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Handels-Lobby HDE will Staatshilfe für den vernetzten Handel

Stephan Tromp, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des HDE

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Stephan Tromp, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des HDE

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Der HDE hat zusammen mit Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel die Dialogplattform Einzelhandel gestartet. Zum Auftakt brachte HDE-Präsident Josef Sanktjohanser einen Forderungskatalog mit.

Viele Handelsunternehmen tun sich schwer in Sachen E-Commerce. Der Deutsche Einzelhandelsverband (HDE) hat sich jetzt im Rahmen der "Dialogplattform Einzelhandel" mit einer Reihe von Forderungen an die Politik gewandt, um stationären Händler bei der Digitalisierung zu helfen und gleiche Rahmenbedingungen für den Online- und Offline-Handel zu schaffen. Im Interview mit INTERNET WORLD Business erläutert Stephan Tromp, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des HDE, die Beweggründe.

Herr Tromp, Ihr Forderungskatalog an die Regierung wirkt ein wenig so, als hätte der Einzelhandel verschreckt gemerkt, dass der Zug in Sachen Online-Handel abgefahren ist. Und jetzt ruft man nach der Regierung, damit sie ihn stoppt.
Stephan Tromp:
Den Forderungskatalog bringen wir in die Dialogplattform Einzelhandel ein, die Bundeswirtschaftsminister Gabriel und HDE-Präsident Sanktjohanser heute gestartet haben. Die Verbindung aller Vertriebskanäle - online und offline - wird in den Unternehmen künftig die Regel und nicht die Ausnahme sein. Uns geht es darum, dass die Politik dafür die richtigen Rahmenbedingungen schafft.

Was fordern Sie denn konkret?
Tromp:
Wir erwarten von der Politik, einen fairen Wettbewerb zwischen allen Vertriebskanälen sicherzustellen. Es muss gleiches Recht für alle gelten! Wir brauchen vor allem eine vernünftige Netzinfrastruktur. Auch über das Thema W-LAN und Störerhaftung müssen wir reden. Die Gesetzgebung muss sicherstellen, dass Händler relativ einfach und ohne große Hürden W-LAN zur Verfügung stellen können, ohne sofortige Abmahnungen zu befürchten. Wir wollen ein freies W-LAN, weil es zum Kundenservice gehört. Außerdem fordern wir Förderkredite für den Mittelstand. Der stationäre Handel steht vor  massiven Herausforderungen, die stationäre mit der Online-Welt zu verknüpfen. Eine hohe Priorität hat der Datenschutz. Er darf die Hürden nicht so hoch legen, dass Verbraucher und Händler vor dem Online-Handel zurückschrecken.

Ich habe allerdings meine Zweifel, dass Gelder der KfW die Phantasie der heutigen mittelständischen Händler derart beflügelt, dass sie neue Handelskonzepte maßgeblich mit aufbauen. Glauben Sie denn daran, dass die KfW ihre Gelder jemals wieder zurückbekommt?
Tromp:
Der Handel von morgen wird definitiv ein anderer sein als heute. Die Gelder sind nötig, damit die Geschäftsmodelle umgebaut werden können. Kredite sind immer mit Risiken verbunden. Deshalb schlagen wir in Ergänzung zur KfW auch Bürgschaften des Bundes oder der Länder vor.

Gibt es denn andere Länder, wo die Politik den Strukturwandel aktiv begleitet oder wäre das in Deutschland ein Unikum?
Tromp:
Das wäre ein Novum, das gibt es in anderen Ländern nicht. In den USA werden wirklich nur die Leitplanken gesetzt und die Wirtschaft muss zusehen, wie sie damit klar kommt. Das andere Extrem ist Frankreich. Da wird dann immer gleich ein Gesetz gemacht. Deutschland ist irgendwo dazwischen. Und das ist auch unser Verständnis von Marktwirtschaft.

Neuer Strohhalm für kleine stationäre Händler

Benachteiligen Ihre Forderungen nicht ein wenig den reinen Online-Handel? Stichwort Elektro-Altgeräte: Der aktuelle Gesetzesentwurf, bei dem stationäre Händler erst ab einer Größe von 400 Quadratmetern aber grundsätzlich alle Online-Händler Altgeräte zurücknehmen müssen, scheint auf den ersten Blick nicht fair.
Tromp:
Die 400 Quadratmeter Schwelle gilt sowohl für online- als auch für stationäre Händler. Es gilt: Wer Handel treibt, für den müssen dieselben Gesetze gelten.

