Logistik 30.11.2015, 09:15 Uhr

Versand ins Ausland: Über die Grenzen gehen

Der Versand ins Ausland kann sich für Online-Händler zu einem guten Geschäft entwickeln. Ist die Logistik gut vorbereitet, klappt’s auch mit dem Nachbarn.
Handel mit Paket rund um die Welt
(Quelle: shutterstock.com/Love You )
Die Zahlen sprechen für sich: Mehr als 590 Millionen Menschen in Europa, so hat es die American Marketing Asso­ciation herausgefunden, werden im Jahr 2018 das Internet nutzen. Für den deutschen Internet-Handel versprechen diese Zahlen gute Geschäfte - ist doch jeder Online-Nutzer gleichbedeutend mit einem potenziellen neuen Kunden.
Entsprechend attraktiv ist der Versand ins Ausland. Beliebt sind dabei vor allem Österreich und die Schweiz sowie die Benelux-Staaten und Großbritannien. Frankreich ist zwar aufgrund der Sprachbarriere ­etwas schwieriger, belegte bei einer 2014 vom Logistikdienstleister Hermes durchgeführten Umfrage unter deutschen Shop-Betreibern dennoch den dritten Platz.
Christian Mahler, Mitglied der Geschäftsleitung bei Rhenus Warehousing Solutions, betont: "Die Expansion ins Ausland lohnt sich sehr häufig, allerdings nicht für jedes Unternehmen. Das ist immer stark abhängig von den angebotenen Produkten. Gerade im europäischen Binnenmarkt sind die Chancen aber generell größer als die Risiken." Dementsprechend versuchen immer mehr Online-Händler Kunden aus dem Ausland zu gewinnen.

Chancen und Risiken abwägen

Dennoch muss jeder Händler vor dem Start ins Auslandsgeschäft die Chancen und ­Risiken abwägen. Werden die angebotenen Produkte in anderen Ländern tatsächlich nachgefragt? Sind zusätzliche Versandmengen leistbar? Gleichzeitig sind Online-Händler gut beraten, sich von Beginn an mit den logistischen Anforderungen und den damit verbundenen Herausforderungen zu beschäftigen.
Denn Stolpersteine gibt es viele, Beispiel Großbritannien: Online-Shopper dort sind von britischen Händlern die Lieferung am Folgetag der Bestellung gewohnt, eine garantierte und flächendeckende Next Day Delivery gehört zum absoluten Standard. Kommt die Ware aus dem Ausland, ist es hilfreich, den Käufer explizit auf den längeren Versandweg hinzuweisen, um Frustrationen zu vermeiden.
Generell müssen neben logistischen Herausforderungen wie zum Beispiel der Einhaltung von Lieferzeiten, der Berechnung der Versandkosten und dem Retourenmanagement auch rechtliche Bestimmungen beachtet werden. Dazu zählen das Anfallen von Umsatz- und Verbrauchssteuern, Zollformalitäten oder auch landesspezifische Versand- und Verbraucherrechte (siehe Seite 3).

Passenden Partner finden

Entscheidend für einen funktionierenden Auslandsversand ist ein sorgfältig ausgewählter Partner, der sich im Zielland gut auskennt. Die meisten der großen Logistiker wie Hermes, DPD oder DHL, aber auch Spezialanbieter wie Rhenus Warehouse Solutions, Hellmann E-Commerce oder die Erdt Gruppe bieten Leistungen auch über Landesgrenzen hinaus an. INTERNET WORLD Business hat bei ausgewählten Dienstleistern nachgefragt, welche Besonderheiten für die Länder Großbritannien, Frankreich und Polen zu beachten sind.
Neben den herkömmlichen Absender- und Empfängerangaben ist hier vor allem die Angabe einer Retourenadresse zu nennen, falls die Sendung nicht direkt an den Händler selbst zurückgehen soll.
Hermes und DHL weisen ihre Händler darauf hin, dass im Idealfall auch eine ­E-Mail-Adresse und eine Telefonnummer des Empfängers hinterlegt werden können.
So kann der Versender bei Problemen direkt mit dem Shopping-Kunden Kontakt aufnehmen. Für Polen bietet DHL über den Versandpartner Parcel Europe Zusatzservices an: Gibt der Empfänger seine ­E-Mail-Adresse an, wird er per Mail über den voraussichtlichen Zustelltag informiert. Der Verbraucher kann diesen nach Wunsch verschieben oder eine Zustellung an ­einen Nachbarn veranlassen.

