen in der Regel trotzdem pünktlich unterm Baum. Und das wird wohl auch in diesem Jahr wieder so sein, prognostiziert Wortfilter-Betreiber Mark Steier - Paketmisere hin oder her. Er vermutet unverhohlen gesonderte Absprachen zwischen dem Online-Marktplatz und Paketdienstleistern wie DHL oder Hermes. "Hier findet definitiv eine Bevorzugung von Amazon statt, unter der die kleineren Händler, deren Pakete nicht ankommen, zu leiden haben. Gut möglich, dass diese Sonderbehandlung sogar vertraglich festgeschrieben ist. Da müssten dringend mal die Regulierungsbehörden genauer hinschauen."
Doch bis das passiert, bleibt kleineren Händlern nur eines übrig: Mit Amazon partnern - oder sich darüber freuen, dass sich das Weihnachtsgeschäft dank der Schnäppchen-Tage Black Friday und Cyber Monday immer weiter nach vorn verschiebt. Geschenke, die schon Ende November bestellt wurden, dürften schließlich trotz Paket-Misere pünktlich unterm Baum landen.




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