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Gerfried Stocker

Gerfried Stocker "Datenhumanismus statt Datenkapitalismus in Europa"

Gerfried Stocker beschäftigt sich seit mehreren Jahrzehnten mit den Auswirkungen von Technik auf die Gesellschaft.

Ars Electronica

Gerfried Stocker beschäftigt sich seit mehreren Jahrzehnten mit den Auswirkungen von Technik auf die Gesellschaft.

Ars Electronica

Die digitale Revolution braucht vor ­allem ­eines: Daten. Europa hat dieses Feld bislang weitgehend US-Konzernen überlassen. Jetzt muss man mit den entstandenen digitalen Landlords umgehen lernen, so Gerfried Stocker, Künstlerischer Leiter der Ars Electronica in Linz.

Als Künstlerischer Leiter der Ars Electronica in Linz beschäftigt sich Gerfried Stocker seit Jahrzehnten mit technischen Entwicklungen, möglichen Zukunftsszenarien und der Frage, wie diese unser Leben und die Gesellschaft als Ganzes verändern werden. In der TrendArena der INTERNET WORLD EXPO am 10. März 2020 in München hält Stocker eine Keynote. Wir sprachen vorab mit ihm im Interview.

Herr Stocker, das "Ars Electronica Festival 2019" steht unter dem Motto "Out of the Box: Die Midlife-Crisis der Digitalen Revolution“. Ist die digitale Revolution überhaupt schon alt genug für eine Midlife-­Crisis?
Gerfried Stocker:
Vor ziemlich genau 40 Jahren kamen die Desktop-Computer in die Welt. Apple brachte 1978 den ­Apple 2 auf den Markt. 1981 stellte IBM den PC, den Personal Computer, vor. Damit drangen Computer und digitale Technologie erstmals in unsere Haushalte und Lebensrealitäten vor. Und damit begann die soziale Kolonialisierung des digitalen Raums. Dieser Teil der digitalen Revolu­tion, der die kulturelle und soziale Veränderung betrifft, ist also wirklich 40 Jahre alt. Und 40 Jahre ist ein klassischer Moment der Midlife-Crisis.

Was genau ist denn die Krise?
Stocker:
Wir haben den Begriff "Midlife-Crisis" natürlich ein bisschen ironisch gewählt. Die digitale Revolution spiegelt in einigen Teilen das Machogehabe eines 40-jährigen Managers wider, der sich noch schnell einen Porsche kauft und auf berufsjugendlich macht. Diese Aufschneiderei und diese Machtgebärden prägen auch die digitale Revolution. Es gibt ja fast schon einen Stellungskampf zwischen den kommerziellen Monopolen und der Gesellschaft und den Regierungen, die jetzt langsam merken, dass man das Thema nicht mehr ignorieren darf. Und die Midlife-Crisis ist ja keine existenzielle, apokalyptische Endkrise. Stattdessen hat man etwas erreicht, steht eigentlich gut da, fragt sich aber plötzlich: "War’s das jetzt?" Und das tun wir im Moment. Wir fragen uns: Ist das jetzt der große Traum vom Internet als globalem Dorf, in dem alle Menschen Zugang zu allen Informationen haben, sich miteinander austauschen und ­befruchten können? Oder ist es eher der Albtraum einer digital überwachten Gesellschaft, wo wir als Besitztum der großen Internet-Konzerne und Cloud-Provider gesehen werden in einer Form, die man schlichtweg feudalistisch nennen muss? Für Europa stellt sich angesichts der wirtschaftlichen Dimension dieser Situation zudem die Frage, wie ein europäischer Weg in diese ­digitale Zukunft aussehen kann. Haben wir das Match verloren, weil wir den ersten Zug versäumt haben? Ist das aufzuholen? Oder gibt es einen dritten Weg?

Was glauben Sie?
Stocker:
Ich glaube, wir sollten nicht versuchen, den großen ­Datenkonzernen nachzueifern. Statt dem Datenkapitalismus der Amerikaner und dem Datentotalitarismus der Chinesen sollten wir in Europa das Konzept des Datenhumanismus anstreben. Die Frage ist, wie man Digitalisierung als Produkt veredeln kann. Wenn wir digitale Daten als Rohstoff sehen, bietet uns das eine tolle Chance, menschen- und gesellschaftsgerechte Anwendungen zu entwickeln, die auch eine ökonomische Zukunft für ­Europa sein könnten.