Regeln für Pfund und Zloty

Für die Abrechnung in Nicht-Euro-Ländern wie Großbritannien oder Polen verlangen manche Dienstleister wie etwa Rhenus Warehousing Solutions Angaben zu den gewünschten Zahlungsmodalitäten in britischen Pfund oder polnischen Zloty. Nach Angaben der Erdt Gruppe müssen für den Versand nach Polen für etliche Produktgruppen Qualitätszertifikate vorgelegt werden, etwa für Medikamente. Auch für Waren, die direkt in Kontakt zum menschlichen Körper oder zu Lebensmitteln kommen - etwa Kosmetika oder Besteck -, muss ein Attest vorgelegt werden.
Patrick Marquard, Business Analyst bei Hellmann E-Commerce: "Der Versand innerhalb der EU ist nicht besonders schwierig. Zu beachten sind die Marktanforderungen in den Zielländern und die Optimierung der Lieferoptionen zugunsten von Laufzeit- und Kostenoptimierungen"
(Quelle: www.hellmann.net)
Die Kosten für den Versand liegen im Schnitt bei acht bis 20 Euro, je nach Gewicht und Bestimmungsort. Etliche Dienstleister, darunter DHL, geben keine allgemeinen Preise bekannt, da sie individuell verhandelbar sind. Wegen der vielen zugehörigen Inseln gibt es beim Versand nach Großbritannien oftmals Insel­zuschläge. Das Gleiche gilt für Frankreich, wo teilweise auch Sonderkosten wegen der Überseegebiete anfallen. 

Versanddauer, Kosten und Retourenlabels

Die Versanddauer liegt im Durchschnitt bei zwei bis drei Tagen, wobei Pakete nach Großbritannien tendenziell etwas länger, nach Polen hingegen etwas kürzer unterwegs sind. Wichtig ist zudem, die Retourenkosten genau durchzurechnen. Denn bei einem geringen Warenwert lohnt sich der teure Rücktransport und die Aufbereitung nicht ­immer. Nach Angaben der Erdt Gruppe liegen die Kosten für den Rückversand der Retoure im Schnitt bei elf Euro.
Die Retourenlabels können meist wie gewohnt entweder vom Händler selbst ­erstellt und dem Paket beigelegt oder auf Anfrage per E-Mail an den Online-Shopper geschickt werden. Oder der Endkunde lädt das Retourenlabel über die Webseite des jeweiligen Dienstleisters herunter.
Bei einigen Dienstleistern wie Hermes und DHL unterscheidet sich die weitere Abwicklung der Rücksendung nicht vom Prozess bei innerdeutschen Retouren.  Andere, etwa Hellmann E-Commerce oder Rhenus Warehouse Solutions, bieten Händlern sowohl ein zentrales als auch ein dezentrales Retourenmanagement an. Beim zentralen Retourenmanagement geht die Ware zurück an den Zentrallagerstandort des Dienstleisters in Deutschland und wird dort auch aufbereitet.

Retouren bleiben vor Ort

Bei der dezentralen Retouren­abwicklung werden Retouren nicht einzeln beispielsweise aus Frankreich zum Zentrallager oder zum Händler zurückgeschickt, sondern vom Dienstleister an seinem Standort in Frankreich gesammelt und dann gebündelt nach Deutschland zurückgebracht. Alternativ kann die Ware nicht nur dezentral gesammelt, sondern auch vor Ort wieder aufbereitet und gleich von dort aus wieder an den Shopping-Kunden verschickt werden. Dadurch entfällt der teure Rücktransport nach Deutschland.
Ob der Händler die Kosten an seine Kunden weiterreicht oder übernimmt, bleibt ihm auch beim Versand nach Frankreich, Polen und Großbritannien selbst überlassen. Er kann sie natürlich in den Produktpreis oder in der Versandkostenpauschale einpreisen. Trägt der Händler die Kosten nicht, muss er in seinen ABG darauf hinweisen, dass die Rücksendekosten auf den Kunden zukommen.

