Innovation im Versand 13.06.2019, 14:38 Uhr

Nachhaltige Verpackungen im E-Commerce

Verpackungen aus Pilzgeflecht oder Pflanzenfasern sind nachhaltig und innovativ. Doch welche Konzepte eignen sich für den Online-Handel?
(Quelle: shutterstock.com/Laymanzoom)
Nachhaltige Verpackungen treffen den Zeitgeist: Fast die Hälfte der Bürger in Deutschland betrachtet sich als Teil der Konsumgesellschaft und damit als hauptverantwortlich für den Plastikmüll in den Ozeanen. Das ergab eine Umfrage zum Deutschen Verpackungskongress 2019. Eine Konsequenz daraus ist, dass knapp ein Drittel der befragten Konsumenten mehr unverpackte Produkte kaufen und weniger im Versandhandel erwerben will.
Nach einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Kantar Emnid im Auftrag des Verbands der Wellpappen-Industrie legen Verbraucher Wert auf recycelbare Verpackungen, die sich unkompliziert entsorgen lassen: 93 Prozent von ihnen wünschen sich Verpackungen, die sich gut recyceln lassen. Und sie "erwarten, dass sie nur aus einem Material" bestehen, sagt ­Oliver Krieg, Senior Director von Kantar Emnid und Leiter der Studie.
Eine höhere Recyclingquote als bisher soll auch mit dem Verpackungsgesetz erreicht werden, das am 1. Januar 2019 in Kraft trat. Online-Händler müssen ihre Verpackungen registrieren und sich an einem dualen System zur Entsorgung beteiligen.

Online-Handel hat großen Nachholbedarf

Der Gesetzgeber fordert es und auch die Verbraucher wollen es: Shop-Betreiber sind also gut beraten, wenn sie ihre Ware so verpacken, dass die Umwelt möglichst wenig belastet wird. Doch hier besteht ­offenbar noch Nachholbedarf. Nach der Logistik-Studie des Händlerbunds haben weit weniger als die Hälfte, nämlich 38 Prozent von 513 befragten Online-Händlern, bereits nachhaltigere Verpackungen eingeführt.
Nachhaltige Verpackungen bestehen zum Beispiel aus weniger Material, verbrauchen bei der Herstellung wenig Energie und können umweltfreundlich entsorgt oder gar wiederverwendet werden.
Eine Möglichkeit, die Umwelt zu schonen, sind natürliche, biologisch abbaubare Verpackungsmaterialien aus nachwachsenden Rohstoffen. Bei der Entwicklung ­innovativer Verpackungsmaterialien werden zuweilen ungewöhnliche Wege ­beschritten: So experimentiert das US-amerikanische Unternehmen Ecovative Design mit dem Myzel von Pilzen. Die ­fadenförmigen Pilzzellen wachsen in eine vorgefertigte Form hinein und bilden ­dadurch die Verpackung.

Kompostierbare Verpackung aus Pflanzenfasern

Das Start-up Bio-Lutions aus Hamburg stellt kompostierbare Verpackungen aus Pflanzenfasern her, die bei der Ernte übrig bleiben. Tomaten etwa können in einer Schale aus Resten der Tomatenpflanze verpackt werden. Bioverpackungen für den ­E-Commerce hält das Unternehmen zwar für "perspektivisch möglich", im Moment konzentriert sich das Start-up aber auf Schalenverpackungen und Wegwerfgeschirr.
Weniger ausgefallen, dafür aber E-Commerce-tauglich, sind die Produkte von Storopack. Für Online-Händler bietet der Verpackungshersteller aus Metzingen zum Beispiel Papierpolster zum Ausfüllen von Hohlräumen an. Storopack verwendet unter anderem Papier, das zur Hälfte aus sonnengetrocknetem Gras besteht. Das wächst auf der Schwäbischen Alb, nicht weit von den Papierfabriken in Metzingen und Lenningen. Im Vergleich zu Holzfasern kann mit Gras ein Großteil an Wasser und Energie bei der Produktion eingespart werden, heißt es aus dem Unternehmen.

