Neue Wege für Pakete 22.12.2019, 09:35 Uhr

Neue Logistik-Konzepte abseits von DHL und Co.

Die etablierten Lieferdienste stoßen an ihre Grenzen - für die Logistikpläne von Amazon und Zalando eine Steilvorlage. Doch für die Zukunft braucht es neue Konzepte.
(Quelle: shutterstock.com/Travel mania )
Für E-Commerce-Blogger Jochen Krisch war das Signal, das der größte deutsche Paketdienstleister DHL an seinem Kapitalmarkttag Anfang Oktober aussendete, eindeutig: "Statt an Zukunftslösungen zu arbeiten, will sich DHL die kommenden fünf Jahre weiter vornehmlich mit sich selbst beschäftigen und sich dabei vor allem mit Preiserhöhungen über die Zeit retten." Der geplante Ausbau der DHL-Packstationen, der das über Abholautomaten abgewickelte Paketvolumen von heute drei Prozent bis 2025 auf zehn Prozent steigern soll, sei nicht verkehrt, hinke der Marktentwicklung aber weit hinterher.
Tatsächlich verstopft schon heute eine immer größer werdende Zahl von Lieferfahrzeugen die Innenstädte. Und laut einer Statista-Studie soll die Sendungsmenge von Kurier-, Express- und Paketdiensten (KEP) hierzulande von 3,5 Millionen im Jahr 2018 bis 2023 weiter auf 4,4 Millionen steigen. "Um die Logistik für die kommenden Jahrzehnte zu rüsten, bräuchte es spätestens jetzt massive Investments, um die dafür notwendigen Strukturen aufzubauen", erklärt dazu Exciting-Commerce-Blogger Krisch. Diese Investments scheue DHL aber weiterhin und setze stattdessen darauf, seine bisherigen Strukturen bis zum Äußersten auszureizen. Die E-Commerce-Branche sieht er deshalb vor eine Richtungsentscheidung gestellt: "Soll der Online-Handel DHL retten oder Alternativen suchen?" Krisch favorisiert dabei klar die zweite Option. Schon heute würden Online-Händler wie Amazon, Zalando oder AO die letzte Meile selbst in die Hand nehmen - und dann irgendwann auch für andere liefern.

Paketdienstleister hinken dem Online-Trend hinterher

Was Krisch in der Theorie beschreibt, treibt vor allem mittelständische Online-Händler in ihrer Geschäftspraxis Tag für Tag um. Andreas Müller, Geschäftsführer des Elektronikversenders Deltatecc, ist einer von ihnen. "DHL könnte vieles verbessern, doch von der Qualität her liegt DHL unter den etablierten Carriern nach wie vor vorne", erklärt der Saarländer. Die Endkundenzustellung sei ein Problem, für das derzeit kein Paketdienstleister eine überzeugende Antwort bieten könne. "Ideal wäre beispielsweise eine App, die dem Kunden während der Lieferung eine Interaktion mit dem Zusteller ermöglicht." Auch müsste DHL sein Packstationen-Netz noch viel größer skalieren als derzeit geplant. Doch die mit solchen Innovationen verbundenen Investitionen scheuten sämtliche Paketdienstleister. "Stattdessen sind die Carrier mächtig dabei, die Preise zu erhöhen", erklärt Müller. Wenn das so weitergehe, profitiere vor allem Amazon davon, das mit seinen eigenen Logistikservices beim Paketversand eine deutlich günstigere Kostenstruktur erziele, als das mittelständischen Online-Händlern möglich sei. Nicht nur in Sachen Kosten sieht Müller Amazon im Vorteil, auch bei der Qualität seines Zustellservices nehme der Online-Gigant immer mehr an Fahrt auf. "Der Benchmark bei der Paketzustellung wird in Zukunft Amazon sein", ist sich der Deltatecc-Chef deshalb sicher.
"Alle Paketdienstleister haben Probleme mit der E-Commerce-Entwicklung": Claus Fahlbusch, Gründer und Geschäftsführer von Shipcloud
Quelle: Shipcloud
"Alle Carrier haben Probleme wegen der E-Commerce-Entwicklung", erklärt auch Claus Fahlbusch. Der Hamburger ist Geschäftsführer des Shipping Service Providers Shipcloud, der mit seiner Plattform Online-Händlern eine Schnittstelle zu allen relevanten Versanddienstleistern in Deutschland bietet. "Die Carrier kommen aus logistikgeprägten Bereichen und werden jetzt mit den E-Commerce-Anforderungen überrollt", so Fahlbusch.
Ein Beispiel sei die IT, wo es bei vielen Paketdienstleistern weiterhin Mängel bei den Schnittstellen gebe. Das führe dazu, dass die Versandgeschwindigkeit oft nicht mit den Anforderungen der Online-Kunden Schritt halte. Auch bei der Personalorganisation gebe es Defizite, sodass es oft nur schwer möglich sei, Pakete nachts oder am Wochenende zu versenden. "Solche Anforderungen gab es vor 20 Jahren noch nicht", erklärt Fahlbusch.
Die Anbieter müssten sich deshalb dringend E-Commerce-Personal ins Haus holen. "Die Carrier kümmern sich stattdessen vor allem darum, wie man Kosten und Routen optimiert." Die Kritik an den Preiserhöhungen der Versanddienstleister findet der Shipcloud-Chef dagegen nicht berechtigt. "Im Vergleich zum europäischen Ausland sind in Deutschland die Paketpreise lächerlich günstig. Die Investitionsneigung der Carrier ist deshalb so niedrig, weil es sich finanziell nicht trägt solange die Paketpreise so billig sind." Obwohl jeder Paketdienstleister auf der letzten Meile Geld verliere, traue sich keiner voranzugehen und realistischere Preise zu verlangen. Aus Sicht von Fahlbusch sind daran auch die deutschen Online-Händler schuld: "Sie haben die Kunden an die niedrigen Zustellkosten gewöhnt."

