Gunnar Anger, ParcelLock 10.08.2018, 10:40 Uhr

"Die aktuelle Nichtbeteiligung von DHL bedauern wir"

Das wachsende Paketaufkommen stellt die Logistikbranche vor große Herausforderungen. ParcelLock will mit Hilfe von IT-Lösungen für anbieterneutrale Zustellinfrastrukturen für Entlastung sorgen. Gunnar Anger erläutert im Interview, wie das konkret funktionieren soll.
Gunnar Anger, Geschäftsführer der ParcelLock GmbH
(Quelle: ParcelLock)
Das Problem der letzten Meile beschäftigt derzeit die gesamte Logistik-Branche. Durch das vermehrte Paketaufkommen - bedingt durch den Boom des Online-Handels - sind neue Lösungsansätze gefordert. Einen davon will das Unternehmen ParcelLock bieten.
Mit den Gesellschaftern DPD und Hermes will ParcelLock die Weiterentwicklung bestehender IT-Lösungen für anbieterneutrale Zustellinfrastrukturen vorantreiben. Zu Beginn war noch der Paketdienst GLS mit an Bord. Dieser ist aber vor wenigen Wochen als Gesellschafter ausgeschieden. Nach dem Ausstieg haben DPD und Hermes die verbleibenden Anteile übernommen und halten nun jeweils 50 Prozent an ParcelLock. Wie sich das Unternehmen für die Zukunft rüstet und inwieweit auch Online-Händler von dem Geschäftsmodell profitieren können, erzählt Gunnar Anger, Geschäftsführer der ParcelLock GmbH, im Interview.
ParcelLock wurde 2015 von DPD, GLS und Hermes gegründet. Wie kam es dazu?
Gunnar Anger: DPD, GLS und Hermes haben ein offenes System entwickelt, das grundsätzlich von allen Paketdiensten genutzt werden kann. Jeder Kunde hat ein Interesse an einem möglichst schnellen und reibungslosen Erhalt bestellter Waren - und jeder Kunde erhält diese Waren nicht nur von einem Dienstleister, sondern von verschiedenen. DPD, GLS und Hermes haben daher mit der ParcelLock GmbH ein eigenständiges Unternehmen gegründet, das den anbieterneutralen Zugang zu Paketkästen, Paketkastenanlagen und Paketstationen organisatorisch gewährleisten und steuern soll.
 
Warum ist DHL kein Partner und das System keine All-In-One-Lösung? Ist eine Zusammenarbeit mit DHL in Planung?
Anger: DHL ist zwar kein offizieller Partner, das ParcelLock-System ist aber als anbieterneutrale Lösung konzipiert und steht daher weiterhin allen Marktteilnehmern offen. Das gilt selbstverständlich auch für DHL. Die aktuelle Nichtbeteiligung von DHL bedauern wir, da Endkunden und Paketempfänger ganz eindeutig nach einer Lösung für alle Paketdienste verlangen. Rein technisch ist es Empfängern im Übrigen schon heute möglich, ihrem DHL-Zusteller über einen individuellen TAN-Code Zugriff auf den Paketkasten zu geben. In den Praxistests hat sich gezeigt, dass diese Möglichkeit de facto auch von den DHL-Zustellern genutzt wird. Wir sind daher zuversichtlich, dass sich bei DHL langfristig ein kundenorientierter Ansatz durchsetzen wird.

Welche Rolle spielt das vermehrte Aufkommen einer taggleichen Zustellung von Paketen für das Geschäftsmodell? Die Lieferfenster werden dadurch ja genauer und Kunden können sich besser auf die Zustellung einstellen.
Anger: In Umfragen sind Paketlieferungen an Nachbarn und die Zustellung innerhalb eines Wunschzeitfensters indem der Empfänger zu Hause ist, beliebt. Das spielt uns in die Karten, denn mit unserem System vor der Tür kann ich mir stets sicher sein, dass mein Paket auch wirklich ankommt, ohne dass ich dafür zuhause sein muss. Bei den Paketstationen geht die Flexibilität sogar noch einen Schritt weiter, ich kann mir auch noch aussuchen, wohin ich mein Paket geliefert bekommen möchte und kann es dann, zum Beispiel nach der Arbeit, ganz bequem abholen.
 