Rechtliche Besonderheiten beim Auslandsversand

Rechtswahl
Ein Online-Händler, dessen Angebote sich auch an Verbraucher im Ausland richten, darf in seinen AGB nicht ohne Weiteres die Rechtswahlklauseln "Diese Vertragsbedingungen unterliegen deutschem Recht" verwenden (Oberlandesgericht Oldenburg, Beschluss vom 23.09.2014, Az.: 6 U 113/14). Das heißt nicht, dass die Klausel "Es gilt deutsches Recht" stets unzulässig ist. In den AGB muss aber zusätzlich der Hinweis erfolgen, dass für den Verbraucher günstigere nationale Bestimmungen davon nicht ­berührt werden.

Gewährleistungsrecht
Die meisten Online-Händler werden sich für die Geltung des deutschen Rechts entscheiden. Das darf aber nicht dazu führen, dass dem (polnischen, französischen oder britischen)  Verbraucher Rechte abgeschnitten werden, die im Heimatland günstiger für ihn sind (AGB, s. o.). So gilt etwa für polnische Verbraucher eine Beweislastumkehr von einem Jahr. Dies bedeutet in der Praxis, dass zugunsten der polnischen Verbraucher bei einem Mangel am Kaufgegenstand ein Jahr lang vermutet wird, dass dieser bereits bei der Lieferung mangelhaft war. In Frankreich kann sich der Verbraucher sogar zwei Jahre auf diese Vermutung berufen. Im Vereinigten Königreich gibt es zwei verschiedene Verjährungsfristen: sechs Jahre in England, Wales und Nordirland, fünf Jahre in Schottland.

Versandkosten
Online-Händler sind verpflichtet, alle Transportkosten in die von ihnen belieferten Länder anzugeben. Zumindest innerhalb der EU wird dies von Online-Händlern erwartet (Kammergericht Berlin, Beschluss vom 02.10.2015, Az.: 5 W 196/15).

Steuern
Händler, die grenzüberschreitend handeln, benötigen eine Umsatzsteuer-ID (nicht Steuernummer), die vom Finanzamt ausgestellt wird. Ist diese erteilt, ­besteht die Pflicht zur Angabe im Impressum des Online-Shops. Ein weiterer kritischer Punkt ist die Frage nach der Steuerpflicht. Innerhalb der EU gelten unterschiedliche Steuersätze beim Verkauf von Waren. Bei der Berechnung der Höhe und der Definition des Landes, an das diese Umsatzsteuer zu zahlen ist, gibt es beim grenzüberschreitenden Versandhandel jedoch einige Besonderheiten, die sogenannte "Versandhandelsregelung". Sie besagt, dass die Umsatzsteuer an Privatpersonen innerhalb der EU im Land des Empfängers zu besteuern ist, also dort, wo die Versendung endet. Diese Regelung greift jedoch erst, wenn im laufenden Jahr oder im Vorjahr eine bestimmte Liefermengenschwelle des Ziellandes überschritten wurde.

Verpackungsverordnung
Versenden Händler Produkte an ausländische Kunden, fällt auch im jeweiligen Zielland Verpackungsmüll an. Entsprechende Lizenzierungspflichten - wie in Deutschland aus der Verpackungsverordnung - gibt es auch in Polen, Frankreich und UK. Länderspezifische Informationen dazu sind auf der Seite
http://www.pro-e.org/index.html zu finden. Dort werden auch nationale Ansprechpartner genannt. Einige deutsche Dienstleister bieten ebenfalls bereits Hilfe bei der Lizenzierung im Ausland an.
Quelle: Händlerbund



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