Technische Lösung 14.10.2017, 11:18 Uhr

Mit Produktkonfiguratoren zur individuellen Wunschware

Produktkonfiguratoren verhelfen den Kunden nicht nur zur individuellen Wunschware, sie können auch persönliche Berater ersetzen und Vertriebsprozesse vereinfachen. Doch wann sind sie sinnvoll?
(Quelle: shutterstock.com/pogonici)
Einzigartige Sneakers designen, ein Müsli nach den eigenen Geschmacksvorlieben zusammenstellen, das Wand­regal passend zur Dachschräge der Wohnung zusammenstellen: ­Individualisierbare Produkte liegen im Trend. So setzt beispielsweise das Start-up Helmade auf individuelle Designs von Motorradhelmen, die bisher nur im professionellen Motorsport angeboten wurden. Auch Anbieter wie Ollo mit einem Kinderfahrrad- oder Limberry mit einem Dirndl-Konfigurator wollen mit individualisierten Produkten immer neue Kunden anlocken. 
Doch die Kundengewinnung über persönlich gestaltete Produkte ist nur eine mögliche Motivation für die Einführung von Produktkonfiguratoren in Online Shops. Auch Zeit- und Kosteneinsparungen im Vertrieb können Gründe für diesen Schritt sein. Beim E-Bike-Spezialisten ­Riese & Müller zum Beispiel mussten die Vertriebsmitarbeiter früher Listen mit den Kundenwünschen manuell ins System einpflegen. Ziel der Einführung des Konfigurators war die Abschaffung der altmodischen Papier- und Stift-Konfiguration samt ausgedruckten Excel-Sheets und ­unleserlichen Handschriften.

Konfiguratoren für Beratung bei technischen Produkten

Daneben können technisch ­anspruchsvolle Produkte den Einsatz eines Konfigurators sinnvoll machen. In solchen Fällen ersetzen sie die persönliche Beratung durch einen Verkäufer. Der Badausstatter Reuter etwa vertreibt Produkte, mit deren Zusammenstellung Kunden nicht täglich konfrontiert werden. "Wir wollen den Kunden Sicherheit und Kompetenz vermitteln, damit sie solche Produkte beurteilen und möglichst leicht bestellen können", erklärt Sascha Jovanoski, Leiter Web­entwicklung. Wie das konkret funktioniert, wird bei der Auswahl einer Badewanne deutlich: Nachdem der Konfigurator den Kunden zum passenden Produkt geleitet hat, führt er ihn zum notwendigen und passenden Zubehör, das zur gewünschten Wanne mitbestellt werden sollte. 
Doch nicht immer ist ein Produktkonfigurator nötig oder auch möglich. Shop-Betreiber mit technisch anspruchsvollen Produkten, die den Einsatz eines solchen Tools in Erwägung ziehen, sollten deshalb zunächst über Usability-Tests herausfinden, welche Probleme ihre Nutzer bei der Produktauswahl tatsächlich haben. Online-Händler, die auf individualisierbare Produkte als Geschäftsmodell setzen, sollten genau prüfen, ob ein solches Alleinstellungsmerkmal wirklich Erfolg versprechend ist. Ist dann eine Entscheidung ­zugunsten eines Konfigurators gefallen, ist es wichtig, die Zielgruppe zu analysieren. 

