Versicherungen aus dem Web 14.07.2018, 11:22 Uhr

Insurtechs mischen die Versicherungsbranche auf

Sogenannte Insurtechs mischen die Versicherungsbranche auf. Sie setzen auf automatisierte Prozesse und innovative Produkte - und sichern sich so Millionen-Investments.
(Quelle: shutterstock.com/Jirsak )
Von Tobias Baumgarten
Es waren beeindruckende Zahlen, die man in den vergangenen Monaten lesen konnte. Im April konnte das Frankfurter Versicherungs-Start-up Clark im Rahmen einer Finanzierungsrunde 29 Millionen US-Dollar einsammeln. Nur zwei ­Wochen später vermeldete das Berliner Unternehmen Simplesurance, dass es ein Funding von 20 Millionen Euro mit prominenten Investoren wie dem Versicherungsriesen Allianz und dem asiatischen Online-Marktplatz Rakuten abschließen konnte. Und Anfang Juni sammelte das Berliner Versicherungs-Start-up Coya fast 30 Millionen US-Dollar bei Investoren ein. Alle drei sind sogenannte Insurtechs, also technologiegetriebene, schnell wachsende Versicherungs-Start-ups.
Es waren nicht die ersten Millionen-Investments in der noch jungen Szene der Versicherungs-Start-ups in diesem Jahr in Deutschland - und es werden auch nicht die letzten bleiben. Die Versicherungsbranche befindet sich im Umbruch, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Sie folgt dabei mit einigem zeitlichen Verzug der Bankenbranche, die seit einigen Jahren von sogenannten "Fintechs" aufgemischt wird.

Digitale Versicherungsordner machten den Anfang

Diese jungen Fintech-Unternehmen haben sich vorgenommen, altbewährte Finanzdienstleistungen mittels moderner Technologie neu zu erfinden. Eines der ältesten und erfolgreichsten von ihnen ist der bekannte Bezahldienst Paypal, der an der Börse höher bewertet wird als sämtliche börsennotierten Banken Deutschlands zusammen. Aber auch andere Fintechs wie die Smartphone-Banken N26 oder Revolut konnten bereits Millionen Kunden von sich überzeugen. Ist den "Insurtechs" genannten Start-ups in der Versicherungsbranche Ähnliches zuzutrauen?
Die noch junge Szene hat jedenfalls schon eine kleine Achterbahnfahrt der Gefühle hinter sich. In den Jahren 2015 und 2016 kamen mit Clark, Knip oder Getsafe erste Start-ups mit digitalen Versicherungsordnern auf den deutschen Markt. Sie wollten ihren Kunden den Überblick über ihre Versicherungen erleichtern. In der jeweiligen App bedurfte es nur weniger Angaben und Klicks, und die Policen wurden übersichtlich angezeigt. Hinzu kam das Versprechen, Vorschläge für günstigere Anbieter zu unterbreiten.

Start-ups werden digitale Versicherungsmakler

Faktisch waren diese Start-ups damit klassische, wenn auch digitale Versicherungsmakler. Diesen Fakt verschwiegen sie zwar nicht, aktiv darüber aufgeklärt haben sie allerdings zu Beginn auch nicht. Das führte öfters zu Irritationen, denn mit der Dateneingabe in der App erteilten Nutzer - oft unbewusst - ein Maklermandat an das entsprechende Start-up. Die Kundenbeziehung zu manchem langjäh­rigen klassischen Versicherungsvertreter wurde damit jäh beendet.
Das brachte den Insurtechs eine Menge Gegenwind von Maklerverbänden, Verbraucherschützern und sogar Versicherungskonzernen ein. Wobei die Motive durchaus unterschiedlich waren: Für die Makler ging es um ihre Bestandsprovisionen, die mit dem Maklermandat an Unternehmen wie Clark übergingen.
Verbraucherschützer äußerten dagegen Zweifel an der Seriosität der Start-ups und der Qualität der Beratung. Die Versicherungen wollten hingegen ihre langjährigen Geschäftspartner schützen. Zudem waren sie unsicher, ob sie überhaupt Kundendaten an die neuen Anbieter übermitteln durften.
Die Auseinandersetzungen mit den jungen Wilden gipfelte Anfang 2016 schließlich in einem öffentlichen Brandbrief, in dem die Deutsche Vermögensberatung die Start-ups angriff. Nahezu zeitgleich kündigte die Ideal-Versicherung die Zusammenarbeit mit den Insurtechs auf. Dies waren letztlich zwar Einzelreaktionen, doch blieben Branchenexperten skeptisch, was die Erfolgsaussichten der Start-ups anging. Die gezeigten Lösungen seien allesamt keine Raketenwissenschaft und leicht kopierbar, so ihr Urteil.
Tatsächlich taten sich die ersten Insurtechs recht schwer, eine größere Anzahl an Kunden für ihre Dienste zu begeistern. Einigen Anbietern der ersten Stunde ging daher recht schnell die Luft aus. Das schweizerische Start-up Knip konnte sich beispielsweise nach anhaltenden Verlusten gerade noch rechtzeitig aufkaufen lassen.