DHL sieht sich dennoch als Innovationsführer

Ole Nordhoff, Chef des Marketing und Produktmanagements für Post & Paket Deutschland der Deutsche Post DHL Group, sieht sein Unternehmen dennoch auf einem guten Weg, um bei der E-Commerce-Entwicklung nicht zurückzufallen. "Wir haben in diesem März eine umfangreiche Qualitätsoffensive gestartet, im Rahmen derer wir zwischen 2019 und 2021 jährlich je rund 150 Millionen Euro in unsere Qualität investieren, zum Beispiel in zusätzliches Personal, neue Services oder rund 3.000 neue Packstationen bis zum Jahr 2021."
Auch die weitere Automatisierung und Digitalisierung durch Investitionen in die Infrastruktur spiele dabei eine wichtige Rolle. "Gerade erst haben wir in Bochum ein weiteres Megapaketzentrum ans Netz gebracht, in dem im Jahr 2020 bis zu 50.000 Sendungen pro Stunde sortiert werden können. Der neue Standort ergänzt unser dichtes Netzwerk aus insgesamt 36 Paketzentren und leistet einen wichtigen Beitrag, um weitere Serviceverbesserungen für unsere Kunden zu erreichen", erklärt Nordhoff. Das zeige, wie ernst DHL die Kritik seiner Handelskunden nehme. Doch das Paketgeschäft bleibe trotz der fortschreitenden Digitalisierung ein People Business. "Und da, wo Menschen arbeiten, passieren auch mal Fehler. Aber wir werden besser. So ist die Zahl der Reklamationen gerade im Paketbereich bei uns in den letzten Monaten spürbar rückläufig, was uns sehr freut. Wir sehen das als Effekt aus den umfangreichen Investitionen in unsere Qualität", erklärt Nordhoff.
"Die Packstationen entwickelt sich für DHL zum echten Wettbewerbsvorteil": Ole Nordhoff, Chef des Marketing und Produktmanagements für Post & Paket Deutschland der Deutsche Post DHL Group
Quelle: DHL
Für die Zukunft sieht der DHL-Manager sein Unternehmen klar als Innovationsführer. "Wir waren im Packstationsbereich der First Mover und bieten auch heute noch ein sehr viel dichteres Automatennetz als unser Wettbewerb." Heute schon hätten DHL-Kunden bundesweit Zugang zu 4.200 Packstationen, bis 2021 würden es aufgrund der wachsenden Nachfrage insgesamt rund 7.000 Packstationen sein. "Dieses Netz entwickelt sich für uns zum echten Wettbewerbsvorteil", sagt Nordhoff. DHL arbeite darüber hinaus daran, dass Pakete noch zuverlässiger bei den Kunden ankommen. "Ein Beispiel ist das Projekt OnTrack zur Verbesserung der Sendungsavise. Das bedeutet, dass die Kunden morgens auf eine Stunde genau sehen können, wann ihr Paket bei ihnen ankommen wird. Derzeit läuft die Testphase, im nächsten Jahr werden wir das flächendeckend einführen."



Das könnte Sie auch interessieren