Co-Founder finletter 28.09.2017, 10:01 Uhr

Carolin Neumann: "Fintech ist keine Frage von Hype oder Potenzial"

Der Trendbegriff Fintech vereint die digitale Start-up-Szene mit der Bankenbranche. Dass es dabei nicht nur um irgendwelche Payment Apps geht, erklärt Carolin Neumann, Co-Founder von finletter.
Carolin Neumann, Co-Founder von finletter sowie Mitgründerin des Branchennetzwerks Digital Media Women
(Quelle: Rieka Anscheit)
Fintech ist ein Hype-Begriff im Start-up-Wesen, böse Zungen sehen darin oft aber nicht mehr als Payment-Apps, die sich eh nie durchsetzen werden. Wie viel Potenzial steckt wirklich dahinter?
Carolin Neumann: Na ja, das sind ja zwei Dinge. Zum einen ist Fintech mehr als irgendwelche Payment-Apps. Für mich umfasst der Begriff längst alles, was mit der Digitalisierung des Bankenwesens zu tun hat - und nicht nur Produkte von Start-ups. Und zum anderen sollten die bösen Zungen dann mal in andere Länder als Deutschland schauen. Hierzulande mag zum Beispiel Mobile Payment immer noch in den Babyschuhen stecken, aber auf dem asiatischen Markt beispielsweise geht das so ab, dass Alipay schon Deals in der EU macht, um chinesischen Reisenden auch im Ausland ihre gewohnten Bezahlmodelle anzubieten. Und in Dänemark ist die Bezahl-App "MobilePay" auf 90 Prozent aller Smartphones installiert, eine beeindruckende Reichweite. Es steckt also jede Menge Potenzial zum Beispiel in Mobile Payment. Und Fintech insgesamt ist keine Frage von Hype oder Potenzial, sondern schlicht von Fakt: Die Digitalisierung des Finanzwesens von simplen Banking-Apps bis zu Robo- und AI-gesteuerten Portfolios ist nichts, das wieder weggeht.

Wo liegen hier in Deutschland die aktuellen Trends - auch im internationalen Vergleich?
Neumann: Wo gerade richtig viel passiert ist der Bereich Robo Advice. In unserer aktuellen Niedrigzinsumgebung macht diese Automatisierung ganz neue Sparprodukte möglich. Da geht es um kleine Summen, mit denen man einen Finanzberater nicht hinterm Ofen hervorlocken könnte. Im internationalen Vergleich sind wir da allerdings noch hinterher. In den USA beispielsweise ist das Volumen deutlich höher. Aber wie wichtig der Markt auch in Deutschland schon ist, zeigt sich allein daran, dass nicht nur Fintech-Unternehmen, sondern auch traditionelle Institute wie die Wüstenrot in dem Segment unterwegs sind. Und dann wäre da noch der Negativtrend, nämlich das Festhalten am Bargeld. Es ist so wahr wie klischeehaft: Die Deutschen lieben es und deswegen dauert hierzulande auch alles etwas länger in Sachen Fintech.

Dass die Digitalbranche zu Männer-lastig ist, ist bekannt. Sie sagen: Auch der Fintech-Branche fehlen Frauen. Ist das ein allgemeines Start-up-Problem oder liegt es doch an einer Scheu vor den Themen Finanzen und Technik?
Neumann: Not trifft Elend - in der Start-up-Branche gibt es wenige Frauen, im Bereich Finanzen und Technik auch - und wo das zusammen kommt, ist die Quote halt noch niedriger. Nicht zuletzt ist es ein Problem der Sichtbarkeit. In der Fintech-Branche arbeiten ja schon eher Frauen, aber halt wie so oft eher im Bereich Kommunikation. Und der ist zwar - siehe Pressesprecherin - durchaus exponiert, aber auf Bühnen oder vor die Kameras treten dann eben doch wieder die meist männlichen Chefs.

Ein ebenso oft gehörtes Vorurteil: Frauen haben ein "Netzwerk-Problem". Sie sind schlecht in der Selbstvermarktung und weniger selbstbewusst wie Männer. Ist das auch Ihre Erfahrung?
Neumann: Frauen netzwerken anders als Männer, so viel ist klar. Sie trommeln in der Regel nicht so laut, stellen ihr Licht unter den Scheffel und halten sich zurück, wo der Mann längst auf den Putz haut, egal, wie viel Erfahrung er in einer Sache tatsächlich hat. Das macht Frauen nicht grundsätzlich schlecht in der Selbstvermarktung. Aber der Maßstab, an dem sie sich in dieser Business-Welt messen lassen müssen, ist leider immer noch männlich. Das kann man schlecht finden, ist aber nun mal so. Und in dieser Welt ist es für Frauen eben schwieriger, gesehen zu werden.
Wie sehen hier Lösungsansätze aus? Genügen Events und Veranstaltungen auf denen man auf die ungleiche Verteilung hinweist oder braucht es mehr?
Neumann: Damit sich wirklich was verändert, braucht es einen Kulturwandel: vom männerdominierten Wirtschaftsleben zu einem neuen Umgang miteinander. Bis wir da angekommen sind, dauert es wohl noch ein paar Jahrzehnte. Die Zauberworte lauten Vorbilder und Mentorinnen! Ob im Studium, im ersten Job oder auch im privaten Umfeld: Wenn ich andere Frauen sehe, die sich beruflich entfalten und gut vernetzt sind, dann weiß ich, dass es auch für mich möglich ist. Wenn das dann noch Frauen sind, die nach vorne kommen, ohne dafür Eigenschaften der Männerwelt imitieren zu müssen, umso besser.
Das Thema Fintech wird auch am 9. November auf der Fintech Week Hamburg diskutiert, bei "Fintech Stories" etwa berichten vier einflussreiche Frauen aus der Fintech-Szene über ihren Weg in die Branche und geben Tipps und Erfahrungen.



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