Mutmacher des Tages 03.04.2020, 15:45 Uhr

Boxbote: Vom Food-Lieferdienst zum "Amazon von Augsburg"

Hinter unserem "Mutmacher des Tages" stecken Unternehmer, die zeigen: Eine Krise birgt auch das Potenzial für Neues und Kreatives - kurzum: für Ideen, die Mut machen. Das Augsburger Start-up Boxbote etwa erweitert in der Krise gezielt sein Portfolio.
Raimund Seibold gründete 2015 mit drei Partnern den Fahrrad-Lieferdienst Boxbote.
(Quelle: Boxbote )
Wer in diesen Tagen mit Raimund Seibold telefonieren möchte, sollte vorher einen Termin machen, denn beim Boxbote-Geschäftsführer ist im Moment "Land unter", wie er entschuldigend erwähnt. Die Corona-Krise verursacht beim Fahrrad-Kurierdienst in Augsburg heftige Auftragseinbußen auf der einen Seite, die aber durch Neugeschäft auf der anderen Seite mehr als ausgeglichen werden. Aber der Reihe nach. 
2015 hatte Seibold mit drei Mitstreitern die Idee zu Boxbote. Ein umweltfreundlicher Lieferservice für die Fuggerstadt am Lech schwebte ihnen vor, eine Art "regionales Amazon", erinnert sich Seibold heute. Um das Geschäft ins Laufen zu bekommen, begann das Quartett zunächst mit etwas, das im Markt bereits bekannt war: Essensauslieferungen für Augsburger Restaurants.
Die Idee kam gut an, heute arbeitet Boxbote mit zahlreichen Gaststädten in der 300.000-Einwohner-Stadt zusammen. 2017 beschlossen die Gründer, ihre Brotjobs endgültig aufzugeben und sich ganz ihrem Start-up zu widmen. Heute arbeiten bei Boxbote außerdem noch drei Kräfte im Backoffice und rund 40 Fahrradkuriere, alle fest angestellt.

Kooperation mit der Stadt

Bereits kurz nach dem Start hatte Boxbote sein Portfolio erweitert, neben Restaurants konnten auch Apotheken und Blumenläden ihre Ware versenden. "Darüber werden wir aber nicht wahrgenommen", gibt Seibold zu - für die meisten Menschen ist Boxbote bislang einfach ein weiterer Food-Bringdienst. Deshalb startete das Unternehmen 2019 eine Kooperation mit der Stadt Augsburg.
Die damalige Wirtschaftsreferentin Eva Weber (CSU) - sie wurde Ende März 2020 zur neuen Oberbürgermeisterin gewählt - hatte für das Weihnachtsgeschäft 2019 eine gute Idee: Vor Weihnachten parkte in der Fußgängerzone in der Innenstadt ein städischer Omnibus, in dem Passanten Weihnachtseinkäufe deponieren konnten - Boxbote lieferte sie anschließend bis an die heimische Haustür. Heute hat der Lieferdienst ein Zwischenlager in der City, wo man immer noch kostenlos seine in der Stadt gekauften Dinge abgeben kann, ein Boxbote-Radler bringt sie dann nach Hause. Ziel der auf zwei Jahre befristeten Aktion: Bürger sollen animiert werden, zum Einkaufen mit ÖPNV oder dem Fahrrad in die Innenstadt zu fahren. 
Boxbote setzt ausschließlich auf Auslieferfahrzeuge mit Pedalantrieb.
Quelle: Boxbote
 Unter dem Eindruck der Corona-Krise hat Seibold das Boxbote-Portfolio erweitert: "Nachbarschafts Service" heißt das neue Angebot, bei dem es darum geht, nicht nur Lieferungen von Unternehmen an Privatpersonen abzudecken, sondern auch Besorgungen für Menschen zu machen, die diese im Moment nicht selbst erledigen können. Dazu gehört, so erklärt der Boxbote-Chef, der Geschäftsmann, der im Home Office sitzt und wichtige Unterlagen aus seinem Büro braucht. Oder die Seniorin, die nicht mehr vor die Tür kann und nicht zum Bäcker kommt. Ihren kompletten Einkauf kann dann ein Angehöriger auf der Boxbote-Plattform organisieren, inklusive indivdueller Lieferhinweise: "Man kann zum Beispiel den Fahrer bitten, am Fenster zu klopfen, weil die alte Dame die Klingel nicht mehr hört", erklärt Seibold. Abgerechnet wird online, bezahlt per Kreditkarte oder PayPal.
Diese Online-Plattform unterscheidet Boxbote von den vielen Nachbarschaftshilfe-Initiativen, die im Moment überall aus dem Boden sprießen. Und Seibold sieht noch einen anderen Aspekt: "Ich sehe es als wesentlich vernünftiger an, sich von einem registrierten Boxbote-Fahrer beliefern zu lassen als jemanden Fremden in die Wohnung zu lassen."

Nachfrage nach Getränkelieferungen boomt

Die zusätzlichen Aufträge sorgen bei Boxbote dafür, dass das Geschäft brummt - auch wenn es bei den Restaurant-Auslieferungen derzeit schwächelt. Denn wie überall in Deutschland haben auch in Augsburg viele Restaurants derzeit komplett geschlossen. Der Rückgang bei den Restaurant-Aufträgen wird derzeit aber überkompensiert durch Lebensmittel-Lieferungen von Bäckereien oder Supermärkten. Besonders hoch ist die Nachfrage nach Getränken, "hier haben wir im Moment dreimal so viele Aufträge wie sonst". Rund eine Million Euro setzte Boxbote im vergangenen Jahr um, im Moment liegt der monatliche Umsatz doppelt so hoch wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres.
So viel Erfolg steckt an. In den vergangenen Wochen, so berichtet Seibold, habe er Anfragen aus rund einem Dutzend anderen Städten bekommen, ob man dort nicht etwas ähnliches starten könne.  



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