Nicht die gleiche Sprache 26.09.2017, 14:15 Uhr

Amazon Echo im Selbstversuch

Wie funktioniert eigentlich Shoppen mit Amazon Echo? Wir haben den Test gemacht. Das niederschmetternde Fazit: Au weia!
(Quelle: Amazon / INTERNET WORLD Business )
Die Überschriften sprechen für sich, egal ob es heißt "Voice Commerce: Die nächste Revolution steht vor der Tür", ­"Digitale Assistenten: Wie Voice Com­merce unser Leben verändert" oder "Mega-Trend Voice Commerce": Branchen- und Publikumsmedien lassen keinen Zweifel daran, dass dank Alexa und Amazon Echo endlich der Mensch die Technik regiert und nicht mehr die Technik den Menschen. Dieses Versprechen allein genügt, um Alexa auch in unserer Vier-Zimmer-Wohnung ein Zuhause zu geben.
Tatsächlich führt sich die virtuelle Mitbewohnerin gut ein: Zunächst übernimmt sie mit höchster Zuverlässigkeit das morgendliche Wecken, ein paar Tage später schon übergeben wir ihr dankbar die Kontrolle über unsere Hue-Lampen. Fortan müssen wir abends nicht mehr in Richtung Kinderzimmer schreien, dass jetzt bitte endlich das Licht ausgemacht wird. Stattdessen instrumentalisieren wir einfach Alexa und lassen sie anschließend den Fernseher lauter stellen, um das Protestgeschrei zu übertönen.

Wecken ja, shoppen nein!

In vielen kleinen Bereichen unseres Alltags möchten wir Alexa inzwischen nicht mehr missen. Als Shopping-Begleitung hingegen hat sie sich bislang als nicht wirklich hilfreich erwiesen. Dabei sollte sie sich fürs Einkaufen schon aufgrund ­ihrer Herkunft deutlich mehr interessieren als ihre virtuellen Konkurrentinnen Siri, Cortana oder der Google Assistant. Doch schon ein Blick in die Liste der verfügbaren Fertigkeiten zeigt: Alexa frönt anderen Interessen als dem schnöden Kommerz. Gerade einmal 20 Skills finden sich unter der Kategorie "Shopping". ­Lediglich im Bereich "vernetztes Auto" ist die digitale Dame noch schwächer auf der Brust. Dagegen scheinen ihre Stärken im Bereich "Spiele, Quiz & Zubehör" (480 Skills), "Bildung und Nachschlagewerke" (341 Skills) oder "Nachrichten" (265 Skills) zu liegen.
Wir machen den Test: "Alexa, ich ­möchte eine Hose kaufen!", sage ich zu ihr - wissend, dass ein so komplexes Produkt wie eine Hose ein wirklich hinterhältiger erster Versuch für Voice Commerce ist. Doch Alexa lässt sich nicht beirren und antwortet prompt, auch wenn ihre Aussprache ungewohnt holprig, roboterhaft und schnell ist: "Das Top-Suchergebnis für Hose ist 'JAKO Herren Hose Kopa, schwarz weiß, M, fünfundfünfzigtausendneunhunderteinundfünfzig. Das macht insgesamt 16 Euro und 75 Cent inklusive Mehrwertsteuer. Willst du den Artikel jetzt kaufen?'"

Personalisierung mangelhaft

Weil mir "M, fünfundfünfzigtausendneunhunderteinundfünfzig" als Produktbeschreibung doch zu abstrakt ist, schaue ich in der Alexa-App nach, wie die Hose aussieht. Ein echtes Aha-Erlebnis: Das Online-Warenhaus, das mein Konsumverhalten seit dem Jahr 2001 beobachtet und nach 425 Bestellungen mehr über meine geheimen Vorlieben weiß als mein Mann, schlägt mir ­eine geschmacklose Herrensporthose im untersten Preissegment vor. Ist Amazon nicht der Big-Data-Überflieger, der mir via Anticipatory Shipping demnächst schon Produkte auf den Weg schickt, noch bevor ich selbst weiß, dass ich sie brauche? Sollte die Software dann nicht zumindest herausgefunden haben, dass ich eine Frau bin? Wenn das künstliche Intelligenz ist, dann ist mir natürliche Dummheit lieber.
Ich gebe Alexa eine zweite Chance mit ­einem konkreteren Produktwunsch: ­"Alexa, ich möchte ein iPhone kaufen." Ihre Reaktion lässt hoffen: "Ich habe mehrere passende Artikel gefunden", sagt sie diensteifrig, rattert dann aber monoton herunter: "Ich habe Powerbank 6000 mAH (Alexa sagt "sechstausend Mah" statt "Milliampere") Coolreall Externer Akku Power Bank Handy Ladegerät für iPhone, iPad, Samsung Galaxy und wei­tere schwarz in deinem Bestellverlauf ­gefunden, kann ihn aber nicht für dich bestellen. Soll ich ihn in den Einkaufswagen legen?" Ich kann der Äußerung spätestens nach "Mah" nicht mehr folgen und schalte gedanklich ab. Ich wollte ein iPhone, kein externes ­Ladegerät. Offenbar ist es noch ein großer Schritt, bis Alexa so weit ist, über Filterfunktionen meinen konkreten Bedarf zu ermitteln ("Welches Modell möchtest du haben?", "Welche Farbe soll das Gerät haben?", "Welche Speicherkapazität möchtest du?") und mir dann den Preis für das passende Gerät zu nennen. Und auch das Thema Produktbeschreibung für Voice Commerce wird ambitionierte Händler wohl noch ein Weilchen beschäftigen. Aber solange diese Herausforderungen nicht gelöst sind, wird es nichts mit der Herrschaft des Menschen über die Technik.



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