Konsequentes Ausrichten auf die Zielgruppe

Alexander El-Meligi, Managing Partner bei der Kölner Agentur Demodern, rät, das Tool in allen Aspekten konsequent auf die Zielgruppe auszurichten. "Vom Konzept oder UX-Design bis hin zur Entwicklung spielen hier viele Faktoren eine wichtige Rolle", so El-Meligi. Diese Gedanken haben sich auch die Entwickler bei Netz98 gemacht, die den Konfigurator für den ­E-Bike-Anbieter Riese & Müller umgesetzt haben. Die Mainzer Agentur hat eine Oberfläche entwickelt, die sich permanent auf Basis des Nutzer-Feedbacks verbessern und um neue Funktionen ergänzen lässt.
In welcher Form ein Produktkonfigurator zum Einsatz kommt, hängt auch davon ab, welche und wie viele Auswahloptionen angeboten werden. Die Formel: Je mehr Auswahloptionen verfügbar sind und je schneller die Lieferung erfolgen soll, desto höher sind die Anforderungen an die ­Lagerhaltung beziehungsweise die Zulieferer. Hier gilt es zu klären, ob die nötigen Ressourcen vorhanden sind. 
Zudem stellen sich Fragen zur Retourenregelung: Viele Shops schließen eine Rückgabe invidualisierter Produkte aus und weisen im Check-out explizit darauf hin. ­Andere gewähren bei der Rückgabe Gutscheine oder erlauben Neubestellungen.
Die Entwicklung eines Produktkonfigurators ist komplex. Entsprechend lange kann die Umsetzung dauern: Drei Monate inklusive Konzeption und Abstimmung sind keine Seltenheit. Kommt wie beim Helm-Shop Helmade die Gestaltung der Webseite inklusive Magento-Shop, 3-D-Konfigurator und diverse Schnittstellen hinzu, kann ­daraus auch mal ein halbes Jahr werden. 

Anpassung von Standard-Tools nur begrenzt möglich

Das liegt vor allem daran, dass die am Markt erhältlichen Lösungen - egal ob Bausteinsystem oder Standardlösung - an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden müssen. Gelingt dies nicht, muss der Konfigurator komplett in Eigenregie entwickelt werden. Eigenentwicklungen sind vor allem dann von Vorteil, wenn große oder komplexe Datenmengen zu verarbeiten sind oder Auswahloptionen ohne Kompromisse abgebildet werden sollen. 
Eine wichtige Komponente bei der Umsetzung sind die vorhandenen Shop- und IT-Systeme. Generell werden Konfiguratoren meist über eine Schnittstelle an die firmeneigene Infrastruktur wie ERP-System (Enterprise Resource Planning), Content-Management-System (CMS) oder das Shop-System angebunden. Allerdings ­unterscheiden sich diese Systeme sehr, ­sodass standardisierte Konfiguratoren nur begrenzt angepasst werden können. 

3D-Konfigurator mit "WebGL"

Demodern hat den 3-D-Konfigurator von Helmade aus diesem Grund mittels "WebGL" umgesetzt. Das ist ein aktueller, in allen gängigen Browsern verfügbarer 3-D-Standard, der die Darstellung von 3-D-Geometrie in Echtzeit ermöglicht. Für den Konfigurator beim Fahrrad-Shop Ollo hat die Agentur Tudock die herkömmliche Variantenauswahlbox des Shop-Systems gegen eine grafische Benutzeroberfläche zur Fahrradauswahl getauscht. Das Produktbild setzt sich nun aus einzelnen Bildmasken dynamisch zusammen. Das Ganze basiert auf Java Script und ist in das Magento2-System integriert. 
Nicht immer werden die Erwartungen an einen Produktkonfigurator sofort ­erfüllt. Der Dirndl-Konfigurator von Limberry zum Beispiel wurde von den Kunden zunächst nicht angenommen. Erst das zusätzliche Angebot an fertigen Dirndln führte zum Erfolg. Heute können Kunden im Limberry-Shop auch Ballerinas, Mützen oder Janker selbst gestalten. Auch ­Ollo hat sein Angebot um fertig konfigurierte Bikes aufgestockt, um allen Kunden ­gerecht werden zu können. 
Die Konfiguratoren sollen aber nicht nur den Umsatz ankurbeln. E-Bike-Anbieter Riese & Müller sieht als Vorteil, dass die Erfassung der Rad-Konfigurationen nun komplett digital erfolgt. Das bedeute eine enorme Erleichterung beim Sales-Team. Zudem können laut Riese & Müller die einzelnen Händler schneller und einfacher bestellen, was die Support-Anfragen reduzierte. Und auch Badausstatter Reuter fühlt sich durch die Shop-Konfiguratoren unterstützt. Dazu gehört beispielsweise, dass die Hotline entlastet und Retouren reduziert werden.



Das könnte Sie auch interessieren