Neues Logistik-Zentrum 20.03.2018, 10:01 Uhr

Dirk Rahn von Hermes: "Logistik heißt immer auch Konsolidierung"

Das Wachstum des E-Commerce bringt die Logistik an ihre Grenzen. Gefragt sind neue Ideen und Mut zu unpopulären Maßnahmen - nicht nur von den Logistikern, sondern auch von der Politik und dem Handel.
Dirk Rahn, Geschäftsführer Operations Hermes Germany
(Quelle: Hermes )
Der Ort Graben bei Augsburg ist ­bekannt durch das Auslieferungslager von Amazon. Nun hat Hermes dort das vierte von insgesamt neun neuen Logistikzentren eröffnet. Wir sprachen mit Dirk Rahn, ­Geschäftsführer Operations Hermes Germany, über Herausforderungen wie die Skalierbarkeit der Logistik, Fahrermangel und höhere Preise

Wie wichtig war bei Wahl des Standorts in Graben die Nähe zu Amazon?
Dirk Rahn: Die Nähe zu unseren Auftraggebern ist immer wichtig. Und Amazon ist natürlich ein großer Auftraggeber. Dennoch war das hier nicht der ausschlag­gebende Punkt. Wir müssen immer die Balance finden zwischen der Nähe zu ­unseren Auftraggebern und der Nähe zu unserer Endkundschaft, die wir beliefern. ­Zusätzlich spielen Faktoren wie die infrastrukturelle Anbindung an das Straßennetz, die Bereitschaft der Kommune, einen Logistikdienstleister anzusiedeln, und der lokale Arbeitsmarkt eine wichtige Rolle.

Ihr Wettbewerber DHL hat in Graben eine direkte Anbindung an das Amazon-Lager. Hat Hermes auch so eine Verbindung?
Rahn: Nein, eine solche Anbindung war rein örtlich nicht machbar. Aber wenn Amazon Pakete über uns distribuieren möchte, könnten wir sie mit dem Lkw hierher shutteln und sortieren. Das wäre kein Problem.

Sie sprechen im Konjunktiv. Heißt das, Sie haben noch keinen Auftrag von Amazon für den Standort Graben?
Rahn: Nein, im Moment noch nicht. Wir ­arbeiten ja schon lange mit Amazon zusammen und übernehmen auch Direkttransporte in Graben. Falls Amazon künftig auch Sortierleistung hier in Graben benötigt, stehen wir natürlich zur Verfügung. Aber das hängt von den Planungen von Amazon ab.
Hermes will bis 2020 rund 300 Millionen Euro in neun neue Logistikzentren investieren. Wie stemmen Sie diese Investitionen?
Rahn: Hinter diesen Investitionen steht ein Masterplan mit einer groß angelegten Restrukturierung, das heißt, wir setzen künftig auf weniger, dafür aber größere Standorte. Logistik heißt immer auch Konsolidierung. Wir müssen versuchen, so viel zu verdichten und zu bündeln wie möglich, um möglichst niedrige Produk­tionskosten zu erreichen. Zum anderen stemmen wir das Investitionsvolumen sehr stark aus der Otto-Gruppe heraus, wo wir mit der ECE einen starken Partner an unserer Seite haben.

Welche Aufgaben übernimmt die ECE Projektmanagement GmbH konkret?

Rahn: Die ECE ist ein Schwesterunternehmen der Otto-Gruppe. Sie hat sich unter anderem auf die Entwicklung und den Bau von Gewerbeimmobilien spezialisiert und ist für alle unsere neuen Logistikzentren verantwortlich. Als Partner sucht die ECE für uns nach Standorten, kauft die Grundstücke und finanziert den kompletten Bau. Wir als Hermes mieten diese Gebäude langfristig an und statten sie innen mit ­unserer eigenen Logistiktechnik aus. Das ist unsere Investition. Die ECE ihrerseits hat unlängst sechs unserer Logistikzentren mit uns als Mieter an den Investor Fraser Property Investments Euope verkauft.

Welche Vorteile hat Hermes von einem solchen Konstrukt?

Rahn: Der größte Vorteil ist, dass wir nicht Hunderte Millionen Euro direkt investieren müssen. Als Mieter haben wir über 15 ­Jahre gestreckt monatliche laufende Kosten, die wir an die ECE oder jetzt an den Investor bezahlen. Wir selbst investieren lediglich in die Sortieranlagen in den Gebäuden.

"Neue Produkte - die Königsdisziplin der Digitalisierung"

Sie sagten, niedrige Produktionskosten sind immer ein Ziel. Welche Rolle spielt dabei künstliche Intelligenz?
Rahn: Das spielt eine sehr große Rolle. Auch wir bündeln alle Informationen, die wir zu Paketen bekommen können, in ­einen großen Zentralrechner. Wenn man mit klugen Algorithmen und schnellen Prozessoren arbeitet, ist es unglaublich, was man mit diesen Daten alles machen kann. Uns sind bei dieser Digitalisierung zwei Dinge besonders wichtig: Das eine ist das Optimieren von Prozessen, um Effizienz zu steigern und Kosten zu senken. Nur dadurch entsteht der Gewinn, den ich für neue ­Investitionen brauche. Das Zweite ist, aus all diesen Daten neue Produkte und Mehrwerte für die Kunden zu schaffen, die sich monetarisieren lassen - und das vielleicht sogar mit Vorsprung gegenüber dem Wettbewerb. Das ist aus meiner Sicht die eigentliche Königsdisziplin der Digitalisierung.

Können Sie mir ein Beispiel nennen?
Rahn:
Ein Beispiel ist die Analyse von ­Daten zum Ermitteln und Prognostizieren von sinnvollen Standorten von Paket-Shops. Ein anderes ist das Erarbeiten möglichst effizienter Zustellrouten, indem Sie über die Datenanalyse und selbstlernende Algorithmen herausfinden, wann und wo mit großer Wahrscheinlichkeit jemand zu Hause ist, um ein Paket anzunehmen.

Ist das noch Zukunftsmusik oder setzen Sie solche Analysen heute schon ein?
Rahn: Wir testen solche Dinge in räumlich begrenzten Zellen und wenn sie ausroll­bereit sind, dehnen wir die Nutzung auf die Fläche aus. Die Optimierung der Zustellrouten auf Basis einer intelligenten Verwendung unserer Daten beispielsweise steht kurz vor dem bundesweiten Einsatz. Auch bei der Prognose, wann wie viele Lastwagen an einem Standort eintreffen werden, inklusive Verkehrsbehinderungen und Staus, setzen wir schon künstliche Intelligenz ein, um zur richtigen Zeit über die nötigen Kapazitäten zum Entladen zu verfügen. Das ist ­also keine Zukunftsmusik mehr.




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