Dass die Logistikbranche durch den Boom im Online-Handel immer mehr an ihre Grenzen stößt, ist bekannt. Inwiefern können Ihre Produkte die Logistikbranche entlasten?
Anger: Mit den Einzelboxen und den Paketkastenanlagen für Mehrfamilienhäuser kann die Erstzustellquote der Paketdienste deutlich erhöht werden. Denn die Lieferanten müssen für eine Zustellung nicht mehrere Male anfahren, nur um wieder vor verschlossenen Türen zu stehen, sondern können die Pakete ganz einfach in der Box hinterlegen. Bei den Paketstationen kommt noch hinzu, dass auch das Paketvolumen gebündelt werden kann: Mehrere Pakete können an einem zentralen Ort abgeliefert werden, die Logistikbranche dadurch entlastet werden. Ebenfalls können zukünftig Retouren gesammelt dort abgeholt werden.
Welche Vorteile bieten das ParcelLock-System für Online-Händler?
Anger: Bei Verbrauchern ist ein kaufentscheidendes Kriterium, wie schnell ein Artikel versandfertig ist, ob eine Zustellung reibungslos verläuft oder eine Retoure schnell und einfach abgewickelt wird. Neben der Liefergeschwindigkeit ist es für Verbraucher zunehmend wichtiger, in den Sendungsverlauf eingreifen zu können und die Sendungen nach ihren Wünschen zu steuern. Das heißt also, dass alle Formen der Paketboxen, sowohl einzelne Paketkästen, Paketkastenanlagen für Mehrfamilienhäuser als auch Paketstationen, genau auf diese Bedürfnisse der Verbraucher einzahlen. Und damit auch auf die Zufriedenheit mit dem Händler. Zudem können Händler die online bestellten Produkte direkt - ohne Lieferumweg - aus der Filiale in die Paketstation zustellen und kombinieren somit die Filiale mit dem Warenlager.

Möglichkeiten für Händler mit Click & Collect-Service

Welche Möglichkeiten bietet ParcelLock für Händler, die Click & Collect als Service anbieten?
Anger: Wir haben im April dieses Jahres einen Pilottest mit dm-drogerie Markt gestartet, bei dem wir in und vor vier Filialen in Hamburg und Umgebung sowie in einer weiteren Filiale in Wuppertal anbieteroffene Paketstationen mit ParcelLock System aufgestellt haben. Neben den Bestellungen, die dm-Kunden direkt aus dem Online-Shop von dm per Click & Collect an eine der neuen Abholstationen liefern lassen können, sind die Paketstationen des Pilottests auch für Lieferungen aller teilnehmenden Lieferdienste offen.
 
Für den Händler bietet das den Vorteil, dass er sein reguläres Service-Angebot erweitern kann und dadurch die Bindung zu seinen Kunden gestärkt wird. Click & Collect ist nicht mehr nur während der Ladenöffnungszeiten möglich, der Kunde hat jetzt die Möglichkeit, seine Click & Collect-Bestellungen rund um die Uhr aus der Paketstation abzuholen und ist nicht mehr an die Ladenöffnungszeiten gebunden. Holt er sie doch während der Ladenöffnungszeiten ab, kann er außerdem zusätzlich noch schnell etwas im Laden besorgen.
 
Können auch Retouren über die Stationen zurückgesendet werden?
Anger: Retouren über die Paketkästen und Paketkastenanlagen sind schon möglich, für die Paketstationen wird es zukünftig auch eine Retoure-Funktion geben. Dann können Pakete für alle ParcelLock Lieferpartner aufgegeben werden.
 
Zielgruppe der Boxen sind aktuell vor allem Nutzer, die in ländlichen Regionen wohnen. Welche Lösungen gibt es für die Innenstädte?
Anger: Die Einfamilienpaketkästen stehen sowohl im ländlichen Raum wie auch in Innenstädten. So habe ich beispielsweise ebenfalls eine Paketbox bei mir im Vorgarten stehen. In städtischen Gebieten, in denen es viele Geschäfte gibt, aber auch viele Mehrfamilienhäuser, bieten sich natürlich entsprechend größere Lösungen an, wie Paketkastenanlagen und Paketstationen. Gerade im Bereich Mehrfamilienhaus spüren wir durch Immobilienunternehmen aktuell ein hohes Interesse.
Wie viele Kunden nutzen bisher das System von ParcelLock?
Anger: Genaue Zahlen möchte und kann ich aus Wettbewerbsgründen nicht nennen. Nur so viel: Mit der deutschlandweiten Verbreitung der unterschiedlichen Produkte mit ParcelLock System sind wir bisher zufrieden. Außerdem ist es so, dass Herstellung und Vertrieb der Produkte nicht über uns erfolgt, sondern dieser Punkt ganz bei den einzelnen Herstellern und deren Vertriebspartnern liegt. ParcelLock ist stattdessen ein IT-Anbieter, der mit seiner technischen Lösung den anbieterneutralen Zugang auf Paketkästen, Paketkastenanlagen in Mehrfamilienhäusern und Paketstationen im öffentlichen Raum ermöglicht und seine Lösung lizensiert.
 
Sie haben gerade den Pilottest mit anbieteroffenen Abholstationen in dm-Filialen in Hamburg erwähnt. Wie fällt das Fazit des Pilotprojektes aus?

Anger: Das Pilotprojekt läuft aktuell noch, aber wir sind per heute hochzufrieden. Es werden bald sowohl Roll-Outs mit bestehenden Partnern und wie auch weitere Pilotprojekte mit weiteren Partnern folgen. Unser Ziel ist es, den Ausbau eines anbieterneutralen Paketstation-Netzes in Deutschland vorantreiben, da wir hier ein großes Potenzial mit den anbieteroffenen Abholstationen sehen. Wir sind sehr zuversichtlich, noch in diesem Jahr entsprechende Umsetzungen bekannt geben zu können.



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