Das müssen Sie jetzt bitte noch etwas konkreter erklären.
Stocker:
Nehmen Sie als Beispiel das Thema digitaler Zwilling und Medizin. Was könnte es Besseres für uns geben, als dass all unsere Gesundheitsdaten zentral ­gespeichert sind. Jeder Arzt, der uns ­behandelt, kann sie nutzen. Und auch die wissenschaftliche Forschung bekommt darauf Zugriff und kann so unsere Krankheiten besser verstehen und heilen. Gleichzeitig ist das für uns aber auch der größte Albtraum, den wir uns vorstellen können. Schon während man es ausspricht, bekommt man Gänsehaut. Genau da sieht man die Diskrepanz, die man lösen muss. Und wem sonst als Europa könnte es gelingen, hier einen Weg aufzuzeigen, wie man Datenwirtschaft ohne rücksichtslose Ausbeutung der Betroffenen betreiben kann? Technisch ist das durchaus möglich. Und auf einem globalen Markt könnte so etwas auch einen Wettbewerbsvorteil ­bedeuten.

Expo

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Fehler bei der Digitalisierung

2018 war das Thema Ihres Festivals "Error". Wo wurden bei der Digitalisierung Ihrer Meinung nach denn bislang Fehler ­gemacht?
Stocker:
Es waren im Wesentlichen zwei Fehler: Man hat im Bildungssystem nicht darauf reagiert. Und man hat nicht erkannt, dass hier etwas vor sich geht, was grundlegend anders ist als andere technische Einführungen. Es ist eben nicht nur ein Werkzeug, sondern ein Lebensraum entstanden. Und ein Lebensraum muss von der Gesellschaft kultiviert und zivilisiert werden. Das machen wir seit Jahrtausenden so. Nur diesmal haben in einer Art Wildwestmanier zuerst die Hardware-Hersteller und dann die Software-­Entwickler die Kontrolle dieses Lebensraums übernommen - und dies rein profitorientiert. 

Sie haben durch Ihre aktuelle KI-Ausstellung in Linz einen sehr breiten Blick auf das Thema. Was fasziniert Sie, was schreckt Sie?
Stocker:
Mich fasziniert, dass KI ein absoluter Turbo-Booster der Digitalisierung ist. Die Technologie hat in relativ kurzer Zeit Dinge möglich gemacht, die wir uns vor einem oder sogar einem halben Jahr kaum vorstellen konnten. Wir haben in der Ausstellung mit GPT2 ein Trans­former-Modell, das Texte schreiben und Musik komponieren kann. Das wäre vor einem halben Jahr noch kaum denkbar ­gewesen, dass das so schnell geht. Interessant finde ich auch, wie durch den Begriff "künstliche ­Intelligenz" eine Aneignung des Themas auf einer wesentlich breiteren gesellschaftlicheren Basis passiert. Als wir vor zwei bis drei Jahren über Dinge wie "Big Data", "Internet der Dinge" oder "Industrie 4.0" geredet ­haben, war die Reaktion aus der Bevölkerung abweisend nach dem Motto: "Sorry, das verstehe ich nicht." Aber künstliche Intelligenz ist ein Stammtischthema. Und zum ersten Mal in der ganzen digitalen Revolution gibt es die Situation, dass sich eine breite Bevölkerung zuständig fühlt und keine Scheu davor hat, über das Thema zu reden. Das könnte ein richtiger Katalysator bei der Bewältigung der Problematik sein.

Welchen Nutzen bringt KI für ­E-Commerce und Marketing?
Stocker:
Da wird sich wohl eher die Dark Side of Technology durchsetzen. KI bietet eine enorme Qualität in der Analyse. Aber alles, was analysiert werden kann, kann auch manipuliert werden. Wo kann man das besser einsetzen als in einer Industrie, die darauf ­abzielt, menschliche Bedürfnisse zu erfinden und sie uns einzureden. Ich glaube, das ist auch der einzige Grund, warum wir in der Entwicklung überhaupt schon so weit gekommen sind. Konzerne wie ­Google und Facebook, die mit - nicht ­negativ gemeint - manipulativen Werbeinitiativen super reich geworden sind, haben diesen Reichtum in die KI-Forschung investiert. Das ist ein Kreislauf oder vielleicht schon eine Spirale, die man sich sehr genau anschauen muss. Es geht ja nicht mehr nur darum, wie man ein Produkt besser verkauft, sondern wer die öffentliche Meinung kontrolliert. In der Lebensmittelindustrie haben wir sehr früh ­begonnen, Grenzen zu setzen und Regularien zu finden, die letztlich auch der Wirtschaft geholfen haben. Das müssen wir im Bereich Daten und Datenwirtschaft wieder tun, weil es so ein lebensnotwendiger Bereich ist.

Künstliche Intelligenz braucht Daten. Müssen wir mit unseren Daten künftig freigebiger umgehen oder sparsamer?
Stocker:
Der Traum ist, dass wir Daten in einer Form nutzen können, in einer Welt, einer Gesellschaft, die der man dem Einzelnen keinen Strick daraus dreht. Und das erfordert ein grundsätzliches Bekenntnis zur Menschenwürde. Das ist eine der größten Herausforderungen.

