Stefan Weitz von Bing 25.02.2014, 09:16 Uhr

"Explosion von neuen Devices"

Stefan Weitz, der Search-Vordenker von Microsoft, wagt für die INTERNET WORLD Business einen Blick in eine Zukunft mit Cloud Computing und billiger Hardware.
Stefan Weitz: Als Director Search erforscht und entwickelt der US-Amerikaner Suchtechnologien der Zukunft für die Microsoft-Suchmaschine Bing
Stefan Weitz, Director of Search bei Bing/Microsoft, gilt als einer der wichtigsten Hoffnungsträger für die Zukunft des Softwarekonzerns. Weitz, der auf eine 15-jährige Laufbahn bei Microsoft zurückblickt, leitet die Entwicklung der Suchmaschine Bing, forscht zu neuen Trends im Bereich Informationsverarbeitung und -recherche und bezeichnet sich selbst als "Gadget Junkie". Den Kongress der Internet World 2014 eröffnete er mit einer Keynote zum Thema "Kontextuelle Suche im Zeitalter von Wearable Computers".
Sie entwerfen eine Zukunft, in der Menschen ganz selbstverständlich "Wearable Computers" am Körper tragen, die über Sensoren verfügen und mit dem Internet quasi verschmelzen. Wo geht die Reise hin?

Stefan Weitz: Seit den Tagen des Großrechners ENIAC, der 1946 zwei Räume füllte, hat sich viel getan. Es ist nichts Neues, dass immer kleinere, leistungsfähigere, preisgünstigere Computer auf den Markt kamen, doch interessant sind die Auswirkungen dieser Entwicklung auf die Software-Industrie.
Inwiefern?

Weitz: Blicken wir nur sechs, sieben Jahre zurück, so ist es heute viel billiger, ein Software-Unternehmen zu gründen. Früher musste man Server und viel Equipment kaufen, heute senkt die Verbreitung von preisgünstigen Cloud Services die Kosten für den Aufbau eines Software-Unternehmens dramatisch. Und dasselbe passiert auf dem Hardwaresektor. Da gibt es einen Anbieter, der kleine Sensoren verkauft, mit denen ich zum Beispiel mit dem Smartphone meinen Schlüsselbund wiederfinden kann, wenn ich ihn verloren habe – was mir mindestens einmal pro Tag ­passiert. Dahinter steckt eine ganz kleine Firma, und der Aufwand in Sachen Minia­turisierung, Fertigung und Logistik, der für dieses Produkt nötig war, hätte noch vor fünf Jahren die Ressourcen einer solchen ­Firma überstiegen. Doch die heutigen Möglichkeiten angefangen von einer Finanzierung via Kickstarter über den Einsatz von 3-D-Printern für die Prototypen bis zur Fertigung in China eröffnen ganz neue Perspektiven.
Was erwarten Sie konkret?

Weitz: Die Kostenkurve für die Entwicklung von Hardware wird den gleichen Weg gehen, den die für Software schon ­genommen hat, und das alles mündet - ­positiv gesprochen - in einer Explosion von neuen Devices: Geräte, die mit dem Internet verbunden sind, mit denen ich ­reden kann und die mit anderen Produkten kommunizieren. Fachleute rechnen in den nächsten Jahren mit 9 bis 15 Milliarden dieser Devices auf der Welt. Und das halte ich noch für untertrieben. Wenn man ­allein sieht, dass in den USA und vielen anderen Ländern heute die Versorgung mit Mobilfunkverträgen bei über 100 Prozent liegt, dann haben wir jetzt schon über vier Milliarden Mobiltelefone auf derWelt. Und eine Supermarktkette in England hat gerade an einem Wochenende 300.000 billige Android Tablets verkauft.
Google Glass, Smartwatches oder ein Aktivitätssensor wie das Fuel Band von Nike – die Gadgets kommen dem Menschen immer näher. Sie werden ein Teil von ihm. Wo ­sehen Sie die Chancen und Risiken dieser Entwicklung?

