Expert Insights 03.01.2017, 08:15 Uhr

Internet of Things: Technik sucht Problem

Bislang überzeugt das Internet of Things nur in wenigen Fällen. Das ändert sich nur, wenn wir konsequent die Möglichkeiten der Digitalisierung und den Mehrwert der Vernetzung im Auge behalten.
Ingo Notthoff, Leiter Marketing bei T-Systems Multimedia Solutions
"Ding Dong" schellt es an der Tür. Draußen wartet ein vertrautes Gesicht: Der Paketbote. Hatte ich was bestellt? Ich stelle das Paket auf den Küchentisch und öffne es. Nuss-Nougat-Creme. Ein, zwei, drei ... zwanzig Gläser. Schon wieder, denke ich, und blicke entnervt zum Kühlschrank. Oder vielmehr zu dem, was ich vor lauter Dash Buttons noch davon sehe. Ich wollte den entsprechenden Nutella-Button doch höher hängen, außerhalb der Reichweite der Kinder.
Natürlich haben die Dash Buttons einen Bestellschutz, ja, aber dennoch: Ist das die schöne, neue Internet der Dinge-Welt? Der smarte Kühlschrank zum Beispiel wurde uns schon in den 80er-Jahren erstmals angekündigt. Und nun, soll er endlich zur Wirklichkeit werden - und das könnte durchaus Sinn machen, wenn die Zusammenstellung individueller Gerichte samt Einkauf der passenden Lebensmittel für mich übernommen wird.
Warum ich jedoch eine Waschmaschine per WLAN bedienen soll, erschließt sich mir nicht. Auch eine per App steuerbare, einfache Deckenleuchte bietet durch das Vorhandensein des Lichtschalters einen überschaubaren Mehrwert. Und mit smarter Hausautomatisierung können die meisten Wohnungsmieter sowieso nichts anfangen.
Vieles, was in den letzten Jahren unter dem Label Internet of Things (IoT) oder Smart Home auf den Markt gebracht und vermarktet wurde, ist schlichtweg am Nutzerfokus vorbei entwickelt worden. Sie verdienen sich höchstens das Prädikat "Brückentechnologie", bequemlichkeitsorientierte Brückentechnologie. Ein wirkliches Problem lösen diese Technologien nicht. Aber sollte es dabei in der digitalen Fortschrittsgesellschaft nicht gehen? Probleme mit Technologie zu lösen? Nicht einen Grund zu finden, im Sessel sitzen bleiben zu können statt aufstehen zu müssen?

Appell an Sinn und Verstand

Kaum einer braucht wirklich eine 9-Kilo-Lieferung Nutella. Was wir wirklich brauchen, ist eine Digitalisierung von Produkten mit Sinn und Verstand. Sie soll den Verbrauchern wirklich helfen, sie in ihren täglichen Lebens- und Arbeitsabläufen unterstützen und nicht ausschließlich die Bequemlichkeit der Verbraucher befeuern. Amazon Echo - wenngleich es noch nicht die volle Bandbreite der Möglichkeiten ausschöpft - ist so ein Beispiel echter IoT-Einbindung und eines der ersten, das die Brücke überwunden hat.

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Und es gibt durchaus einige weitere IoT-Anwendungen, die sinnvoll und durchdacht sind und einen wirklichen Mehrwert liefern. Dementsprechend würde ich auch Clemens Gleich widersprechen, der vor kurzem in seinem Kommentar "The Internet of Shitty Things" das IoT als einen "riesigen Haufen Scheiße" bezeichnete. So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Einige sinnvolle Einbindungen von intelligenter Technologie in Alltagsgegenstände findet man unter anderem im medizinischen Umfeld. So gibt es beispielsweise Matten für Babybetten, die den plötzlichen Kindstod verhindern können. Mit Sensoren ausgestattet, überwachen sie die Atmung des Kindes und geben somit Eltern ein gutes, beruhigendes Gefühl. Zwar ist die Anzahl der Todesfälle im Neugeborenen-Alter rückläufig, dennoch gilt der plötzliche Kindstod in Industrienationen als häufigste Todesursache für Kinder unter einem Jahr.
Ein weiteres Beispiel für Technologie im Alltag, die hilft, die Gesundheit aufrechtzuerhalten, sind Sensoren in Teppichen. Gerade ältere Menschen haben ein großes Sturzrisiko. Eine gemeinsame Untersuchung des Robert-Koch-Instituts, des Deutschen Zentrums für Altersfragen und des Statistischen Bundesamts bestätigt dies: Demnach stürzen fast ein Drittel der 65-Jährigen und Älteren sowie die Hälfte der 80-Jährigen und Älteren jährlich mindestens einmal. In Anbetracht der aktuellen Bevölkerungsstruktur ergeben sich somit mindestens fünf Millionen Stürze älterer Menschen pro Jahr. Die Integration von Sensoren ermöglicht eine schnelle Hilfe im Fall eines Sturzes: Sobald der Sturz erfasst wurde, sendet der Teppich einen Hinweis an das per Funk angeschlossene Alarmsystem und informiert den Notarzt.

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Etwas banaler, aber dafür umso praktischer kommen die Sensoren daher, die in Pflanzenkübel integriert werden können. Diese geben Bescheid, wenn die Pflanzen gegossen werden müssen oder bewässern diese eigenmächtig bei Bedarf - so sie denn an ein Bewässerungssystem angeschlossen sind.
Dies sind nur drei Beispiele für die gelungene Umsetzung von IoT. Und weitere werden folgen, da bin ich sicher. Aber nur, wenn wir konsequent die Möglichkeiten der Digitalisierung und den Mehrwert der Vernetzung für den Endkunden oder Nutzer im Auge behalten.

Treiber der Digitalisierung

Was die Digitalisierung, gerade im Smart Living- und IoT-Bereich, braucht, ist eine "Schumpeter’sche Herangehensweise". Und nein, es muss nicht immer die vom Wirtschaftsökonom geforderte schöpferische Zerstörung sein, wohl aber eine konkrete Problemstellung, die mit den Möglichkeiten der Technik neu angegangen wird.
Da sei die Frage erlaubt, ob die Notwenigkeit, einen Lichtschalter zu betätigen, ein wirkliches Problem ist? Auch der von mir gelobte Kühlschrank kommt da fast schon trivial daher. Energieeffizienz, Sprachsteuerung oder Notfallsicherungen zum Beispiel fallen da schon schwerer ins Gewicht. Und genau hier liegt der wirkliche Mehrwert für den Verbraucher, der über die reine Spielerei hinausgeht. Nur verlieren wir den allzu oft aus dem Blick.
Versuchen wir jedoch konkrete Problemstellungen mit den Möglichkeiten der digitalen Transformation anzugehen und zu überwinden, umständliche Workarounds (wenn es sie denn überhaupt gibt) oder aufwändige Prozesse zu eliminieren, dann bewegen wir uns ja vielleicht doch in Richtung der schöpferischen Zerstörung. Neues löst Altes ab. Neudeutsch spricht man sicher eher von Disruption. Und das ist doch der Kern der Digitalisierung, Altes neu zu denken und alte Probleme zu überwinden. Aber bitte mit einem entsprechend sinnvollen Fokus! Und der sollte auf dem Mehrwert für Verbraucher, Anwender oder Gesellschaft liegen.



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