Deutschland-Chef von eBay 20.10.2016, 11:30 Uhr

Stefan Wenzel: "Wir stehen in keiner Konkurrenz zu unseren Händlern"

Auf die aktuellen Quartalszahlen von eBay reagierte die Börse nicht so erfreulich. Für den Deutschland-Chef Stefan Wenzel aber kein Grund zur Sorge. Er spricht im Interview über sein erstes halbes Jahr und Künstliche Intelligenz.
Stefan Wenzel, Deutschland-Chef von eBay
(Quelle: eBay )
Die aktuellen Quartalszahlen von eBay sind da und trotz Umsatzplus von 5,6 Prozent auf 2,2 Milliarden US-Dollar reagierte die Börse enttäuscht, die eBay-Aktie sank nachbörslich zeitweise um über acht Prozent. Grund dafür ist der verhaltene Ausblick auf das Weihnachtsquartal. Hier erwartet eBay "nur" Umsätze zwischen 2,36 und 2,41 Milliarden Euro. Das ist nicht viel mehr als im dritten Quartal. Und auch der Gewinn des Marktplatzes fiel auf 413 Millionen US-Dollar nach 539 Millionen US-Dollar im Vorjahreszeitraum.
Grund zur Sorge gibt es für den eBay-Deutschland-Chef Stefan Wenzel aber nicht. Er präsentiert sich in unserem Interview nach einem halben Jahr Amtszeit optimistisch und erklärt, welche Rolle Künstliche Intelligenz inzwischen spielt und wie das eBay der Zukunft aussieht.
Herr Wenzel, Sie sind jetzt etwa sechs Monate im Amt. Wie fällt Ihre bisherige Bilanz aus?
Stefan Wenzel: Der erste Eindruck ist sehr positiv. Ich bin gut angekommen und aufgenommen worden, wir haben ein dynamisches und hochmotiviertes Team, saubere Strukturen sowie gute Prozesse. Auch unabhängig davon läuft es bei eBay derzeit gut. Wir haben gerade die eine Milliarde Marke der angebotenen Artikel geknackt. Alleine in Deutschland stehen den Konsumenten 140 Millionen Artikel zum Kauf zur Verfügung. Das sind Zahlen, die im regulären Online-Handel schwer vorstellbar sind. Auf der anderen Seite haben wir eine enorme Reichweite mit 164 Millionen aktiven Käufern weltweit und 17 Millionen in Deutschland.
Was heißt das für die kommenden Monate oder Jahre?
Wenzel: Daraus leiten sich ganz klar unsere Schwerpunkte für die Zukunft ab. Es wird weiter darum gehen das Sortiment sinnvoll zu vergrößern. Damit das aber seine ganze potenzielle Schlagkraft entfalten kann, ist das Thema Personalisierung entscheidend. Damit wollen wir die Relevanz für den Kunden steigern. Wir müssen relevante Einkaufserlebnisse schaffen. An diesem Punkt stehen wir als offener Marktplatz vor enormen Herausforderungen.
Welche sind das?
Wenzel: Das ist vor allem unser historisch unstrukturiertes Inventar von einer Milliarde Artikeln weltweit. Die Strukturierung und Katalogisierung der angebotenen Artikel  ist und bleibt eine zentrale Aufgabe. Wir schätzen, dass etwa 90 Prozent unseres Inventars katalogisierbar ist. Mittlerweile haben wir es geschafft, 42 Prozent zu erfassen. Das funktioniert über eindeutige Produktkennzeichnungen wie EANs, GTINs, MPNs oder Artikelmerkmale und ergänzt durch Artificial-Intelligence-Technologien.
Man muss dazu sagen, dass wir von einem relativ schwachen Niveau kommen und hier in den letzten Jahren eine Menge nachholen mussten. Das Ganze ist für uns ein sehr wichtiges Thema, für das wir viele Ressourcen aufwenden. Denn die Strukturierung ermöglicht es uns, Käufern passgenauer das anzuzeigen, was sie suchen. Wir können bessere Merchandising-Algorithmen entwickeln, passgenauere Marketing-E-Mails versenden und die Möglichkeiten zum Cross- und Upselling verbessern. Außerdem können wir so auch Produktbewertungen bei eBay zur Verfügung stellen, die vielen sehr wichtig beim Kaufentscheidungsprozess sind. Heute gibt es auf dem deutschen eBay-Marktplatz bereits mehr als 500.000 Produktbewertungen.
An diesem Thema müssen im übrigen beide Seiten arbeiten: Die Händler müssen die relevanten Artikeldaten basierend auf dem Rahmen, den wir ihnen dafür vorgeben, eigenständig eingeben. Das, was die Verkäufer nicht leisten können, wird dann zunehmend mit Hilfe von Machine Learning und Künstlicher Intelligenz ergänzt.
Nochmal zurück zu Ihnen: Sie haben lange auf Händler- und Markenseite gearbeitet, wie für Otto oder Mexx. Jetzt leiten Sie einen Online-Marktplatz. Was sind für Sie die größten Unterschiede?
Wenzel: Wesentliche Unterschiede zwischen einem Händler und einem Online-Marktplatz bestehen darin, dass der Marktplatz zwei primäre Zielgruppen in einem Ökosystem vereint und eine Sortimentspolitik über die angebundenen Händler steuert. Der Händler hingegen kauft selber ein, bestückt sein eigenes Sortiment und geht damit auch ein eigenes Warenrisiko ein. Der Marktplatz ist ein Ökosystem, bei dem die Betreiber anhand von Grundsätzen, Services und Vertrauensmechanismen darauf abzielen, dieses dynamisch und gesund zu entwickeln. Wir als Marktplatz monetarisieren unser Geschäft durch unsere Verkäufer, indem wir eine Provision auf deren Verkäufe erhalten. Daher besteht unser größtmögliches Interesse darin, unsere Verkäufer erfolgreich zu machen. Im Gegensatz zu anderen Marktteilnehmern stehen wir in keiner Konkurrenz zu unseren Händlern. Wir sind ein reiner Marktplatz und haben kein eigenes Handelsgeschäft. Somit können wir völlig konkurrenzfrei mit unseren Händlern an deren Skalierung arbeiten.



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