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Junge auf Roller mit Pizza

Essen auf Rädern Online-Lieferdienste: Der Markt wächst weltweit

Shutterstock/Ivan Baranov
Shutterstock/Ivan Baranov

Das Geschäft mit der Auslieferung von Essen boomt, Lieferdienste machen mit Millionendeals auf sich aufmerksam. Ist der Hype gerechtfertigt?

Von Susann Naumann

Fast eine halbe Milliarde Euro, genauer: 496 Millionen Euro - so viel ließ sich die Start-up-Schmiede Rocket Internet die Beteiligung an Delivery Hero bisher kosten. Über den 2011 gegründeten Lieferdienst können Nutzer in 34 Ländern Essen online bestellen und sich dieses von Imbissen oder Pizzerien liefern lassen. Die deutschen Konkurrenten heißen Lieferheld.de und Pizza.de.

Rocket habe in Delivery Hero investiert, erklärte Geschäftsführer Oliver Samwer dem "Manager Magazin", weil das Geschäft mit Essenslieferungen einer der größten Zukunftsmärkte überhaupt sei. Der Markt wächst weltweit. Umfragen zufolge lassen sich allein in Deutschland drei von vier Verbrauchern wenigstens gelegentlich warmes Essen liefern. Schätzungsweise 15 Millionen Essensbestellungen werden in Deutschland zugestellt. Tendenz: weiter steigend, auch weil gerade neue Lieferdienste in den Markt drängen, die nicht nur von Schnellimbissen und Pizzerien aus liefern, sondern sich auf Restaurants und die gehobene Gastronomie fokussieren. "Menschen verbringen etwa drei Jahre ihres Lebens mit Kochen und dem Aufräumen danach", begründet das Berliner Start-up Urban Taste das Wachstum. "Nur wenige empfinden das aber als Qualitätszeit." Die sinkende Lust selbst zu kochen, wird durch die steigende Zahl der Single-Haushalte sowie die ­Arbeitsverdichtung und den damit wachsenden Stress befeuert.

Dabei ist das Geschäft nicht neu: Essen auf Rädern etwa beliefert seit Jahrzehnten Senioren und Kranke. Die Pizza telefonisch zu bestellen und sich liefern zu lassen ist seit den 1980er-Jahren populär. Und das Internet vernetzt Essensanbieter, Lieferdienste und Verbraucher jetzt schnell und komfortabel. Start-ups wie Lieferando, Lieferheld oder Pizza.de leiten online Bestellungen an Partnergaststätten weiter, die dann die Zubereitung der Speisen und deren Auslieferung übernehmen.

Die neuen Lieferdienste kommen mit dem Rad

"Mit Lieferdiensten ist eine Menge Geld zu verdienen", sagt Jitse Groen, Geschäftsführer von Takeaway.com, das 1999 entstand und zu dem heute der deutsche Zusteller Lieferservice.de gehört. "Allerdings sollte man die Nummer eins auf dem Markt sein." Allein in Deutschland setzt das Gastgewerbe rund 40 Milliarden Euro um, immerhin mehr als 50 Millionen Menschen gehen ab und zu essen. Auf ein großes Stück dieses Kuchens haben die Lieferdienste jetzt Appetit bekommen.

Doch um den Leckerbissen wird hart gekämpft: Neben neuen Playern wie Hungr oder Deliveroo mischen auch die bekannten Wettbewerber im Geschäft um Schweinebraten mit Sauerkraut oder Filetspitzen an Kürbiscreme mit. Delivery Hero hat eigens für Restaurants den Lieferdienst Urban Taste gegründet, der sich gerade mit der Konkurrenz Foodora vereint hat.

Im Unterschied zu ihren Vorläufern konzentrieren sich die neuen Dienste auf Restaurants, Szenegaststätten und die geho­bene Gastronomie. Oder, wie es Foodora-Mitbegründer Julian Dames ausdrückt: "auf die hippen und beliebtesten Läden der Stadt". Außerdem bauen die Neuen auch noch eigene Lieferflotten auf. Speisen und Getränke werden mit Fahrrädern, E-Bikes oder Rollern ausgefahren, um im Stadtgetümmel schnell voranzukommen.

Zeit ist Geld: In diesem Gewerbe gilt dies besonders. Im Web oder auf dem Smartphone lassen sich Hungrige die angeschlossenen Restaurants anzeigen, wählen dort das Essen von der Karte aus und geben Lieferadresse und Zahldaten ein. Danach ­beginnt der Wettlauf mit der Zeit: Der ­Löwenanteil entfällt auf die Zubereitung der Speisen, doch damit diese frisch und ­lecker ankommen, muss sehr zügig gefahren werden. Foodora verspricht eine Lieferzeit von 30 Minuten, wobei 20 Minuten für das Kochen reserviert sind. Deliveroo kalkuliert mit durchschnittlich 32 Minuten.

Food Express nennt auf der Webseite ebenfalls 30 Minuten. Das Start-up sieht sich als Dienstleister für alle Hotel­küchen und Gastronomen, die einen zuverlässigen Partner für ihre Auslieferung benötigen. Dazu gehören die klassischen Lieferrestaurants wie Hallo ­Pizza ebenso wie traditionelle Lieferplattformen und neue Lieferdienste.

