Warum Voith sich an Ray Sono beteiligt

Digitalisierung soll Wachstum für Voith ermöglichen 

Lassen Sie uns noch einmal zurückgehen zum Thema Digitalisierung. Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Geschäftsbereich Digital Solutions bei Voith?
Münch:
Ziel ist, die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen, um für Voith Wachstum zu generieren, und zwar zunächst in den uns angestammten industriellen Bereichen. Ein Beispiel: Wir haben viel mit unseren Kunden der Papierindustrie in Europa, in Asien, in den USA gesprochen, um herauszufinden, was wir besser machen können und wo neue ­Geschäftsmodelle liegen könnten. Ein solcher Punkt war, dass viele Papierhersteller mit großen Mengen an Altpapier arbeiten.  Die Beschaffung dieses Rohstoffs ist gerade in den USA aufwendig, weil ganz unterschiedliche Lieferanten Altpapier zur Verfügung stellen und es keinen effizienten Beschaffungsprozess gibt. Deswegen entwickeln wir seit einem Jahr eine digitale Plattform für den Handel von Altpapier. Im März sind wir - noch regional begrenzt - mit unserer Plattform MerQbiz live gegangen. In der alten Welt des Voith-Denkens wäre es nicht möglich gewesen, so ein Projekt außerhalb unseres Kerngeschäfts zu starten. Denn wir stellen damit nicht wie bisher ein Produkt, sondern ­einen Service bereit. 
Werden ergänzende Services neben dem reinen Produkt immer wichtiger?
Münch:
Ja, und dabei gibt es aus meiner Sicht zwei Arten: Zum einen die neuen Services wie die Altpapierplattform, zum anderen die Services, die mit dem Produkt kommen und über den kompletten ­Lebenszyklus hinweg den perfekten Lauf gewährleisten, etwa bei der Sicherstellung der produzierten Qualität und der Wartung. Hierbei spielt auch die Usability, die User Experience, eine große Rolle, um demjenigen, der die Maschine bedient, komfortabel die richtigen Hinweise geben zu können. Das wird irgendwann auch ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal sein. 
Helbing: Die Industrie war in der Vergangenheit sehr stark auf die Produktentwicklung fokussiert. Durch die Einbeziehung der Kundenperspektive entstehen genau solche neuen Services und Lösungen. Im B2C-Bereich ist diese Form der Kundenzentriertheit bereits präsenter, bei der Produkte um digitale Services ergänzt werden, die die Customer Experience verbessern sollen. Voith geht hier im B2B-Bereich genau den gleichen Weg, die Experience zu verbessern und eben nicht nur eine Industrieanlage zu verkaufen, sondern sie mit entsprechenden Services zu ergänzen.

"Wir waren besorgt, dass Google uns die zweite Reihe drängen könnte"

Müssen Sie als Maschinenbauer sich in diese Richtung bewegen, damit Ihnen andere Konzerne diese neuen Geschäftsfelder nicht aus der Hand nehmen?
Münch:
Es ist wie immer im Leben: Wir ­sehen derzeit eine starke Veränderung.  Wenn ich diese Welle mitreite, ist es für mich eine riesige Chance. Wenn ich die Welle versäume, kann das leicht zu einem substanziellen Risiko werden. Wir wollen auf dieser Welle mitreiten und sie auch mitgestalten. Wir waren vor zwei Jahren sehr besorgt, dass uns Firmen wie Google, wie IBM mit ihrem Wissen, ihrem Umgang mit Daten in die zweite Reihe drängen könnten. Mittlerweile sehen wir, dass die Dinge wesentlich einfacher werden, wenn ein Unternehmen über das nötige Domänenwissen verfügt. Wenn man eben weiß, warum sich eine Maschine so bewegt, wie sie sich bewegt und die dazugehörigen Daten in einen entsprechenden Kontext bringen kann. Die pure maschinelle Datenanalyse reicht nicht aus, um sagen zu können, warum etwas nicht funktioniert. Diese Expertise haben wir im Haus, zudem rüsten wir unsere Maschinen mit immer mehr Sensorik aus. Dazu kommt jetzt das digitale Wissen durch Ray Sono. Beides zusammen macht einen entscheidenden Unterschied gegenüber Wettbewerbern. 
Was haben Sie denn als erstes Projekt mit Ray Sono zusammen auf der Agenda?
Münch:
Eines unserer Paradeprojekte ist der Altpapier-Marktplatz, an dem wir weiterarbeiten werden. Daneben werden es die wesentlich bedienerfreundlicheren  Benutzeroberflächen sein, die wir entwickeln wollen. Außerdem arbeiten wir an unserem Webshop, einem B2B-Shop, der heute mit ausgewählten Kunden läuft und den wir weiter ausbauen wollen. In all diesen Projekten kommt es auf eine hohe Bedienerfreundlichkeit und auf eine gute Plattformanalyse an, und hier bringt Ray Sono ein großes Wissen ein. Und das schwingt dann auch wieder zurück zu Ray Sono: Wenn wir über so einen Webshop oder eine Maschinensteuerung nachdenken, setzen wir ganz interessante Gedanken frei, etwa wie Datenmodelle dahinter aussehen müssen oder wie Artificial-Intelligence-Lösungen eingesetzt werden könnten. Und das kommt dann auch Ray Sono und seinen Kunden wieder zugute. 
Damit könnte aber auch Know-how an ­einen Wettbewerber abfließen. Ist das ein Problem für Sie?
Münch
: Wir glauben, dass der wesentliche Faktor in Zukunft Geschwindigkeit sein wird. Es wird andere geben, die unsere MerQbiz-Plattform nachbauen werden. Aber wir haben einen zeitlichen Vorsprung und werden diesen Vorsprung halten. Und so sehe ich das mit vielen anderen Dingen auch.

"Wir gehen mit beiden Beinen und voller Kraft hinein"

Auch, indem Sie Maßstäbe setzen, was die Verknüpfung von Systemen angeht, das ­Zusammenspiel von digitalisierten Komponenten?
Münch:
Ja, wir werden in den kommenden zwei Jahren 100 Millionen Euro in die Entwicklung digitaler Produkte und Services investieren, das heißt, wir gehen da mit beiden Beinen und voller Kraft hinein. 
Wie viel davon ist denn in die Ray-Sono-­Beteiligung geflossen?
Helbing
: Dazu können wir natürlich keine Aussage treffen. 
Münch: Aber was wir sagen können, ist, dass die Ray-Sono-Beteiligung darin nicht enthalten ist.



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