Künstliche Intelligenz 11.01.2017, 08:05 Uhr

Investor Westerheide: "Echter Handel bietet Lösungen, keine Waren"

Spracherkennung und Chatbots ziehen in den E-Commerce ein: Sie bilden die Vorhut zur Künstlichen Intelligenz, meint Investor und Seriengründer Fabian Westerheide im Interview.
Investor und Seriengründer Fabian Westerheide
(Quelle: Asgard)
Die Zukunft des Handels ist bereits zu besichtigen: Dort, wo Amazons Echo installiert wurde. Mit dem Lautsprecher zieht das erste Assistenzsystem in die Haushalte ein, das auf Künstlicher Intelligenz basiert und seine Arbeit laufend verbessert. Der Lautsprecher entnimmt Gesprächen in seiner Umgebung oder aber der direkten Ansprache Kaufwünsche und bestellt diese online.
Nach Meinung von Fabian Westerheide ist Amazon Echo nur der Anfang für weitere intelligente und elektronische Systeme im Handel. Im Gespräch skizziert er die nahe Zukunft des Online-Handels, der von Künstlicher Intelligenz und weiterer Automatisiserung geprägt und massiv verändert wird.
Sie bezeichnen Künstliche Intelligenz (KI) als die "letzte Erfindung der Menschheit" - danach kommt nichts mehr Neues?
Fabian Westerheide: Das sehe ich aus mehreren Gründen so. KI hat sehr viel Potenzial und kann entweder die letzte Erfindung der Menschheit sein, weil sie Menschen ersetzt und zur ihrer Selbstzerstörung beiträgt. Oder sie wird uns helfen, ein besseres, gesünderes, längeres Leben zu führen. KI ist dann die erste Erfindung, die selbst erfinden kann. Ich glaube eher an diese Vision, dank KI werden Maschinen bald viele Aufgaben übernehmen und wir können Mensch sein. Wenn wir KI gut einrichten, werden wir bald anders leben als heute, aber Lebensweisen wurden in der Geschichte der Menschheit immer wieder auf den Kopf gestellt.
Der Begriff wird heute inflationär für Bots, Algorithmen, lernende Systeme benutzt - was verstehen Sie darunter?
Westerheide: Chatbots gehören für mich nicht zur KI, dazu gehört mindestens ein selbstlernendes System, außerdem kognitive Elemente. Computer sammeln Daten, geben ihnen Sinn und sind damit in der Lage, sich selbst oder Maschinen zu steuern und sich dabei laufend zu verbessern. Das wird auch als Deeplearning bezeichnet. Damit wird heute bereits bei der Autoproduktion, in der Buchhaltung, beim Kundenservice, in Versicherungen und in vielen anderen Bereichen experimentiert. Wo der Mensch nicht mehr involviert wird in Entscheidungen, setzt nach meinem Begriff KI an. Aber das ist ein weicher Begriff und steht für Lösungen, die wir noch nicht geschaffen haben. Sobald sie gefunden sind, sind sie nur noch Algorithmus und Software und verlieren ihre Magie.
Sie investieren vorzugsweise in KI - wo lohnt sich die sich bereits?
Westerheide: Aus meiner Sicht noch nicht im Kontext Verbraucher, sondern vor allem im B2B-Geschäft, hier vor allem in Abteilungen, die schon sehr stark digitalisiert und automatisiert sind. Das ist zum einen der Bereich Software, und daher ist es kein Wunder, wenn Google, Facebook, Apple, Amazon, Spotify massiv in KI investieren. Andererseits wird KI eingesetzt, wenn es um digitale Angebote geht, dabei fallen viele Daten an. Außerdem kommt KI zum Einsatz, wo teure Maschinen arbeiten, die datenarm und auf spezielle Anforderungen einzurichten sind, also beispielsweise in der Produktion, Logistik, Holz- und Aluminiumverarbeitung, beim Einsatz von Drohnen, Robotern oder U-Booten. Mit Hilfe von KI werden teure, aber eher dumme Maschinen schlau gemacht.

"KI macht Angebote besser, persönlicher, intimer"

Ist KI eine Aufgabe der Konzerne oder kann auch der Mittelstand mithalten?
Westerheide:
Die Konzerne in den USA entwickeln bereits KI, weil sie stark digitalisiert und automatisiert arbeiten. KI gilt hier als logische Fortsetzung der Transformation und hilft, den Wettbewerbsvorsprung massiv auszubauen. Je mehr man KI-Systeme nutzt und mit Daten füttert, umso mehr Vorteile ergeben sich, die die Konkurrenz kaum einholen kann. KI fördert daher die Tendenz zur Monopolisierung. In Europa und Deutschland haben die Unternehmen Nachholbedarf. KI setzt auf der Digitalisierung au,f, jeder Unternehmer sollte also KI in sein Produkt oder Angebot integrieren, besser früher als später.
Versicherungen, Finanzwirtschaft, Autosteuerungen, Medien - es gibt Branchen, die stärker unter Druck geraten. Wo steht der Handel?
Westerheide: Der Handel ist massiv unter Handlungsdruck. E-Commerce ist das älteste digitale Gewerbe. Die Entwicklung in den USA zeigt, dass etwa 80 Prozent des Handels digital abgewickelt werden können. Mit digital meine ich, dass die Leute nicht mehr ins Geschäft gehen, sondern Waren dorthin geliefert werden, wo sie sie brauchen. Dabei hilft KI. Aktuell sehe ich zwei Einsatzbereiche - Kundenservice sowie Fulfillment und Logistik. Für den Kundensupport werden Chatbots oder Dialogsysteme interessant, und zwar in der Beratung oder bei der Suche. Was Outfittery oder Modomoto heute noch mit Menschen machen - persönliche Stylisten beraten Modekäufer - können in Zukunft Computer anhand von Daten aus der Kaufhistorie übernehmen. Ich nenne das Massenindividualisierung, sie wird anfangs durch Menschen unterstützt, aber langfristig steht hinter diesen Prozessen eine Maschine. Im Backend lassen sich viele Versand- und Finanzprozesse automatisieren.
Geht es dabei um Service oder um Effizienz?
Westerheide: In erster Linie um Service. Ich bevorzuge Geschäfte, in denen Verkäufer mich und meine Wünsche kennen. Individuelle Angebote lassen sich durch Chatbots wunderbar online abbilden. Das ist ja nichts anderes als Datenbanken oder Wissen abfragen. Noch steckt dahinter das Gedächtnis eines Verkäufers, aber wenn der die Stelle wechselt, ist das ganze Wissen um Kunden dahin. Mit KI bliebe dieses Wissen erhalten, das System verbessert selbst den Service. KI macht also Angebote besser, persönlicher, intimer.




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