Gastkommentar 27.10.2015, 11:30 Uhr

Ach Mensch, sehr geehrter Herr Prof. Heinemann!

Vergangene Woche warf Gerrit Heinemann, Leiter des eWeb Research Center an der Hochschule Niederrhein, dem bevh Zahlensalat vor. Jetzt reagiert bevh-Hauptgeschäftsführer Christoph Wenk-Fischer.
Christoph Wenk-Fischer versteht die Aufregung um die bevh-Zahlen nicht
(Quelle: bevh)
Warum bleiben Sie nicht bei der Wahrheit? Sie werfen uns vor, wir würden Zahlensalat produzieren und seien auf Anfrage nicht einmal zu klären bereit. Sie wissen, dass das nicht stimmt.
Ihre jüngste Anfrage hat uns nicht direkt, sondern über die INTERNET WORLD Business erreicht. Und wir haben daraufhin ausdrücklich angeboten, uns direkt mit Ihnen und gerne auch gemeinsam mit der IWB dazu auszutauschen. Das wollten Sie aber nicht. Oder besser: Sie wollten es wieder nicht, denn solchen Austausch hatten wir Ihnen ja schon in der Vergangenheit angeboten. Er kam aber leider immer Ihrerseits dann doch nicht zustande. Die Welt im Internetzeitalter ist schnelllebig, Zeit ist knapp, die Experten vielbeschäftigt und Verbände ja ohnehin lahmarschig, ich weiß. Trotzdem hatte ich persönlich Ihnen sogar schon einmal vorgeschlagen, dass wir uns am Flughafen Tegel treffen und damit die Zeit bis zu Ihrem Abflug sinnvoll nutzen. Sie, sehr geehrter Herr Professor Heinemann, waren einverstanden und interessiert, haben aber dann ganz kurzfristig abgesagt. Dennoch zu schreiben, der Verband sei nicht zu klären bereit, ist schon dreist - Chapeau!
 
Erklärt haben wir unsere Zahlen und Methodik schon oft. Auch Ihnen direkt. Telefonate, Blogbeiträge, Pressekonferenzen etc. Wir haben intern und mit externen Experten und auf Zahlengipfeln verschiedene Herangehensweisen beleuchtet. Wenn wir Fehler finden, korrigieren wir diese. Wenn wir optimieren können, tun wir das. Unser Ziel ist es, ein realistisches und nicht tendenziös geprägtes Bild der Branche aufzunehmen und zu vermitteln. Übrigens: Mehr als einmal sind die Zahlen, die manchen inhaltlich vielleicht nicht gefallen, dann später durch weitere externe Veröffentlichungen verifiziert zum Branchenkonsens geworden.
 
Trotzdem nochmals zur Erklärung: Wir machen gemeinsam mit dem renommierten Marktforschungsinstitut G.I.M. eine Verbraucherbefragung. Da wir mit der G.I.M. aufgrund einer modifizierten Methodik arbeiten, sind die Zahlen aus der Zeit davor nicht einfach mit den neueren vergleichbar. Bei unserer Befragung werden das ganze Jahr über 40.000 Konsumenten online und per Telefon zu ihrem Einkaufsverhalten hinsichtlich von Waren und bestimmten Dienstleistungen im Online- und Versandhandel befragt. Oder einfach ausgedrückt: Wir fragen so, wie sich Menschen noch gut erinnern können: "Haben Sie in den letzten sieben Tagen etwas online bestellt? Zurückgeschickt? Wenn bestellt, welches Produkt oder welche Produkte, zu welchem Preis, bei welchem Händler?" etc. Das bedeutet, dass unsere Zahlen grundsätzlich um Retouren bereinigte Brutto-Zahlen sind, denn der Verbraucher rechnet die Mehrwertsteuer nicht raus.
Das Statistische Bundesamt, der HDE und all die anderen, die Händlerbefragungen machen, kommunizieren Nettozahlen. Daher errechnen wir - und das lässt sich nachrechnen - zur besseren Vergleichbarkeit aus unseren Bruttozahlen auch einen Nettowert und das unter Berücksichtigung der für unterschiedliche Warengruppen unterschiedlichen Mehrwertsteuersätze. Ersichtlich ist dies auf dem Anfangschart mit der Übersicht, wo das Gesamtbranchenvolumen von Waren UND Dienstleistungen genannt wird. Auf dem Folgechart geht es dann nur noch um Waren. Ja, das kann man deutlicher sagen und diese Ergänzung nehmen wir künftig ausdrücklich in die Überschrift des Charts auf.

Den klassischen Versandhandel nicht ignorieren

A propos Versandhandel; ja, ja, Versandhandel ist doof, alt, von gestern und stirbt aus, wird behauptet. In unserer Biografie, die 1947 begann, steckt aber auch klassischer Versandhandel - ganz so, wie bei Ihnen, sehr geehrter Herr Professor Heinemann. Und den wollen wir nicht ignorieren oder negieren, denn auch dort werden erhebliche Umsätze gemacht, wenn auch mit sinkender Tendenz. So steht bei unseren Charts immer auch drüber, ob es sich um den Gesamtumsatz im Interaktiven, also Online- und Versandhandel handelt, oder 'nur' um Online-Umsätze. Diese Systematik gilt auch bei den Dienstleistungen, denn zum Beispiel Reisen werden immer noch aus dem Katalog und telefonisch bestellt.
 
Nun zum Mirakel Amazon: Wir als Branchenverband kommunizieren grundsätzlich keine Zahlen zu einzelnen Unternehmen. Wer die haben will, frage die Unternehmen selbst oder lese zum Beispiel die Studie des EHI zu den Top 1.000 im Onlinehandel. Aus Verbrauchersicht ist Amazon übrigens immer Amazon. Wenn wir fragen, wo eingekauft wurde, lautet die Antwort "bei Amazon" unabhängig davon, ob bei Big A selbst oder einem der zahlreichen Plattformhändler bestellt wurde.
 
Und IKEA, H&M & Co.? Diese Umsätze tauchen natürlich in unserer Studie auf und zwar in einer der beiden Kategorien "Herstellerversender" bei eigenem Sortiment oder "Multi Channel Händler" bei gemischtem Sortiment. Das ist anders, als zum Beispiel beim Statistischen Bundesamt, das Umsätze von Multi-Channel-Händlern, wenn diese nicht einen festen Prozentsatz des Gesamtumsatzes ausmachen, komplett dem Bereich Stationärhandel zuschlägt.
 
Na klar, sehr geehrter Herr Professor Heinemann, sind auch wir nicht davor gefeit, Fehler zu machen - shit happens. Deshalb freuen wir uns über Feedback und Anregungen zu unserer Studie und deren Ergebnissen und würden uns sehr gerne auch mit Ihnen direkt dazu austauschen - wenn Sie wollen. Und wenn Sie nicht wollen, können wir das leider auch nicht ändern, schlagen aber vor, dass Sie dann doch bitte eine eigene bessere Studie machen. Dann könnten wir uns vielleicht den Aufwand sparen?
 
Beste Grüße
 
Ihr
Christoph Wenk-Fischer
bevh-Hauptgeschäftsführer



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