Marktstart des VW ID.3 24.06.2019, 08:10 Uhr

Wie VW sich mit dem ID.3 elektrisiert

Volkswagen startet zur Aufholjagd: Ab 2020 kommt das erste reine Elektroauto des Konzerns, der VW ID.3, regulär in den Handel. Doch schon jetzt kann man den Wagen online vorbestellen. Ein Novum für den Konzern - und eine Provokation für seine Vertragshändler.
Noch weiß niemand, wie der VW ID.3 als Serienmodell genau aussehen wird.
(Quelle: Volkswagen )
Bereits seit zehn Jahren baut E-Pionier Tesla reine Elektroautos, während es der größte Autohersteller der Welt, die VW Group, bislang nur bei einigen halbherzig mit E-Antrieb nachgerüsteten Verbrennern belassen hat. Ist dieser Vorsprung der Kalifornier noch aufzuholen? Ein Blick auf die Zahlen zeigt die Größenverhältnisse. So hat Tesla seit 2010 insgesamt rund 350.000 Autos gebaut - dafür braucht VW normalerweise keine drei Wochen.
Und jetzt will Wolfsburg auch bei den Stromern auf Masse setzen. Auf der vor einem knappen Jahr enthüllten Elektro-Plattform MEB sollen nach Vorstellungen von VW-CEO Herbert Diess bis zu 15 Millionen Autos entstehen - mit unterschiedlichsten Karosserien, unter verschiedenen Marken, gern auch in Kooperation mit anderen Herstellern.
Den Anfang macht der VW ID.3, von dem noch niemand weiß, wie er genau aussehen wird. Erst zur Automesse IAA im September 2019 soll der Viertürer im Golf-Format offiziell der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Wer zu den Ersten gehören möchte, die den neuen Wagen fahren, kann jetzt bereits online einen Platz in der Warteschlange kaufen. 1.000 Euro kostet eine Reservierung für ein Exemplar der Sonderedition ID3.1st.

Anzahlung in der E-Wallet

Der Betrag wird in einer sogenannten Volkswagen Pay E-Wallet hinterlegt und verbleibt dort, bis der Kunde tatsächlich einen ID3.1st kauft - oder seine Bestellung widerruft. Immerhin: Nach Firmenangaben gingen in den ersten 24 Stunden nach Live-Schaltung der Bestellseite für den ID3.1st über 10.000 Reservierungen ein.
Das Konzept an sich ist nicht singulär. Porsche und Audi nehmen ebenfalls bereits heute Reservierungen für ihre angekündigten Luxus-E-Autos entgegen, inklusive einer Anzahlung. Neu ist allerdings die Art, wie VW es macht: Um überhaupt beim ID3.1st zum Zuge zu kommen, muss sich der Interessent eine Volkswagen ID anlegen. Diese Kennung verschafft ihm nicht nur den Zugang zum Neuwagenkonfigurator, sondern zu einem ganzen Kosmos aus neuen, digitalen Dienstleistungen rund um Mobilität. Hier kommt auch die 2018 gegründete Mobilitäts-Submarke "Volkswagen We" ins Spiel. Mit einem Login kann der Kunde in spe nicht nur ein neues Auto reservieren, sondern heute schon Carsharing-Dienste buchen oder mit einer App Parkgebühren bezahlen.

"Kommunikation einer neuen Bewegung"

Für den Autobauer geht es um mehr als um den Ersatz von Diesel- durch Elektromotoren. "Für einen so tief greifenden Wandel, den Volkswagen derzeit in Richtung E-Mobilität vollzieht, benötigen wir einen neuen Ansatz im Marketing", sagt VW-Marketingchef Jochen Sengpiehl. "Deshalb fahren wir für unseren ID.3 keine konventionelle Markteinführungsstrategie. Wir starten deutlich früher und sprechen nicht nur über das Produkt. Es geht auch um die Kommunikation einer neuen Bewegung."
Die vollmundigen Worte können jedoch eins nicht verbergen: VW geht es auch um eine andere, engere Verbindung zum Kunden. Die lief in der Autobranche bislang traditionell über den Händler, bis Tesla vormachte, dass man mit einer Website und einem verhältnismäßig dünnen Netz aus Showrooms und Reparaturstützpunkten auch Autos verkaufen kann. Das Start-up machte aus der Not eine Tugend, denn es gab schlicht kein Tesla-Händlernetz.

"... kurz vor Krieg"

Bei VW ist das anders: Rund 3.500 Händler zählt der Konzern europaweit. Ihnen allen wurden bereits Anfang 2018 die Verträge gekündigt und durch bis 2020 befristete Abmachungen ersetzt.
Bei der Händlerschaft stoßen nicht nur VWs neue E-Pläne auf Skepsis, schließlich braucht ein Stromer viel weniger Wartung als ein Verbrenner. Noch größere Bauchschmerzen verursacht der Direktvertrieb im Netz. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtete vor Kurzem von einem Brandbrief, den die Händlerschaft an VW-Chef Diess schickte: "Wir sind kurz vor Krieg", wird aus dem Schreiben zitiert.
Die Händler monieren, dass sich der Konzern immer weniger an die Bedingungen halte, die in zähen Verhandlungen zwischen beiden Seiten fixiert wurden. Da trägt es sicher nicht zur Beruhigung bei, dass man den neuen ID.3 online schon jetzt bestellen kann - im normalen VW-Autohaus jedoch erst nach der IAA im September.



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