Ein neuer Strohhalm für kleine stationäre Händler sind die mit öffentlichen Fördergeldern entwickelten Local-Commerce-Portale. Glauben Sie an das Konzept?
Tromp:
Die Portale stärken das Bewusstsein, dass man zusammenarbeiten muss. Ob sie letzten Endes von Erfolg gekrönt sind, wird sich zeigen. Der Erfolg steht und fällt mit dem Kundennutzen - Sortiment, Preis, Service und alles, was dahinter steckt. Wenn das für den Kunden ein überzeugendes Angebot ist, wird er es auch annehmen. Aber dazu müssen sich die lokalen Händler auf eine gemeinsame Servicestrategie einigen. Nur das bloße Zusammen-Anbieten wird nicht reichen. Same Day Delivery nehmen viele nur in den Mund, wenn sie von online sprechen. Ich sehe darin aber auch für den stationären Einzelhandel eine große Chance. Nämlich dann, wenn er sich über Einkaufs- und Werbegemeinschaften in den einzelnen Einkaufsstraßen zusammenschließt und Kunden anbietet, sich alle Einkäufe in einem Zeitfenster nach Hause liefern zu lassen.

Sie hatten die Internet-Highspeed-Abdeckung angesprochen. Halten Sie das bis 2019 für realistisch?
Tromp:
Das hängt davon ab, wie weit die Bundesregierung bereit ist, in den Ausbau der Netzinfrastruktur zu investieren oder wie weit sie es der Telekom selbst überlässt. Und die Telekom als börsennotiertes Unternehmen wird logischerweise entscheiden, wo sie Geld verdienen kann. Ich würde mir wünschen, dass die Kommunen flexibler bei der Verlegung von Internet-Leitungen werden. Die stehen sich da oft selbst im Weg. Da reden wir gar nicht über Geld, sondern über mehr Flexibilität. Das werden  wir in die Plattform miteinbringen.

Ein weiteres Thema auf Ihrer Agenda ist die Ausbildung. Wie ist da Ihre Idealvorstellung?
Tromp:
Die Idealvorstellung ist, dass E-Commerce in die bestehenden Ausbildungsberufe mit eingebaut wird. Wir brauchen sehr wahrscheinlich auch einen separaten Ausbildungsberuf E-Commerce, auf den ein Fachwirt E-Commerce als Fortbildungsberuf aufsetzt. Darüber hat der HDE die Fachdiskussion begonnen und ein erstes Konzept vorgelegt. Wir werden auch den politischen Diskussions- und Entwicklungsprozess  maßgeblich gestalten.   Zunächst werden wir aber die Einzelhandelsberufe – Verkäufer/in und Kauffrau/Kaufmann im Einzelhandel modernisieren. Dort gehört das Thema E-Commerce als Wahlmodul zwingend mit rein.

Und wo im Prozess befinden wir uns da gerade?
Tromp:
Wir werden vielleicht schon zum nächsten, spätestens aber übernächsten Ausbildungsjahr für die Kaufleute im Einzelhandel ein Wahlhandlungsfeld „E-Commerce anwenden“ bekommen. Die eigentliche Modernisierung der Einzelhandelsberufe, für die es  standardisierte Verfahren gibt, fängt in Kürze an und wird spätestens zum 1.8.2017 umgesetzt werden können.

Abschließende Frage: Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass all die Forderungen, die Sie jetzt stellen, bei der Regierung wirklich auf Gehör stoßen?
Tromp:
Wer nicht den ersten Schritt tut, kann nicht ans Ziel kommen. Wenn ich die Punkte nicht auf die Tagesordnung setze, kann ich auch nicht über Lösungen diskutieren. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir mit dieser Strukturplattform ein Bewusstsein schaffen und auch das ein oder andere auf den Weg bringen. Das wird sicherlich seine Zeit brauchen. Aber wir sehen uns als Verband in der Verantwortung, Bewusstsein zu schaffen - gegenüber den eigenen Leuten aber auch gegenüber der Politik.

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