Kommentar 27.03.2020, 10:37 Uhr

Corona-Krise: Warum schweigt Amazon?

In der Corona-Krise fällt die schlechte Informationspolitik von Amazon besonders auf. Der Fokus auf essenzielle Produkte stürzt tausende FBA-Händler in existenzielle Schwierigkeiten, kritisiert unsere Plattform-Spezialistin Ingrid Lommer.
Ingrid Lommer, INTERNET WORLD
(Quelle: Ebner Media Group )
Nachdem in den ersten Tagen der Corona-Krise noch Schockstarre im Handel herrschte, quillt das Netz mittlerweile über vor Hilfsangeboten, solidarischen Gesten und Informationsquellen. Auch die E-Commerce-Branche steht zusammen: eBay hat ein Hilfsprogramm für Händler aufgelegt und signalisiert seinen Sellern klar und deutlich: Bis 20. Juni ist euer Konto sicher, egal, was die Krise mit eurem Geschäft macht. Rakuten schnürt ein attraktives Einstiegsprogramm für neue Verkäufer. Douglas beschleunigt das Onboarding auf seinem Marktplatz. 
Die Paketdienstleister verzichten auf die Empfangsquittierung und signalisieren ihren Geschäftskunden: Manchmal dauert es vielleicht etwas länger, aber der Versand läuft weiter. Landauf, landab organisieren sich Händler, beraten sich in Facebook- und LinkedIn-Gruppen und unterstützen gegenseitig. Solidarität wird, von einigen Ausnahmen abgesehen, groß geschrieben. Ein "Wir schaffen das", das niemand explizit so formulieren muss.

Wo ist Amazon?

Nur ein Marktteilnehmer schweigt: Amazon. Seit Beginn der Krise ist vom größten deutschen E-Commerce-Player nichts mehr zu hören. Keine Verlautbarungen (außer monatlichen Informationen über die "Highlights bei Amazon Prime Video"), keine Interviews, Presseanfragen werden nicht beantwortet. Und auch die Amazon-Händler selbst hören so gut wie nichts von dem Marktplatz, der für die meisten der wichtigste Absatzkanal ist. Neuigkeiten verbreiten sich meist über die Gerüchteküche der einschlägigen Händlerforen, bevor irgendeine schmallippige Verlautbarung im Seller Central aufploppt - wenn überhaupt. 
So informierte Amazon am 17. März seine Seller und Vendoren über einen Anlieferstopp für Waren, die als nicht essenziell eingestuft werden. Bereits in den Tagen davor hatten aber schon einzelne Händler in den Foren berichtet, dass ihre Anlieferungen in einigen FBA-Lagern zurückgewiesen worden waren. Noch intransparenter gestaltete sich der Informationsweg zum Stopp des zwei-Mann-Handlings in den Amazon-Lagern: Weil der Mindestabstand von einem Meter zwischen zwei Mitarbeitern nicht gewährleistet werden kann, werden Waren und Warenpakete mit einem Gewicht von über 15 kg in den Amazon-Lagern nicht mehr bewegt. 
Eine verständliche Maßnahme - über die Amazon seine Händler aber nicht offiziell informiert hat. Erst Händler von größeren Produkten, die feststellten, dass ihre Ware weder versendet noch remissioniert werden können, fragten nach und erhielten Antwort vom Service, die sie wiederum in den Händlerforen teilten. Das ist keine angemessene Informationspolitik für die wichtigste Handelsplattform Deutschlands, von der die wirtschaftliche Existenz tausender Verkäufer abhängt. Das ist schlichtweg eine Frechheit.