Die Zukunft ist mehr als rosig

Dennoch sieht die Zukunft für die junge Szene heute mehr als rosig aus. Ein Grund dafür ist, dass einige Anbieter den Schulterschluss mit Direktbanken gesucht und teilweise auch gefunden haben. So bietet zum Beispiel Clark mittlerweile den Kunden der Online-Bank DKB seine Dienste an. Die Insurtechs bekommen durch die Kooperationen Zugang zu Millionen Kunden und profitieren von einem Vertrauenstransfer. Gleichzeitig rüsten die Anbieter ihre Versicherungsleistungen auf: Mit Policen-Checks und Berater-Chats haben sie sich zu vollwertigen digitalen Versicherungsmaklern gemausert. "Herr Kaiser", ehemalige Werbe-Ikone der Hamburg-Mannheimer Versicherungsgruppe, hat damit endgültig ausgedient.

Eine neue Generation von Versicherungen

Daneben drängt seit einiger Zeit eine neue Welle von Versicherungs-Start-ups auf den Markt. Sie begnügen sich nicht mehr mit der Rolle als digitaler Makler, sondern gehen deutlich weiter. Als Assekuradeur oder als vollwertiges digitales Versicherungsunternehmen bieten sie ihren Kunden eigene Versicherungen an. Als Branchenneulinge müssen sie keine Rücksicht auf gewachsene Prozesse und Strukturen nehmen und können deshalb das volle Potenzial der Digitalisierung nutzen. Einige von ihnen positionieren sich dabei dank schlanker Prozesse als Preisbrecher. Andere nutzen die digitalen Technologien, um kundenindividuelle Angebote zu machen, und setzen dabei auf Qualität.
Einer dieser Anbieter heißt Haftpflichthelden. Die Hamburger konzentrieren sich ausschließlich auf private Haftpflichtversicherungen, die sie als Assekura­deur der Versicherungsgruppe NV-Versicherungen anbieten. Mit transparentem Flatrate-Tarif, schnellem Vertragsabschluss und automatischen Leistungsverbesserungen versuchen sie, die Nutzer an sich zu binden. Den Versicherungsbeitrag kann der Kunde dabei neuerdings auch per Kreditkarte oder Paypal bezahlen.
Ein weiteres Beispiel ist Ottonova, eine komplett digitale Krankenversicherung. In mehreren Finanzierungsrunden konnte das Münchner Start-up etwa 40 Millionen Euro einsammeln. Genug Kapital, um damit ein vollwertiges, BaFin-lizenziertes Versicherungsunternehmen aufzubauen, das für die kommenden fünf Jahre durchfinanziert ist. Ottonova unterscheidet sich von traditionellen Krankenversicherungen zum einen durch die automatisierte Verarbeitung von Rechnungen und Kostenvoranschlägen via App. Zum anderen kann die Versicherung direkt per App abgeschlossen werden, sodass die sonst üblichen hohen Vermittlungsprovisionen entfallen.

Insurtechs aus den USA und China

Während sich diese neue Generation von Insurtechs hierzulande mit mittleren zweistelligen Millionen-Fundings begnügen muss, entstehen in den USA und vor allem China noch deutlich größere Insurtechs - so zum Beispiel der digitale US-Krankenversicherer Oscar, seit 2012 am Markt und Vorbild für Ottonova. Befeuert durch die Gesundheitsreform des früheren US-Präsidenten Barack Obama konnte das Start-up über 100.000 Kunden für sich gewinnen und fast 900 Millionen US-Dollar Kapital in mittlerweile sieben Finanzierungsrunden einwerben. Mit der daraus resultierenden Bewertung von 3,2 Milliarden US-Dollar zählt Oscar zum exklusiven Club der sogenannten "Unicorns".
Ebenfalls groß im Geschäft in den USA ist das Start-up Lemonade, das Ende 2017 eine Serie-C-Finanzierungsrunde über 120 Millionen US-Dollar abschließen konnte. Es bietet Hausrat- und Gebäudeversicherungen zu Kampfpreisen an. Ermöglicht werden diese durch die konsequente Digitalisierung aller Prozesse. Ausgefallen ist auch das Geschäftsmodell: 20 Prozent der Prämien werden für Gehälter, Werbung und Rückversicherung ausgegeben, der Rest ist für die Schadensabwicklung vorgesehen. Bleibt am Ende ein Überschuss übrig, wird dieser für soziale und wohltätige Zwecke gespendet. Damit steigt der moralische Druck auf Versicherungsbetrüger, denn er schadet mit seinem Verhalten nicht mehr nur der Versicherung, sondern auch Bedürftigen.
Die absolute Nummer eins der Insurtech-Branche ist allerdings der chinesische Online-Versicherer Zhong An. In dem Schwellenland, in dem viele Menschen lange Zeit gar keine Versicherung hatten, rannte das Start-up mit seinem günstigen Angebot offene Türen ein. Kern des Geschäftsmodells sind Mini-Versicherungen etwa zur Absicherung von Transportrisiken beim Versand oder bei Flugverspätungen. Nachdem Zhong An in Finanzierungsrunden bereits mehrere Hundert Millionen US-Dollar an Kapital einsammeln konnte, folgte Ende 2017 ein teilweiser Börsengang, der weitere 1,5 Milliarden US-Dollar in die Kassen spülte. Damit war das Insurtech zeitweise mit zwölf Milliarden US-Dollar bewertet - so hoch wie Lufthansa, RWE oder der deutsche Pharma-Riese Merck.