An der Materialmenge sparen

Ein anderer Weg zu mehr Nachhaltigkeit ist, an der Materialmenge selbst zu sparen. Das Berliner Start-up Marley Spoon versendet seine Kochboxen in Kartons aus 100 Prozent recyceltem Material. Seit April verwendet das Unternehmen Kartons mit einer veränderten Struktur. "Für die alte Box wurde eine speziell für Marley Spoon angefertigte Struktur genutzt, für die in der Produktion allerdings sehr viel mehr Wellpappe gebraucht wurde. Wir sind nun auf ein Standarddesign ­umgestiegen, für das weniger Kartonage benötigt wird", sagt Miles Zornig, PR-Manager von Marley Spoon. Durch diese Optimierung konnte das Start-up das Gewicht der Kartons um 27 Prozent reduzieren und will bis Jahresende insgesamt 23 Tonnen Kartonage einsparen. Belastungstests bescheinigten den neuen Kartons sogar eine höhere Robustheit, berichtet Zornig.
eLogistics World Conference
Aktuelle Trends bei Verpackung und Versand im E-Commerce sind auch Thema auf der eLogistics World Conference am 16. und 17. Juli in München. Als Speakerin mit dabei ist unter anderem Hilka Bergmann, Leiterin Forschungsbereich Verpackung und Versand beim EHI Retail Institute e. V.
Quelle: Ebner Media Group

Rückführung von Verpackungen aus Papier und Kunststoff

Wie Marley Spoon versenden auch andere Online-Händler ihre Ware in Verpackungen aus recyceltem Material. Bei Zalando etwa bestehen die Pakete ebenfalls zu 100 Prozent aus Recyclingmaterialien. ­Recycling ist ein Lösungsansatz aus der Kreislaufwirtschaft, auch Circular Economy genannt. Die Kreislaufwirtschaft zielt darauf ab, eingesetzte Rohstoffe länger und häufiger zu nutzen und den Produktlebenszyklus zu verlängern. Das kann zum Beispiel durch Recycling geschehen oder durch Upcycling, bei dem Abfälle oder nutzlose Produkte in neuwertige Produkte umgewandelt werden. Auch das Teilen von Produkten - Stichwort: Sharing Economy - und die Wiederverwendung durch Mehrwegsysteme gehören dazu.

Polybeutel einfach zurückschicken

Mit Mehrwegverpackungen will das finnische Start-up Repack die Verpackungsflut im Online-Handel eindämmen und zugleich die Kundenbindung optimieren. Die Beutel von Repack sind in erster Linie für den Fashion-Versand gedacht. Sie bestehen aus recyceltem Polypropylen und sollen mindestens 20 Bestellzyklen aushalten. Kunden können den leeren Versandbeutel einfach zusammenfalten und in den nächsten Briefkasten einwerfen. Für die - im Übrigen kostenlose - Rücksendung gibt es eine Belohnung in Form eines Einkaufsgutscheins. Die Rücksendungen werden in Behindertenwerkstätten bearbeitet.
Der Verpackungshersteller Karopack hingegen verarbeitet Altpapier zu Polsterkissen. Das klingt erst einmal unspektakulär, doch dahinter steckt ein interessantes Geschäftsmodell: Das Unternehmen aus Kirchardt in Baden-Württemberg stellt seinen Kunden eigene Altpapiercontainer zur Verfügung. Die darin gesammelten Karton- und Papierabfälle werden von Karopack abgeholt, geschreddert und in reißfeste Papierbeutel gepackt. Die Papierbeutel werden wieder zu den Kunden geliefert, die sie dann als Füllmaterial für den Versand benutzen. Auf der Rückfahrt nimmt Karopack das zwischenzeitlich ­angefallene Altpapier wieder mit, und so schließt sich der Kreis. Derzeit ist Karopack an acht Standorten in Deutschland vertreten. Die Produktion erfolgt CO2-neutral.

Mehrweg auch bei Versand-Verpackungen

Was man aus dem Getränkemarkt schon seit Jahren kennt, setzt sich vielleicht irgendwann auch im Online-Handel durch: Konkrete Pläne gibt es zwar noch nicht, doch sowohl bei Zalando als auch bei Otto beschäftigt man sich mit dem Thema Mehrwegverpackungen. Die Verbraucher jedenfalls scheinen dem Ganzen aufgeschlossen gegenüber zu stehen. Wie eine Befragung der Unternehmensberatung PWC ergab, sind drei Viertel offen für ein Mehrwegsystem bei Versandverpackungen. Sieben von zehn ­Befragten würden dafür sogar ein Pfand von durchschnittlich 2,49 Euro bezahlen.



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