Amazon igelt sich ein

Aus allen kolpotierten Meldungen und den wenigen offiziellen Statements, die hartnäckige Journalisten Amazon entlocken konnten, lässt sich aktuell schließen: Der E-Commerce-Riese igelt sich ein und konzentriert sich auf den Versand von lebensnotwendigen Produkten wie Lebensmittel, Hygieneartikel, Babybedarf und Tiernahrung. In Italien, Frankreich, Großbritannien und Indien werden andere Produkte gar nicht mehr versendet, in Deutschland haben sie Lieferzeiten von bis zu vier Wochen. Und falls hierzulande auch ein Lieferstopp für nicht-essenzielle Produkte kommt, werden es die betroffenen Seller vermutlich nicht zuerst von Amazon erfahren. Die Begründung ist immer die gleiche: Die Nachfrage nach essenziellen Produkten sei extrem gestiegen. Um den Bedarf zu decken, müssen man den Versand anderer Produkte zurückstellen.
Angesichts dieser Aussage frage ich mich: Kapituliert der Logistik-Riese Amazon tatsächlich vor ein paar zusätzlichen Rollen Klopapier? 
Schauen wir uns die Fakten an: Amazon hat in den letzten zwei Jahren massiv in sein Logistik-Netzwerk investiert. Mindestens 36 Logistik-Standorte betreibt der Marktplatz meinen Recherchen zufolge aktuell in Deutschland, mindestens 14 weitere sind bereits im Bau oder stehen kurz vor der Eröffnung. In vielen Landkreisen übernimmt Amazon die letzte Meile mithilfe von Sub-Unternehmern längst selbst, Anfang März musste die DHL deshalb ihr Paketzentrum in Graben bei Augsburg schließen.
Gleichzeitig melden die Logistikdienstleister: Das Gesamt-Paketvolumen sei in der Krise kaum gestiegen, die zusätzlichen Privatbestellungen würden den Einbruch im gewerblichen Bereich kaum wettmachen. Und vereinzelt berichten Händler zwar von verzögerten Abhol- und Zustellfristen bei ihren Paket-Dienstleistern, aber weitgehend läuft der Dienst auf der letzten Meile normal weiter. Von anderen Händlern wie Otto, Brack.ch der Zooplus ist zu hören, dass ihre interne Logistik auf Hochtouren arbeite, doch noch ist das Volumen offenbar händelbar. Das Amazon-Logistikzentrum in Frankenthal habe "gut zu tun", sagte ein Unternehmenssprecher übrigens gestern dem Lokalblatt "Die Rheinpfalz". Überforderung klingt anders. 

Amazon ist systemrelevant - für den E-Commerce, nicht für die Grundversorgung

Man muss also die Frage stellen dürfen, ob weniger ein echter Logistik-Kollaps in den Zentren als vielmehr strategische Überlegungen zur Einschränkung des Handels auf Amazon geführt haben. Systemwichtige Betriebe werden auch in einer Pandemie nicht geschlossen, deshalb gelten für stationäre Supermärkte und Drogerien Ausnahmebestimmungen. 
In einer freien Wirtschaft kann natürlich jedes Unternehmen beschließen, seinen Fokus von jetzt auf gleich zu ändern. Das Problem ist: Lebensmittel und Klopapier bekommen die Menschen nicht nur auf Amazon, sondern auch im stationären Handel - auch wenn dramatische Bilder von leeren Regalen etwas anderes vermitteln. In Deutschland gibt es keine Versorgungskrise. Die gibt es nicht mal in Italien, wo die gesundheitliche Situation wesentlich dramatischer ist als hierzulande. 
Für die Grundversorgung ist Amazon also nicht unverzichtbar - für das wirtschaftliche Überleben von Tausenden von FBA-Händlern, deren Ware in den Amazon-Lagern eingefroren ist und deren Verkäufe von jetzt auf gleich auf Null fallen, aber schon. Haben sie keine Ware im eigenen Lager - oder kein Kapital, um zusätzliche Ware anzukaufen - können sie auch nicht auf andere Marktplätze ausweichen. Amazon ist tatsächlich systemrelevant - aber nicht für die Grundversorgung Deutschlands, sondern für weite Teile des deutschen E-Commerce. 
In einer Krise sollte eine Branche zusammenstehen - und die Branchenführer dabei voran gehen. Das nennt man unternehmerische Verantwortung. Dieser Verpflichtung wird Amazon aktuell in keinster Weise gerecht.



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