Klassische Versicherer müssen reagieren

Für die klassischen Versicherer ist all dies ein Weckruf - wirklich überrascht wurden sie indes nicht. Immerhin lieferten die Fintechs, die seit einigen Jahren den digitalen Wandel in der Bankenbranche vo­rantreiben, die Blaupause. Und wie beim Banking ist auch in der Versicherungsbranche erkennbar, dass die Zeichen nicht nur auf Konfrontation stehen. Insbesondere die digitalen Makler wie Clark oder Getsafe suchen naturgemäß die Kooperation mit traditionellen Versicherern, aber auch mit Banken, die ihren Kunden so einen Mehrwert bieten wollen.
Im Gegenzug nutzen die großen Versicherungskonzerne ihre Finanzkraft, um sich an einigen der aufstrebenden Start-ups zu beteiligen. Der hiesige Branchenprimus Allianz ist beispielsweise an Lemonade und dem deutschen Insurtech Sim­ple­surance beteiligt. Allerdings sind solche Investments hierzulande noch eher die Ausnahme, ausländische Versicherer sich auch hier deutlich aktiver.
In der Breite reagieren die hiesigen Versicherer vielmehr mit eigenen Digitalisierungsinitiativen - sowohl im Kundenkontakt als auch im Backend. Der Fokus liegt dabei in vielen Fällen auf einer Optimierung der eigenen Prozesse, etwa durch einen Ausbau der sogenannten Dunkelverarbeitung und eine Automatisierung des Schadensmanagements. Aber auch den Online-Vertrieb bauen die Versicherungen stetig aus - für klassische Versicherungsvertreter wie Herrn Kaiser werden die Zeiten damit zunehmend härter.

Neue Wege zu erschließen

Doch die Digitalisierung endet nicht bei diesen klassischen Kostensenkungsmaßnahmen, sie hat vielmehr das Potenzial, völlig neue Wege zu erschließen. Im Online-Vertrieb können intelligente und selbstlernende Chat-Bots simple Formular-Strecken ersetzen und dem Kunden kostengünstig eine persönliche Beratung bieten. Das Stichwort lautet: Robo Advisor.
Auch ganz neue Produkte können so entstehen, beispielsweise Kfz-Versicherungen, die via Telemetrie kilometergenau abgerechnet werden oder die Prämie an das individuelle Fahrverhalten koppeln. In der Kranken- oder Risikolebensversicherung kann gesundheitsbewusstes Verhalten mit einem Fitness-Tracker erfasst und mit Prämienrabatten belohnt werden. Nur zwei von vielen Möglichkeiten, die sich mit dem Internet of Things ergeben.

Smart Contracts

Mittels sogenannter Smart Contracts - das sind auf Basis der Blockchain abgesicherte Verträge - können neue Mini-Policen entworfen und kosteneffizient abgewickelt werden. Ein Beispiel ist die Flugverspätungsversicherung. Hier wird ein Smart Contract so programmiert, dass er über eine öffentliche Datenbank überwacht, ob der versicherte Flug pünktlich abgehoben hat. Ist er verspätet, zahlt der Smart Contract die vereinbarte Versicherungssumme automatisch an den Versicherungsnehmer aus.
Überhaupt lassen digitale Prozesse eine schier unendliche Zahl solcher individueller Versicherungen zu. Ob es die Schön-Wetter-Versicherung für die eigene Hochzeit ist, die Kurzzeit-Handy-Diebstahlversicherung für den Italienurlaub oder die Transportversicherung für den einzelnen Verkauf auf eBay. Entscheidend dabei ist, eine Vielzahl von Daten und Metadaten mittels Machine Learning und künstlicher Intelligenz schnell auszuwerten und gekonnt zu verknüpfen.
Die Digitale Transformation hat also nach den Banken auch die Versicherungsbranche fest im Griff. Die neuen Technologien sind zwar eine Bedrohung für die klassischen Versicherungskonzerne, bieten aber ebenso große Chancen für diejenigen unter ihnen, die sie für innovative Produkte und Dienstleistungen nutzen. Die Kunden können sich auf jeden Fall freuen, denn die Insurtechs treiben die Platzhirsche vor sich her und erzwingen kundenfreundlichere Produkte.



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