Weitz: Bereits bei der Einführung von Taschenrechnern warnten Kritiker davor, dass sie menschliche Fähigkeiten ersetzen könnten. Mit den heutigen Devices ­bekommen wir fast schon Superkräfte, die zuvor unmöglich erschienen. Das kann ­eine Google Glass sein oder eine Uhr, die den Träger dezent an etwas erinnert, was er wissen sollte. Der Nachteil: Viele Menschen haben einfach nicht die Mittel, um an dieser Entwicklung teilhaben zu können. Es öffnet sich also eine Schere zwischen ­denen mit und denen ­ohne ­Superkräfte.  
Glauben Sie, dass diese Schere in Zukunft größer oder kleiner wird?

Weitz: Das ist schwer zu sagen. Es gibt auch heute noch so viele fundamentale Probleme zu lösen auf der Welt, sei es der Zugang zu Trinkwasser oder auch nur der zu Moskitonetzen.
Angeblich hat der größte Teil der Menschheit noch nie ein Telefongespräch geführt ...

Weitz: Ja, und Milliarden von Menschen brauchen Zugang zu sauberem Wasser. Wenn die die Wahl haben zwischen einem Smartphone und Trinkwasser, dann ist das Wasser wichtiger. Das sollten wir nie vergessen, wenn wir über solche Dinge reden.

Zurück zur westlichen Welt. Welche Auswirkungen könnten die von Ihnen skizzierten Entwicklungen auf E-Commerce und Online Marketing haben?

Weitz: Gestern abend habe ich mir in Dublin ein Projekt angesehen. Da hat ein 16-Jähriger mit einem Raspberry Pi in nur neun Stunden eine simple Methode entwickelt, wie Läden mit Passanten schnell  über deren Handys Kontakt aufnehmen können, um ihnen Verkaufsangebote zu machen. Wir ­reden seit Jahren darüber, wie Starbucks das mit seinen Kunden machen könnte, und ein 16-Jähriger mit einem 35-Dollar-Computer setzt sich hin und macht es einfach. Ich weigere mich vorherzusagen, was durch den Zugang zu billiger Hardware und Cloud Services alles möglich wird.
Werden die Services der Zukunft kostenlos sein?

Weitz: Wie wir alle wissen, ist nichts wirklich kostenlos. Es ist ein Tauschgeschäft: Ich ­gebe dir etwas von mir, dafür darf ich deinen Dienst gebührenfrei nutzen. Es gibt Beispiele wie Whatsapp, hier ­werden den Nutzern kleine Geldbeträge berechnet. Auch wir bei Microsoft leben davon, unsere Software zu verkaufen und nicht gratis zu verteilen. Ich denke, die Leute werden zunehmend ein Gespür dafür bekommen, was sie für kostenlose Dienste geben müssen, und es wird eine Veränderung geben.  Die Leute werden vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse mehr darüber nachdenken, wie sie mit ihren Daten umgehen.
Als ich ein Kind war, versprach man mir ­eine Schreibmaschine, die meine Stimme verstehen könnte. Und bis heute ist eine Wettervorhersage über mehr als sieben ­Tage eine unsichere Sache. Stoßen wir an Grenzen für die technische Entwicklung?

Weitz: Als jemand, der mit Science Fiction aufwuchs, hielt ich immer grundsätzlich alles für möglich - und dennoch ist es gut, trotz Wetterbericht für alle Fälle einen Mantel dabeizuhaben. Wenn man sich mit Wetterphänomenen und Chaostheorie ­befasst, sieht man, dass wir für eine langfristige Wettervorhersage einfach noch nicht genug wissen. Doch selbst lernende Maschinen sind inzwischen an einem Punkt angekommen, der die menschlichen Fähigkeiten überschreitet zu verstehen, warum Maschinen bestimmte Entscheidungen treffen. Dass Ihr Computer heute Ihre Stimme noch immer nicht richtig versteht, mag am schlechten Mikrofon liegen, an Ihrer Aussprache oder an semantischen Problemen. Doch auch hier gab es allein in den letzten drei Jahren dramatische Fortschritte. Ich glaube: Die technischen Möglichkeiten sind nahezu grenzenlos.



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