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Adidas-Boykott auf Twitter

Kommentar

Adidas, Deichmann, H&M: Sind sie wirklich die Bösen?

Adidas-Boykott: Neuwertige Adidas-Turnschuhe landen im Müll.

Screenshot Twitter

Adidas-Boykott: Neuwertige Adidas-Turnschuhe landen im Müll.

Screenshot Twitter

Mit ihrer Ankündigung, für ihre Ladengeschäfte bis auf weiteres keine Mieten mehr zu zahlen, haben Adidas, Deichmann und H&M einen Shitstorm entfacht. Die öffentliche Meinung ist sich einig: In Zeiten der Corona-Krise ist das unsolidarisch. Aber stimmt das auch?

Adidas gehört zu den bekanntesten und erfolgreichsten Marken Deutschlands. Im vergangenen Jahr erzielte der Sport-Fashion-Hersteller einen Gewinn von knapp zwei Milliarden Euro. Doch jetzt stehen die Zeiten auf Sturm: Seit einigen Tagen müssen die Brand Stores, die Adidas in vielen deutschen Städten unterhält, wegen der Corona-Krise geschlossen bleiben.

Der Konzern reagiert mit einem Schritt, den sich viele andere Gewerbe- und Privatmieter nicht vorstellen können - er stellt einfach die Mietzahlungen für seine Filialen ein.

Eine gewisse Rechtfertigung dafür könnte man in dem Corona-Schutzschirm sehen, den die Bundesregierung aufgespannt hat. Er sieht unter anderem vor, dass Mieter, die wegen finanzieller Engpässe aufgrund der Krise ihre Miete nicht zahlen können, deshalb nicht aus ihrer Immobilie fliegen dürfen. Doch gilt das auch für einen Konzern mit über 25 Milliarden Euro Jahresumsatz?

Nein, schimpft Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) und nennt das Verhalten von Adidas "unsolidarisch" und "inakzeptabel". Und sie weiß sich einig mit dem Mainstream in den Sozialen Medien.

Auf Twitter trendet der Hashtag #adidasboykott munter vor sich hin, Menschen wie die Twitter-Nutzerin @Barbara80303336 posten Bilder, in denen sie neuwertige Adidas-Turnschuhe in den Müll werfen. Den Modeketten Deichmann und H&M geht es nicht anders, auch sie hatten die Mietzahlungen für ihre Stores eingestellt - und sehen sich jetzt einer Woge des Protestes gegenüber.

Adidas ist nicht die Caritas

Der öffentliche Aufschrei, der sich gegen die Mode-Konzerne richtet, erstaunt mich ein wenig. Natürlich ist Adidas nicht die Caritas, H&M ist es noch weniger. Das gilt aber genauso für die Besitzer der Läden, die Adidas und Co. im Moment nichts als Kosten verursachen.

Viele Häuser in City-Bestlagen gehören großen, zum Teil börsennotierten Kapitalgesellschaften. Giganten, gegen die selbst ein Adidas ein kleiner Fisch ist. Zu den führenden Besitzern von Gewerbeimmobilien in der Innenstadt zählt zum Beispiel die Allianz-Gruppe. Für die zwei Milliarden Euro, die Adidas im vergangenen Jahr verdiente, braucht die Allianz noch nicht einmal ein Quartal.

Immobilienbesitzer wie die Alllianz sind keine gütigen Vermieter, die drei Tage nach Beginn der Corona Ausgangssperre anrufen und fragen, ob beim Mieter noch alles in Ordnung ist. Sie sind börsennotierte und wachstumsorientierte Konzerne. Verdienen sie mehr Mitleid als Adidas?

Zudem zeigt das Verhalten von Adidas, H&M und Deichmann: Offenbar sind die Mieten für ihre City-Filialen so hoch, dass sich diese Firmen es erlauben können, gegen ihren Mietvertrag zu verstoßen, ohne befürchten zu müssen, dass der Vermieter sie hinauswirft. Unternehmen, die bereit sind, für einen 100-Quadratmerter-Store in einer Innenstadt 30.000 Euro zu zahlen, stehen nicht eben Schlange. In vielen Städten stehen sogar Ladenlokale leer, oft jahrelang.

Hohe Mieten als Spekulationsblase

Doch warum, so fragt man sich unwillkürlich, senken die Immobilienkonzernen nicht einfach die Preise für ihre Gewerbemieten? Es erscheint doch sinnvoll, lieber etwas niedrigere Einnahmen zu generieren als gar keine.

Das, so erklärte mir im vergangenen Jahr mal ein Handelsfachmann, würden Immobilienkonzerne meiden wie der Teufel das Weihwasser. Der Grund: Der (zumindest theoretisch) erzielbare Mietpreis pro Quadratmeter sei neben der Menge der Gewerbeflächen der entscheidende Faktor bei der börsenrelevanten Unternehmensbewertung.

Ein Unternehmen, das seine Gewerbemieten um 20 Prozent senke, sei danach automatisch 20 Prozent weniger wert. Lieber gewähre es deshalb einem potenziellen Mieter einen sechsstelligen Betrag als "Renovierungszuschuss", als dass es die Miete senke. Doch dieses Spiel, so schloss der Experte im vergangenen Jahr, sei an seine Grenzen gekommen, der gesamten Branche der Gewerbeimmobilienkonzerne stünde eine schmerzhafte Neubewertung ihrer Assets bevor, spätestens 2020.

Vielleicht gibt der Vorstoß von Adidas und Co den Startschuss für allgemein sinkende Gewerbemieten in Deutschlands Innenstädten. Denn natürlich kann es sich Adidas leisten, mal ein paar Monate Miete zu zahlen. Aber die Allianz kann es sich noch mehr leisten, einmal ein paar Monate drauf zu verzichten - wenn man sich schon nicht in der Mitte treffen kann.

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