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Gastkommentar

Für Morgen investieren, statt das Gestern zu fördern!

Martin Groß-Albenhausen, stellvertretender Hauptbeschäftsführer beim bevh

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Martin Groß-Albenhausen, stellvertretender Hauptbeschäftsführer beim bevh

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Fahrlässig selbst herbeigeführte Nachteile dürfen nicht mit Staatshilfen beseitigt werden, findet Martin Groß-Albenhausen vom bevh. Dass der normale Geschäftsbetrieb unterbrochen werden könne, sei im Handel nicht erst seit Corona ein Risiko.

von Martin Groß-Albenhausen, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des bevh

Jede Krise hat ihre Gewinner. Meist sind das Unternehmen, deren Geschäftsmodelle zu einem bestimmten Zeitpunkt einen Vorteil genießen. Mal verändert sich der Markt allmählich: dann sprechen wir von Transformation. Mal schnell, dann nennen wir das "disruptiv". Und mal wird er eben nicht durch marktinterne Veränderungen, sondern durch äußere, krisenhafte Einflüsse neu geordnet.

Stets aber fällt der Vorteil der Einen nicht vom Himmel, sondern ist erarbeitet und hätte von anderen ebenso erreicht werden können. Letztere haben sich als Unternehmer aber bewusst gegen dieses Modell oder diesen Markt entschieden.

"Unternehmen gehen Wetten ein"

Zeugt es da von marktwirtschaftlicher Einstellung, in der Krise mit Staatshilfe einen auch selbst herbeigeführten Nachteil beseitigen zu wollen? Unternehmer gehen Wetten ein, jeden Tag. Wenn der Staat hilft, sollte dies nur geschehen, wenn den Betroffenen durch ein äußeres Ereignis Schaden entstanden ist, das als Risiko nicht kalkulierbar war.

Corona war nicht vorhersehbar. Aber die Unterbrechung des normalen Geschäftsbetriebs ist ein Risiko, das schon immer im Handel bestand. Sie trifft übrigens alle Formen des Handels: Wenn im E-Commerce Server ausfallen oder die Läger schließen müssen, wird auch kein Umsatz gemacht. Schneechaos im Weihnachtsgeschäft ist ein Systemrisiko für Onlinehändler. Lange Streiks bei der Staatspost haben in den 70ern zur Entwicklung des privaten Paketsektors im Versandhandel beigetragen. Staatsknete? Damals Fehlanzeige.

Ist während des Lockdowns durch den Ausfall des stationären Handels ein Engpass in der Versorgung entstanden, der ein Marktversagen signalisieren würde? Keineswegs: Die Wirtschaft hat jederzeit eine Versorgung mit allem Lebensnotwendigen und darüber hinaus sicherstellen können. Dazu hat auch der Onlinehandel mit seinen Zustellpartnern immens beigetragen. Und zwar so überzeugend, dass viele nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus der Erfahrung von Nutzen und Vorteilen heraus beim Distanzhandel bleiben.

Hilfsprogramme

Ist der Einzelhandel nicht genug von bestehenden Fördermaßnahmen erfasst? Keineswegs: Gerade der kleine und mittlere stationäre Handel hatte und hat Zugang zu zahlreichen Hilfsprogrammen.   

Sind die geforderten Maßnahmen geeignet, aufgelaufene Probleme zu beseitigen? Keineswegs: Wollte man nur jeden Zehnten der laut Handelsverband von Insolvenz bedrohten 50.000 Händler durch Digitalisierung retten, kämen bei den geforderten 100 Mio. Euro für jeden Händler gerade 20.000 Euro zusammen. Mit 20.000 Euro lässt sich ein wettbewerbsfähiges E-Commerce-Angebot heute kaum mehr entwickeln, aufbauen und betreiben.

Technologiewechsel

Ich bin für mehr Investitionen des Staates in Digitalisierung. Aber so, dass er damit zukunftsfähige Strukturen fördert. Wie wäre es, wenn er den Kommunen Geld für ein Zusteller-unabhängiges, für Online- und Stationärhändler zugängliches Netz an Packstationen gäbe, damit die Versorgungsinfrastruktur sichergestellt wird? Wie wäre es, wenn er seine Abschreibungsregeln so anpasst, dass der schnelle Wechsel von Technologie für die kleinen und mittleren Unternehmen bilanziell erleichtert wird? Und wie wäre es, wenn er unterfinanzierte Zukunftsprojekte wie Gaia-X mit dem nötigen Geld ausstattet, damit der deutsche produzierende und handelnde Mittelstand für die globalen digitalen Märkte ertüchtigt wird? 

Das wäre klug und zukunftsträchtig investiertes Geld, das strukturelle Probleme beheben könnte.

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