Ist das nicht eine Utopie?
Stocker:
Es mag eine Utopie sein, aber eine, die die Menschen seit Jahrtausenden immer wieder anstreben. Ich gehe davon aus, dass wir einen neuen gesellschaftlichen Konsens für den Umgang mit Daten brauchen. Ich glaube, dass wir lernen müssen, damit zu leben, dass unsere Privatsphäre, wie wir sie kannten, vorbei ist. Da kann man jetzt lamentieren, aber das Problem ist ja gar nicht so sehr, dass unsere Date nicht mehr privat sind, sondern dass wir im gleichen Ausmaß auch um die Verlässlichkeit von Öffentlichkeit betrogen worden sind. Die großen digitalen Services sind keine öffentlichen Dienstleistungen. Wir haben die Öffentlichkeit abgeschafft und den digitalen Landlords übergeben, die völlig willkürlich die Spielregeln festlegen. Wer nicht mitmachen will, kann ­gehen. Die Frage ist nur wohin? Es gibt ja keine Alternative. Es geht nicht darum, verzweifelt eine Vergangenheit einer kleinkrämerischen Privatheit unserer ­Daten zu glorifizieren und wiederherzustellen. Es geht darum, ein vernünftiges gesellschaftliches, öffentliches Umgehen damit zu finden, dass Daten in dem Moment, wo sie digitalisiert sind, nicht mehr zu bändigen sind. Der Aggregatzustand des Digitalen ist, dass er - ähnlich wie wenn etwas von flüssig zu gasförmig wird - überall gleichzeitig ist. Aber die Antwort darauf darf nicht sein, alles einfach so hinzunehmen.

Sicherheitsgurte und die Nichtrauer-Bewegung als Vorbild

Bis wann haben wir eine Lösung?
Stocker:
Es sollte schnell passieren, aber einfach wird es nicht. Und es geht auch nicht ohne Kollateralschäden, dafür ist die Verwobenheit zwischen Machtinteressen aus Politik und Wirtschaft zu intensiv ­geworden. Aber diese Diskussionen gab es auch früher schon bei neuen Technolo­gien und Entwicklungen. Als die Sicherheitsgurte in den Autos eingeführt wurden, konnte man überall lesen, dass man doch freie Menschen nicht in ihren Autos anbinden könne. Oder nehmen Sie die Nichtraucher-Bewegung. Wer hätte sich bis vor Kurzem träumen lassen, dass man das Rauchen so regulieren könnte, dass es fast in der ganzen Welt verpönt ist. Manchmal geht es dann doch schnell. Und der Markt ist ja schon in Bewegung. Nicht nur die europäische Stimme ruft nach Regulierung, auch in den USA gibt es da gerade eine enorme Dynamik. Die große Frage ist, wer dann die Spielregeln diktiert - und mit welchen Interessen. Das haben wir nach dem Rezo-Interview gesehen, als Politiker und Medien Spielregeln forderten.

Wie geht es denn nun weiter?
Stocker:
KI wird in den kommenden Jahrzehnten massiv wichtiger werden in den Möglichkeiten und Anwendungen. Die Frage ist, was wir mit den Kapazitäten tun, die frei werden. Es ist großartig, wenn die KI Ärzte dabei unterstützt, wesentlich besser und effizienter Krankheiten zu dia­gnostizieren. Aber die entscheidende ­Frage ist, ob man dem Arzt die Möglichkeit gibt, die frei gewordene Zeit mit den Patienten zu verbringen, oder nur die Krankenkassen Kosten sparen. Das ist wieder eines der Beispiele, an denen man sehr gut sieht: Es ist nicht die KI, die Probleme macht, sondern unser Umgang damit.

Wären Sie für die Robotersteuer?
Stocker:
Unbedingt. Es geht gar nicht anders. Es ist wunderbar, dass wir Menschen es geschafft haben, eine Technologie zu entwickeln, die eine so hohe Wertschöpfung garantieren kann. Aber es muss einen Weg geben, es so zu verteilen, dass wir als Gesellschaft davon profitieren können - und nicht nur einige Wenige. Sonst wäre das noch ein Schritt weiter in eine Refeudalisierung der Gesellschaft. Es ist schon zu befürchten, dass es ähnliche Widerstände geben wird wie beim Übergang vom Feudalismus zur Indus­triegesellschaft. Dieser Übergang hat uns zwei Weltkriege beschert. Erst in den 50er-Jahren wurde man endlich vernünftig und hat entdeckt, dass man in einer industrialisierten Welt besser zusammenlebt, wenn man über Steuergelder die Wertschöpfung und die Wertschöpfenden an den Kosten einer Gesellschaft beteiligt. Ob das nun Robotersteuer heißt oder bedingungsloses Grundeinkommen, weiß ich auch nicht. Da wird man experimentieren müssen

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