Expert Insights 31.01.2018, 08:11 Uhr

Sprachassistenten: Auf dem Weg zum zweigeteilten Markt?

Der Markt für Sprachassistenten vollzieht gerade die Entwicklung nach, die wir von den Mobile-Betriebssystemen kennen. Das Ergebnis dort: Aus einer Vielzahl von Angeboten haben sich mit iOS und Android nur zwei Konkurrenten behauptet und dominieren die Branche.
Mathias Reinhardt, Managing Partner bei UDG United Digital Group
Sprachassistenten erobern die Wohnzimmer und unseren Alltag. Sie gelten als die wichtigste technische Neuerung seit dem Smartphone. Auf der CES Anfang Januar in Las Vegas gab es vor wenigen Wochen Autos, Kühlschränke, Kopfhörer und Kaffeeautomaten zu bestaunen, in die sogenannten Voice Personal Assistants (VPA) eingebaut sind. Spracherkennung und -ausgabe sind derzeit der wachsende Kanal in der Kommunikation mit dem Konsumenten.
 
Die großen US-Tech-Konzerne versuchen, mit ihren Produkten den Markt einzunehmen: Apple mit Siri, Amazon mit Alexa, IBM mit Watson, Google mit Google Assistant und Microsoft mit Cortana. Ausgewählte Skills wie zum Beispiel die Fähigkeiten der Assistenten, bestimmte Fragestellungen zu beantworten, zeigen uns, welche Rolle die VPAs künftig in unserem Leben übernehmen könnten. Die nötige Infrastruktur ist bereits vorhanden. Die Verbreitung der Hardware - meist in Form von smarten Lautsprechern - geht derzeit schneller voran, als die Nutzungspotenziale erschlossen werden. In deutschen Haushalten dürften seit Weihnachten 2017 über eine Million Amazon Echo und Echo Dot sowie Google Home stehen.
 
Zukunftsorientierte Unternehmen suchen deshalb nach Ideen, wie sie den Trend für sich nutzen können. Nicht alle Anwendungsszenarien, die möglich sind, sind auch sinnvoll. Wozu einer Waschmaschine per Sprachsteuerung das gewünschte Programm mitteilen, wenn es mit dem Drehregler viel schneller geht - zumal der Kunde ohnehin vor Maschine steht, die er per Hand befüllen muss?

Kritisch nach dem Mehrwert fragen

Deshalb müssen Unternehmen, die sich mit einer Anwendung für den Assistenten positionieren möchten, als Erstes kritisch nach dem Mehrwert fragen. In welchen Fällen profitiert der Kunde wirklich davon, wenn die Eingabe per Sprache möglich ist? Bei dem Abfragen von Informationen, der Steuerung von smarten Produkten oder der Ausführung von E-Commerce-Transaktionen? Und welche Einsatzmöglichkeiten ergeben sich im Unternehmensumfeld?
 
Firmen, die ihre Daten bereits formatneutral hinterlegt haben und über konsistente Schnittstelle verfügen, sind klar im Vorteil, wenn sie Skills bereitstellen wollen, die tief mit Produktdaten, Unternehmenswissen und Abläufen verzahnt sind. Alle anderen müssen in dieser Hinsicht erst einmal die technischen Voraussetzungen für ein VPA-Projekt schaffen.
 
Sobald eine Idee für eine Anwendung mit echtem Mehrwert gefunden ist und die technischen Grundlagen geschaffen sind, stellt sich die Frage nach der Plattform. Dabei sind drei Aspekte zu beachten: 
  • Auf welchen Plattformen erreicht das Unternehmen seine Zielgruppe am besten?
  • Was bringt eine Präsenz auf möglichst vielen Plattformen - und was bedeutet sie für Implementierungsaufwände, Komplexität und Betrieb?
  • Stimmen die Strategien des Anbieters und die des Unternehmens überein oder kommt es hier zu Konflikten?
Widerstreitende Interessen kann es zum Beispiel zwischen Herstellern beziehungsweise Händlern und Amazon geben, wenn beide Seiten im Bereich VPA Partner, im Vertrieb jedoch Konkurrenten sind. Microsoft und IBM haben sich hingegen dazu bekannt, als reine Enabler und Technologielieferanten zu agieren.
(Quelle: Statista)

Lingua franca für Assistenz- und Voice-Services

Mein Wunsch ist deshalb eine Lingua franca für das Anbieten und Integrieren von Assistenz- und Voice-Services. Die Komplexität und der Aufwand für Anbindung und Betrieb der verschiedenen VPA Plattformen wäre enorm reduziert. Hardware-Devices wären nicht mehr fest mit einem VPA gekoppelt, sondern könnten flexibel das System wechseln oder mehrere VPAs nutzen. Aber haben die Anbieter überhaupt Interesse daran? Oder geht es ihnen darum, den maximalen Lock-in auf der eigenen Plattform zu erzeugen?
Vielleicht kann die Einsicht, alleine nicht auf dem Markt zu bestehen, zu gemeinsamen Standards führen. Amazon und Microsoft haben bereits eine Integration ihrer Services Alexa und Cortana angekündigt. Künftig soll es über Alexa möglich sein, Cortana zu verwenden. Auf diesem Weg integriert Amazon alle Cortana-Besonderheiten mit einem Schlag in seinen Alexa-Dienst. Umgekehrt kann Cortana alle Fähigkeiten von Alexa steuern.
Damit befindet der VPA-Markt jetzt genau an dem Punkt, an dem der für mobile Betriebssysteme Anfang des Jahrzehnts war. Wie heute bei den Sprachassistenten gab es eine Unzahl von Anbietern und Plattformen, Dienstleister, die Meta-Integrationen angeboten, sowie Analysten, die relevante Angebote für Märkte und Zielgruppen identifiziert haben. Und heute? Heute haben Android und iOS den Markt unter sich aufgeteilt und jede relevante App wird für genau diese beiden Systeme geliefert. Alle anderen Plattformen existieren entweder gar nicht mehr oder so sehr in der Nische, dass sie irrelevant sind.
(Quelle: Statista)
Wird sich der VPA-Markt ebenfalls zu einem Duopol entwickeln? Das lässt sich heute noch nicht sagen. Unternehmen sind dennoch gut beraten, sich schon jetzt mit dem Thema auseinanderzusetzen, Piloten zu starten und Verständnis für Potenziale und Use Cases zu entwickeln - und zwar auf der Plattform, die im Moment am ehesten zu eigenen Anwendungsszenarien und Zielgruppen passt. Investitionssicherheit gibt es natürlich nicht, aber viel zu lernen und wichtige Schritte zu gehen, bis sich Standards, führende Systeme und Integrationsmöglichkeiten etablieren.
 
Genau wie damals bei der Entwicklung der ersten Apps für Smartphones.



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