Was auf den ersten Blick simpel erscheint, die Logistik, ist in Wirklichkeit ein hartes Stück Arbeit. Ein Hauptteil der Millioneninvestments, die in die Lieferdienste flossen und jetzt wieder fließen, verschlingt die Logistik. "Dieses Geschäft setzt eine perfekte Beherrschung der ­Logistik voraus", warnt Friedrich Georg Hoepfner, Unternehmer und Business Angel aus Karlsruhe: "Wer da patzt, zahlt drauf." Die Logistik ist ein Knackpunkt. Damit das warme Essen seine Restaurantqualität behält und Pommes frites oder andere Beilagen nicht matschig werden, sollte es innerhalb von 30 Minuten auf dem Tisch stehen. Foodora setzt ­dafür auf seinen selbst entwickelten Liefer-Algorithmus. Der soll die optimale Route zwischen ­Kurier, Restaurant und Gast berechnen. Auch Food Express will mit einer "eigens entwickelten und weltweit einzigartigen Tourenplanungssoftware" punkten und arbeitet außerdem mit 800 Fahrern zusammen.

Das Programm ortet die Fahrer, die zur Verfügung stehen, und vergibt ­anhand der eingehenden Aufträge automatisch die effizienteste Fahrroute. "Wir müssen die Lieferlogistik ständig optimieren, um die Lieferzeiten weiter zu senken", lässt das Berliner Start-up wissen.

Die Essenslieferung nachverfolgen können

Schnell, effizient und transparent sollen die Lieferservices möglichst sein. ­Hungrige Kunden wollen wissen, wann sie sich zu Tisch setzen können. Deshalb hat Foo­dora noch eine App entwickelt, mit der die bequemen Genießer nicht nur bestellen, sondern auch mitverfolgen können, wie es um ihr Essen steht. Vorbild sind die Tracking- und Kontrollfunktionen der Paketdienste im E-Commerce. "Damit wollen wir ein rundum positives Kundenerlebnis schaffen", sagt Mitgründer Julian Dames, der bei Foodora für das Marketing zuständig ist.
Frusterlebnisse zu vermeiden ist ein Ziel. Foodora streicht betei­ligte Gaststätten auch schon mal von der ­Restaurantliste im Internet: etwa zu Stoßzeiten, wenn im Restaurant zu viel los ist und die Küche alle Bestellungen nicht zufriedenstellend erledigen oder geforderte Lieferzeiten nicht einhalten kann.

Die größte Herausforderung für die Start-ups ist, die Lieferqualität der Gerichte zu garantieren. Während die Takeaway-Anbieter Erfahrung darin haben, Pizza, indische Reisgerichte, italienische Nudeln oder auch Sushi so zu verpacken, dass sie auch längere Lieferzeiten überstehen, stehen die Restaurants, mit denen Foodora, Urban Taste und Deliveroo zusammenarbeiten, vor neuen Aufgaben. Den Umgang mit Styropor-, Papp- oder gar Maisbehältern müssen sie noch lernen.

So häufen sich negative Kommen­tare verärgerter Kunden auf den Seiten der neuen Lieferdienste: "Eine Stunde aufs Essen gewartet. Was ankam, war eine einzige ­Sauerei", schreibt etwa Kundin "Sofie" bei Foodora. "Das Thai-Gericht war schlecht verpackt, wodurch die Currysauce komplett auslief und alles durchnässte." Inzwischen kümmert sich Foodora auch um geeignetere Behälter. Food Express setzt auf getrennte Thermo­boxen für kühle und heiße Speisen.

Auch die Auswahl der Restaurant stellt für die Start-ups eine bislang ungewohnte Anforderung dar. Wo Gerichte deutlich mehr kosten, achten die Kunden auf Qualität und Geschmack. Urban Taste sucht daher Köche, die gute Grundlagen verarbeiten und "Freude an tollen Produkten" haben. Hungr, das demnächst mit einer Liefer-App startet, orientiert sich bei der Auswahl potenzieller Gastronomiepartner bei einschlägigen Bewertungsportalen, setzt auf Testbestellungen, aber auch ­Empfehlungen von Kunden und Fans. Bei Foodora dagegen suchen und betreuen Partnership-Manager die Restaurants.

Start-ups müssen viel Überzeugungsarbeit leisten

Noch ein Unterschied zu den etablierten Lieferdiensten: Die Neuen müssen Überzeugungsarbeit leisten. "Verbraucher müssen zunächst ein Bewusstsein dafür ent­wickeln, dass geliefertes Essen auch ein ­besonderes Geschmackserlebnis werden kann", sagt Dominik Hess, ­Kundenbetreuer bei Urban Taste. "Dann sehen wir enorme Potenziale. Allein in Deutschland haben derzeit 80.000 Restaurants keinen Lieferservice." Julian Dames von Foodora ergänzt: "Bisher gab es nur die Möglichkeit, sich Fast Food nach Hause liefern zu lassen. Jetzt wird das auch mit hochwertigem Essen möglich." Ein Mensch mit Geschmack wisse dies zu schätzen.

Die etablierten Lieferdienste üben sich derweil in Gelassenheit. "Wir sind gut in dem, was wir tun, und die Restaurants, mit denen wir zusammenarbeiten, sind es auch", sagt Jitse Groen von Takeaway.com. Ob die neuen Konkurrenten langfristig ­erfolgreich sein können? Groen zweifelt daran: "Der Hype um die neuen Lieferdienste wird sich bald legen und die ­Dinge werden sich normalisieren", sagt er. "Ich habe das Gefühl, dass diese Art von Logistikservice derzeit überbewertet ist."

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